Keynes gegen Friedman: 1:0

Gelddrucken mag zwar unter anderen Umständen zu hoher Inflation führen, in der heutigen Krise aber sicher nicht

Die vielleicht wichtigste Debatte über die Zukunft des Euro und des weltweiten Finanzsystems wird an einer Front geführt, an der die beiden Seiten durch zwei Giganten der Nationalökonomie repräsentiert werden: John Maynard Keynes und Milton Friedman.

Dabei geht es um die Frage: Werden die lockere Geldpolitik der Federal Reserve und der geplante Ankauf von Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank (EZB) früher oder später zu hoher Inflation, vielleicht sogar Hyperinflation führen? Das behaupten etwa in den USA die Republikaner und in Europa der Deutsche-Bundesbank-Chef Jens Weidmann. Die Gegenstimmen sind allerdings genauso laut.

Die Antwort hängt davon ab, wem man glaubt: Friedman oder Keynes.

Für Friedman und seine Anhänger wie den vom STANDARD interviewten US-Ökonomen Allan Meltzer ist Inflation stets ein monetäres Phänomen: Zu viel Geld jagt nach zu wenigen Gütern, die damit gekauft werden können. Wenn eine Notenbank Geld druckt bzw. Liquidität in das Finanzsystem pumpt, um eine schwächelnde Konjunktur zu beleben, dann steigen die Preise und nicht das Angebot.

Für Keynes und moderne Keynesianer wie Paul Krugman ist Inflation ein konjunkturelles Phänomen: Preise steigen, wenn die Gesamtnachfrage in der Wirtschaft stärker ist als das Angebot. In einer Rezessionsphase, in der Kapazitäten brachliegen und viele Menschen Arbeit suchen, wird es daher auch bei einer rasch wachsenden Geldmenge nicht zu Preis- und Lohnsteigerungen kommen. Niedrigere Zinsen, die mit mehr Geld einhergehen, helfen aber, die Konjunktur anzukurbeln.

Wer hat recht? Das gilt heute vor allem als ideologische Frage, sollte es aber nicht sein. Denn ökonomische Debatten sollten durch Fakten und historische Erfahrungen entschieden werden. Aber weil sich die Experten so uneins sind, muss der Bürger, dessen Meinung hier zählt, sich selbst durch die widersprüchlichen Modelle durchschlagen.

Meine persönliche Antwort:

Bei hohen Inflationsraten liegt Friedmans Monetarismus richtig. Steigt die Inflation einmal in den zweistelligen oder gar dreistelligen Bereich, ist es nicht mehr die starke Nachfrage, sondern sind es das ständige Laufen der Gelddruckerpresse und die damit verbundenen inflationären Erwartungen, die den Preisanstieg antreiben. Hohe Inflation geht dann oft mit schwachem Wachstum und sogar wirtschaftlichem Kollaps Hand in Hand.

Aber bei Inflationsraten von zwei oder drei Prozent ist das monetäre Schreckgespenst Unfug. Es gibt kaum ein faktisches Beispiel und auch kein ökonomisches Modell, das zeigt, warum eine temporäre lockere Geldpolitik bei schwacher Nachfrage eine inflationäre Spirale auslöst.

Entscheidend ist hier, ob die Notenbank wieder auf die Bremse steigt, wenn sich die Konjunktur erholt. Monetaristen warnen, dass dies nicht geschieht, weil Notenbanker wie die gesamte Wirtschaft vom billigen Geld abhängig werden und dann wie Drogensüchtige ihr Urteilsvermögen verlieren. Aber das ist ein psychologisch-politisches Argument, kein ökonomisches.

Es gibt keinen Grund zu glauben, dass Fed-Chef Ben Bernanke oder EZB-Präsident Mario Draghi nach einigen Monaten der temporären Geldschwemme sowohl ihre Mission als auch ihr volkswirtschaftliches Wissen vergessen werden. Und da diese Notenbanken von der Politik unabhängig sind - zu sehr für manche Kritiker -, können sie auch von den Regierungen nicht dazu gezwungen werden, diesen Kurs fortzusetzen.

Für das Deutschland der 20er Jahre, das Lateinamerika der 80er und das Simbabwe der letzten Jahre haben die Monetaristen recht. In der jetzigen Situation in den USA und der Eurozone sind ihre Warnungen dagegen unangebracht und sogar gefährlich, weil sie die öffentliche Meinung gegen notwendige Maßnahmen wie den unbegrenzten Ankauf spanischer und italienischer Staatsanleihen durch die EZB aufhetzen.

PS: Die Studie von zwei IWF-Ökonomen, die vorschlägt, das heutige System der Geldschöpfung durch die Banken zu beenden und durch ein System des Vollgeldes, das ausschließlich von den Notenbanken herausgegeben wird, zu ersetzen, ist hochinteressant und sollte eine breitere Diskussion anstoßen.

Zwei Dinge fallen allerdings auf: Das Papier ist keine IWF-Position, sondern die Privatmeinung zweier ihrer Forscher. Es ist gut, wenn der Währungsfonds jungen Forschern den Spielraum gibt, über neue Wege nachzudenken. Was an dem Papier allerdings stört, ist, dass die Autoren, Jaromir Benes und Michael Kumhof, Gegenargumente zum Chicago-Plan der 1930er-Jahre nicht einmal ansprechen. Zu sagen, die Umsetzung in den USA sei nur am Widerstand der Banken gescheitert, ist zu billig.

Gute Ideen setzen sich meist durch oder werden zumindest über die Jahrzehnte ernsthaft diskutiert. Wenn das in 80 Jahren nicht geschehen ist, liegt das vielleicht daran, dass das Vollgeld möglicherweise doch nicht der Weisheit letzter Schluss ist. (Eric Frey, derStandard.at, 30.8.2012)

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