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Kaum eine andere Pflanze wird aus den unterschiedlichsten Gründen so verhätscherlt wie die Brennnessel.
Unter all den Gartentätigkeiten, die man quasi als Preis für das Zähmen der Natur bezahlen muss, ist eine von ganz ausgesucht genussreicher Besonderheit. Wahrscheinlich nicht für jeden, aber es gibt bestimmt Mitmenschen, die ähnlich empfinden. Zugegeben: Menschen wie diese empfinden auch Genuss, wenn sie zum Beispiel Wundschorf, die Kruste über einer abheilenden Wunde, vorsichtig anheben und dann ganz, ganz langsam abziehen. Menschen wie diesen läuft auch ein wohliger Schauer den Rücken hinunter, wenn sie sich das Gefühl vorstellen, das beim Ziehen der Fäden einer Wundnaht entsteht.
Es geht um das langsame Sich-Lösen, das minimal ruckartige, zupfende Nachlassen eines Widerstandes, das einem nur dann widerfährt, wenn man sehr vorsichtig und extrem langsam den dazu notwendigen Druck ausübt. Wer sich einmal die Nasennebenhöhlen hat aufstemmen und erweitern lassen, ist diesbezüglich König - denn das Gefühl, wenn die blutstillende Tamponade aus den entlegensten, hirnnahen Regionen langsam, Nasenloch für Nasenloch, gezogen, gerupft und vorsichtig in einem durchgehenden Zupf gelöst und entrissen wird, ist mit nichts zu vergleichen.
Und genau darum geht es, wenn die Gärtnerin sich zu den Rabatten hinhockerlt, um Unkraut zu rupfen. Aber hier ist nicht die Rede von Unkraut, das mit einer simplen Wurzel oder Rübe im Erdreich steckt, nein, es geht um das wahrhaft böse, weil ausläufertreibende Unkraut.
Bereits zeitig im Frühjahr pflegt und hegt ein wie hier beschrieben Veranlagter sein Unkraut, auf dass es möglichst viele, schön lange, aber auch zähe Ausläufer bilde. Er kost den Giersch Aegopodium podagraria, um ihn letztendlich genüsslich auszureißen. Ha, wie ist die Freude groß, wenn die Ausläufer halten und er gleich ein Dutzend Klone der Gartenerde entziehen kann!
Nicht viel anders verhält es sich mit der Quecke Agropyron repens, die oberirdisch massive Horste bildet, sich jedoch unterirdisch so wunderschön durch den gesamten Garten schiebt. Wer hier ohne Gefühl am Wurzelhals anreißt, wird nur ein paar Halme zum Komposthaufen tragen können; wer jedoch nur zarten Druck auf den Wurzelhals ausübt, wird spüren, wie sich die unterirdischen Ausläufer spannen, um dann den Weg zum nächsten Horst deutlich anzuzeigen.
Mein persönlicher Favorit ist eine Favoritin: die Brennnessel Urtica dioica. Kaum eine andere Pflanze wird aus den unterschiedlichsten Gründen so verhätscherlt wie die Brennnessel. Brennnesseln haben einen ganz speziellen, einen wunderbaren Geruch. Sie riechen nach Feuchte, nach sattem Grün und Waldlichtung. Weiters sind Brennnesseln Souvenirs der Kindheit und Jugend, meist mit sadistischem Einschlag und irgendeiner Form von Sommerlager konnotiert.
Darüber hinaus kann man die jungen Triebe natürlich zu Spinat verkocht oder mariniert im Salat genießen. Einfach die obersten Blattpaare abschneiden, unterhalb der Schnittstelle verzweigen sich dann die neuen Triebe. So sorgt man auch für doppelten Blattwuchs. Der wahre Genuss ist es aber, ab August Brennnesseln auszureißen.
Wer es sich leicht machen will und von oben einen Trieb packt, wird diesen nur bruchstückweise entfernen können. Brennnesseln brechen gern und willig, um ihr weitverzweigtes Wurzelsystem dadurch zu schützen. In Wahrheit sind es keine Wurzeln, sondern unterirdische Triebe, Rhizome, aber das ändert nichts am strategisch richtigen Vorgehen. Man muss hinunter zur Basis und die Brennnessel dort packen, von wo aus sie ihre fingerdicken Sprossachsen hochtreibt.
Und dann braucht es Gefühl und am besten leicht feuchte Erde. Man zieht behutsam nach oben, darf aber den Zug nicht steigern, wenn sich die Pflanze nicht rührt, man muss ihn nur konstant aufrechterhalten und warten können. Die Rhizome werden unterirdisch gestrafft und heben sich langsam, mit diesem wunderbaren Geräusch des sich rupfenden Lösens aus dem Erdreich. In diesem Moment heißt es Ruhe bewahren, innehalten, um dann mit erhöhtem Zug meterlange Triebe aus der Erde zu ziehen. Gänsehaut läuft den Rücken hinunter, und versonnen denkt der Gärtner an das Ziehen der Nasennebenhöhlentamponaden. Schönen Gruß an Professor Frei an dieser Stelle. Denn Gärtner und HNOs, das müssen wohl Seelenverwandte sein. (Gregor Fauma, Rondo, DER STANDARD, 31.8.2012)
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herr fauma, wollens net einen artikel über
bambus (...wie ruiniere ich meinen garten und auch gleich den des nachbarn ??...)
schreiben ??...ich habe eine halbgebildetete belehrungsresistente nachbarin, der möchte ich ihren artikel dann unter die nase reiben....
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