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Jean Prouvé vor dem Haus in Nancy, ungefähr im Jahr 1955.
vergrößern 700x495Protyp des "Maison Tropicale"
Dieser Sommer gehört Jean Prouvé. Zumindest in Nancy. Die ganze Stadt ist gepflastert mit Prouvé-Plakaten, im Netz gibt es eine eigene Website, an Baudenkmäler sind QR-Codes zum Prouvé-Jahr angebracht. Zwei neue Dauerausstellungen erinnern an den in Paris geborenen Konstrukteur, Erfinder und Architekten, dessen Lebensmittelpunkt fast immer in Nancy lag. Außerdem sind noch weitere vier Ausstellungen bis 28. Oktober zu sehen.
"Konstrukteur" nannte er sich selbst, tatsächlich war er ausgebildeter Kunstschmied, entstammte einer Künstlerfamilie, war zugleich autodidaktischer Ingenieur und Architekt sowie visionärer Unternehmer. Als Jurypräsident setzte Prouvé (1901-1984) gegen Widerstände Anfang der 1970er-Jahre den Entwurf des Centre Pompidou in Paris nach Plänen von Renzo Piano und Richard Rogers durch.
Prouvés eigenes Werk ist umfassend dokumentiert, allein sein "OEuvre Complet" umfasst vier schwergewichtige Bände mit jeweils tausenden Abbildungen. Seine Arbeit bereitete die Industrialisierung des Bauens vor, ein durchaus widersprüchliches Projekt. Seine Entwürfe zielten nicht auf Profit, sondern auf ein weitergehendes Verständnis von Ökonomie und Nützlichkeit. Seine Möbel entstanden nicht als Luxusobjekte für Privatleute, sondern dienten zur Ausstattung von Studentenwohnheimen und Firmenzentralen.
Zeichnungen, Architekturmodellen, Möbel
Neu eröffnet wurden zwei dauerhafte Ausstellungsorte. Mit dem großen "Salle Jean Prouvé" ziehen neben Zeichnungen und Architekturmodellen auch Möbel und riesige Bauelemente in das Musée des Beaux-Arts an der Place Stanislas. Eines der spektakulärsten Projekte, das "Maison Tropicale" für Brazzaville im Kongo, ist vorübergehend an den Entstehungsort zurückgekehrt und Teil einer Ausstellung über die "tropischen Häuser", die Mitte der 1990er-Jahre in Afrika wiederentdeckt, abgebaut und zu Sammlungsobjekten wurden.
Im Musée de l'Histoire du Fer wird Jean Prouvés Schaffen im Kontext der Sammlung zum Bergwerks- und Industriestandort Lothringen gezeigt. Der Museumsbau entstand 1966. Hier kommen in kurzen Videos auch Freunde und Wegbegleiter zu Wort. Konstruktive Details, Möbel in Augenhöhe postiert und bewegliche Fassadenelemente aus der Spätphase Prouvés sind hier zu sehen.
Deutlich wird die Vielseitigkeit des umtriebigen Unternehmers, der sich und seiner Umwelt viel abverlangte. Mitte der 1920er-Jahre begann sich Prouvé langsam von der Produktion von Einzelobjekten zu lösen, von schmiedeeisernen Gittern, Verkleidungen, Treppenläufen und Portalen, die er bis dahin im Auftrag von Architekten realisierte.
Eindrucksvolle Beispiele sind im Musée de l'École de Nancy zu sehen, die das Frühwerk im Kontext des Jugendstils zeigen. Das Vorbild des Vaters Victor Prouvé sowie seines Patenonkels Emile Gallé wird im Kontext dieses Museums lebendig.
Von der Idee ins Atelier
Prouvé strebte nicht wie andere Avantgardisten nach dem Gesamtkunstwerk, sondern behauptete, "zwischen der Konstruktion eines Möbelstückes und eines Hauses" bestehe "kein prinzipieller Unterschied". Wichtig war ihm der bruchlose Übergang von der Idee ins Atelier. Seinem Ideal kam er zwischen 1947 und 1952 nahe. Inmitten seiner Fabrik in Maxéville, einem Vorort von Nancy, unterhielt er als Herzstück eine Entwicklungsabteilung, in der er unmittelbar an Prototypen und Serienmodellen arbeitete.
Im Palais des Ducs de Lorraine, dem frisch renovierten Historischen Museum Lothringens, werden Bezüge zwischen Person und Werk deutlich. Thema ist hier die "Konstruktion besserer Tage", für die Prouvé einstand, sei es in der Résistance gegen die deutsche Besatzung, als kurzzeitiger Bürgermeister nach dem Krieg, als Firmenchef oder als visionärer Gestalter.
Den Aufbruch zum Besseren hatte er schon Ende der 1920er-Jahre gewagt, mit befreundeten Gestaltern wie Robert Mallet-Stevens, Marcel Lods, Le Corbusier, dessen Vetter Pierre Jeanneret und mit Charlotte Perriand. Mit ihnen arbeitete der große Gestalter gemeinsam, sie und viele andere suchten seinen Rat, nicht erst als er 1954 infolge mehrerer Kapitalerhöhungen den Einfluss auf seine Fabrik verlor.
Gebrauchsspuren und Kratzer
Heute begeistern uns Prouvés fließende Übergänge zwischen Kunst und Technik, seine überbordende Kreativität. Unglaublich erscheint sein Arbeitspensum, das nach dem Verlust seiner Fabrik in der Entwicklung von Fassadenelementen und einer intensiven Lehrtätigkeit mündete. Angesichts der konstant hohen Preise für seine historischen Möbel auf dem Kunst- und Designmarkt könnte man Prouvé für einen Designer halten, der auf elitäre Objekte aus war. Nichts lag ihm ferner. Seine Möbel - auch die in den Sammlungen und Museen - tragen Gebrauchsspuren und Kratzer. Sie sind keine verchromten Luxusgüter. Das macht sie bis heute lebendig.
Neben einem Rundgang durch Nancy, der zu Bauten und Kunstschmiedeobjekten führt, die unter Prouvés Mitwirkung entstanden, bietet das Tourismusbüro von Nancy ein preiswertes Prouvé-Wochenende inklusive Übernachtung, Museumseintritt und einem typisch lothringischen Mehrgängemenü. Außerdem wird auch Alexander von Vegesack, Gründungsdirektor des Vitra-Design-Museums in den Galeries Poirel anhand seiner aktuellen Sammlung porträtiert, die auch, aber nicht nur Stücke von Prouvé umfasst. "L'Emotion Design" heißt die Schau, die vor allem die Persönlichkeit des Sammlers und das Sammeln selbst zum Thema macht. (Thomas Edelmann, Rondo, DER STANDARD, 31.8.2012)
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