"Halte Regietheater für eine Selbstüberschätzung"

Interview |
  • Roland Schimmelpfennig träumt davon, mit seiner Frau und Schriftstellerkollegin Justine del Corte ein Theater zu übernehmen.
    foto: standard/andy urban

    Roland Schimmelpfennig träumt davon, mit seiner Frau und Schriftstellerkollegin Justine del Corte ein Theater zu übernehmen.

Roland Schimmelpfennig inszeniert "Der Komet", ein Stück seiner Frau Justine del Corte

Am Wiener Akademietheater inszeniert der deutsche Regisseur Roland Schimmelpfennig derzeit "Der Komet", ein Stück seiner Frau Justine del Corte. Premiere ist am 9. September. Wie man als Ehepaar zusammenarbeitet und wie verheerend Regieeinfälle sein können, erzählte er Margarete Affenzeller.

STANDARD: Was ist eine Brunftmuschel? Sie kommt im Stück "Der Komet" vor.

Schimmelpfennig: Eine Brunftmuschel ist eine sehr große Muschel, die einen Ton macht, wenn man in sie hineinbläst. Ein tiefer, geheimnisvoller, uralter Ton. Jäger verwenden sie zum Anlocken von Hirschen. Es geht in Der Komet um dionysische Kulte. Das Stück ist ein Fest der Befreiung.

STANDARD: "Deine Arschbacken ragen in den Himmel wie zwei Fürbitten", heißt es einmal. Wie sorgt man dafür, dass eine so bildmächtige Sprache größtmöglich wirkt?

Schimmelpfennig: Dafür braucht es zunächst zwei großartige Darsteller, Martin Schwab und Dorothee Hartinger, das kann man schwer beschreiben, das muss man sehen.

STANDARD: Aber generell gefragt: Wie findet man die richtige Ton lage für die Sätze?

Schimmelpfennig: Grundsätzlich gilt: Nie schneller sprechen, als man denken kann!

STANDARD: In welchem Stadium haben Sie, als Ehemann der Autorin, den Text kennengelernt?

Schimmelpfennig: Schon in ersten Entwürfen. Vor zirka zwei Jahren.

STANDARD: Werden künstlerische Probleme im Privaten besprochen?

Schimmelpfennig: Bei uns zu Hause findet ein ständiger Austauschprozess statt. Das gilt genauso auch während der Entstehung meiner Texte. Das fängt beim Frühstück an und hört abends auf.

STANDARD: Die Stimmung im "Kometen" erinnert an den "Sommernachtstraum", auch an Autoren wie Woody Allen, Yasmina Reza.

Schimmelpfennig: Das wären nicht die allerschlechtesten Referenzen, aber del Corte kommt nicht aus New York oder Paris, sondern aus Mexiko - und Berlin. Die Figuren im Komet beschäftigen sich sehr stark mit den letzten Dingen. Trotz aller Komik und scheinbarer Leichtigkeit ist der Tod ein zentrales Motiv.

STANDARD: Ein Kunstgriff dabei ist die Mechanik der Rekonstruktion, also das Werkzeug, dass sich Figuren in einer früheren Version imaginieren. Eine Idee, die auch Sie in Ihren Stücken verwenden. Warum?

Schimmelpfennig: Die Rekonstruktion, der Rücksprung in die Vergangenheit ist immer ein Theaterwunder. Theater lebt von dem Zauber der Wiederholung. Der Mensch schlägt auf der Bühne der Zeit ein Schnippchen. Und genau das versucht in anderer Weise die Braut in Der Komet, wenn sie ihre eigene Hochzeit wiederholen will.

STANDARD: Weiß man über sein eigenes Stück immer mehr als fremde Regisseure?

Schimmelpfennig: Es war für mich als Regisseur meiner eigenen Stücke ein großer Vorteil, dass ich sie nicht komplett neu entdecken musste. Und auch jetzt arbeiten Justine del Corte und ich als Team. Das ist ein großer Gewinn für alle Beteiligten.

STANDARD: Macht die enge Zusammenarbeit von Autor und Regie nicht auch betriebsblind? Das Modell ist im deutschsprachigen Raum (noch) nicht sehr verbreitet.

Schimmelpfennig: Ich habe so eine Zusammenarbeit in sehr schöner Weise im Ausland erlebt. Ich liebe das. Vor allem, dass der Autor für voll genommen wird. Ich mag nicht, wenn ein Regisseur sich an einem Text austobt, also seine Vision über einen Text stülpt, denn so stark sind die meisten Regie einfälle nicht. Meistens sind sie schwach. So gut wird ein Regisseur nur sehr selten sein, dass er gedanklich und künstlerisch auf die Höhe kommt, die ein Autor längst erreicht hat, nachdem er manchmal jahrelang an einem Text gearbeitet hat. Ich halte das Regietheater in den meisten Fällen für eine gewaltige Selbstüberschätzung.

STANDARD: Es gibt aber doch immer mehrere Wahrheiten eines Stücks.

Schimmelpfennig: Ja, sicher. Ein anderer wird es anders machen.

STANDARD: Haben Sie sich als Autor jemals missverstanden gefühlt?

Schimmelpfennig: Ja, sicher. Oft. Sehr oft. Zum Glück gab es die Zusammenarbeit mit Jürgen Gosch. Aber darüber hinaus habe ich immer wieder auch verheerende Missverständnisse erlebt - wobei sich dann oft Regie und Schauspieler gleichzeitig selbstverliebt und ängstlich oder faul dem Schmerzpunkt des jeweiligen Stücks gar nicht gestellt hatten. Dann wird es schnell langweilig.

STANDARD: Sie sind gut im Geschäft. Gibt es neue konkrete Pläne?

Schimmelpfennig: Es gibt konkrete Pläne für Berlin und Hamburg, auch Produktionen in Stockholm und New York sind geplant. Als Nächstes schreibe ich ein Stück für das Neue Nationaltheater Tokio. Da geht es um Fukushima - im weitesten Sinne.

STANDARD: Sie sind künstlerisch sehr produktiv, dennoch haben Sie den Wunsch, ein eigenes Theater zu leiten. Warum?

Schimmelpfennig: Del Corte und ich träumen schon lange von einer eigenen Truppe. Langsam wird es Zeit dafür. Wir haben genügend Ideen und Weggefährten für ein neues, aufregendes, internationales Theater. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 31.8.2012)

Roland Schimmelpfennig, geboren 1967 in Göttingen, ist der derzeit erfolgreichste Dramatiker im deutschsprachigen Raum. Er ist verheiratet mit der Schauspielerin und Schriftstellerin Justine del Corte, mit der er zwei Töchter hat.

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