Cyber-Bildersturm und Analog-Nostalgie

  • Die Ars Electronica nimmt den Besucher ins Visier: Unablässig verfolgen 
die Überwachungskameras in Seiko Mikamis Installation "Desire of Codes" 
im Lentos-Museum jede Bewegung der Betrachter.
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    foto: ryuichi maruo [ycam]

    Die Ars Electronica nimmt den Besucher ins Visier: Unablässig verfolgen die Überwachungskameras in Seiko Mikamis Installation "Desire of Codes" im Lentos-Museum jede Bewegung der Betrachter.

Ausstellungen und Symposien suchen nach neuen großen Welt-Bildern. Von der Weltkarte, die die Erde auf den Kopf stellt, bis zum Überwachungsbild ist alles dabei

Linz - Sie machen ein schnarrendes, knatterndes Geräusch, kommen unangenehm nahe: jene sechs knöchrigen Metall-Arme im völlig abgedunkelten ersten Raum des Untergeschoßes im Lentos. Jeder von ihnen ist mit einer kleinen Lampe und einer noch viel kleineren Kamera ausgestattet. Unablässig verfolgen sie Besucher, wenn sich diese zwischen ihnen hindurchbewegen, tasten ab, schnüffeln sich heran. Das Bild, das sie machen, wird auf den Boden geworfen, der Betrachter wird ungefragt zu Subjekt und Objekt in einem.

Der kurze, aber intensive Parcours ist ein Teil der großen Installation "Desire of Codes" von Seiko Mikami. Die japanische Künstlerin ist heuer "Featured Artist". Sie spricht eine ästhetisch wie inhaltlich klare Sprache: Wer sich auf die Suche nach dem verheißungsvollen "Big Picture" macht, stößt dabei schnell auch auf die ernüchternden Schwarz-Weiß-Bilder von omnipräsenten Überwachungskameras. Was diese verweigern, nachdem sie uns in Parkgaragen oder auf öffentlichen Plätzen gefilmt und fotografiert haben, schafft Mikami, sie gibt uns die Bilder mit unserem Konterfei zurück. Angenehmer wird die Sache dadurch nicht. Es ist eines der klarsten Statements dieser Ars.

Weltkarten im Großformat

500 Meter weiter, im Brucknerhaus, wird diese Klarheit aufgeweicht, verliert sich etwas in vielen Deutungsmöglichkeiten und Erklärungsmodellen des vielschichtigen Themas. Von der Decke hängen Weltkarten im Großformat, die ein anderes Bild der Erde als das eurozentrierte zeigen: Einmal wird die Erde auf den Kopf gestellt, wird der Nord- zum Südpol, einmal liegt Ozeanien in der Mitte, und Europa führt - basierend auf der sogenannten "Peters-Projektion" - ein flächentreues, kleines "Ende-der-Welt-Dasein".

Eine andere Karte greift die Dymaxion-Weltkarte des Architekten Richard Buckminster Fuller auf, die eine Projektion der Weltkarte auf ein Polyeder ist, die - aufgefaltet - eine Betrachtung der Kontinente zulässt, die weniger unter- als nebeneinander liegen. Das "Buckminster Fuller's World Game Lab" erweitert sie um die Darstellung von unterschiedlichen globalen Strömen wie Migration. Diese Hängung unterschiedlicher Weltkarten vermittelt: Ein neuer Blick auf die Welt muss her. Wird er aber nicht schon längst geworfen? Diese Frage drängt sich dem auf, der den Blick senkt und die Kartonwand entlanggeht, die sich von Nischen und Kojen unterbrochen durch das Foyer schlängelt. Und das ist ein - positiv betrachtet - reichhaltig zu nennender Mix aus unterschiedlichsten Projekten und Positionen:

Syrische Designer

"Syrian People know their Way" dokumentiert eine Gruppe aus jungen syrischen Designern, Künstlern und Aktivisten, die ihre Kritik am Regime formuliert - mutig und ironisch zugleich. Andere Zugänge beschäftigen sich generell mit der Visualisierung von Daten, etwa das Kollektiv SEED. Andere Projekte wiederum gehen die Suche nach neuen Bildern auf der esoterischen Ebene oder jener der Unterhaltungsindustrie an wie das "Johnny Cash Project". Diese Hauptausstellung ist wohl ein Versuch, die Vielschichtigkeit des Themas darzustellen, allerdings mit dem Risiko, in den Untiefen der Beliebigkeit aufzulaufen.

Ein Stockwerk tiefer zeigen Studierende von "Interface Culture" an der Kunstuniversität Linz, dass gerade junge Menschen ihre neuen Bilder auch im Analogen finden. Studienrichtungsleiterin Chris ta Sommerer merkt im Gespräch an, dass "eine Nostalgie bei den Jungen spürbar ist und eine Sehnsucht nach dem Unperfekten". Und so dient ein Holzkasten als Rahmen für eine technisch ausgefeilte Arbeit: Marie Polakova und Chiara Esposito lassen mit "Eye verse" Betrachter an der chronischen Augenkrankheit einer der beiden Künstlerinnen teilhaben. Ein kleines Loch in einem hölzernen Guckkasten zieht Neugierige an. Wer durchschaut, wird mit einem Bild, das an Sternschnuppen erinnert, belohnt - eine bittere Belohnung allerdings. Denn das Bild ist jenem nachempfunden, das durch eine Krankheit namens proliferative diabetische Retinopathie ausgelöst wird. Die Statements dieser Ausstellung mit dem Titel Interface Cuisine bieten einen trag- und diskursfähigen Unterbau zum Thema der Ars Electronica 2012.

Zitate des Analogen

Ein jährlicher Publikumsmagnet ist die CyberArts Ausstellung im OK Offenes Kulturhaus. Aus sieben Kategorien werden Goldene Nicas, Auszeichnungen und Anerkennungen gezeigt. In der sogenannten "Schlucht" empfängt Julius von Bismarcks Versuch unter Lampen die Besucher: eine kinetische Skulptur aus vier frei schwebenden Pendelleuchten, die durch ihre Kreisbewegungen Raum und Wahrnehmung verändern. Eine Installation dokumentiert Agnes Meyer-Brandis' Versuch, Gänse für eine Mondfahrt zu trainieren, basierend auf einer Science-Fiction-Geschichte aus dem 17. Jahrhundert.

Und auch die Goldene Nica für Computer-Animation geht an ein Zitat des Analogen: In "Rear Window Loop" läuft Alfred Hitchcocks "Fenster zum Hof" mittels dreier Projektoren in Super-Super-Cinemascope ab: ein statischer Blick in ebenjenen weltberühmten Hof, einem Tableau vivant nachempfunden, bei dem das Setting unverändert bleibt. Bewegung und Erzählung erfolgt durch das Montieren der Handlungsabläufe in den Apartments, hinter den Fenstern oder im Garten.

Nicht die Bilder laufen, so scheint es, vielmehr muss der Blick wandern. Vielleicht wäre auch das eine Antwort auf eine mögliche Frage dieser Ars Electronica: Was, wenn die Suche nach dem "Big Picture" als Weltmodell weniger vom Bild selbst als vom Blickwinkel des Betrachters abhängt? Eigene Antworten kann sich jeder Interessierte bis 3. September geben. (Wiltrud Hackl, DER STANDARD, 31.8.2012)

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