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Mario Testino (geboren 1954 in Lima, im Bild mit Kate Moss) arbeitet für alle wichtigen Modemagazine und viele der großen -labels. Er lebt in London.

Testino vor den von ihm fotografierten Porträts von Prinzessin Diana im Rahmen einer Ausstellung über Diana im November 2005 im Londoner Kensington-Palast.

Mario Testinos jüngstes Buch "Private View" ist soeben bei Taschen erschienen.
Der Fotograf Mario Testino hatte sie alle schon vor seiner Linse, die Reichen, Schönen und Berühmten. Zu den Berühmten zählt er, spätestens seit er Prinzessin Diana menschlich, ohne Krone, porträtierte, selbst. Nun sitzt er, elegant gekleidet in einem neuen Lokal in Downtown Manhattan, bestellt ein Gläschen Wein und genießt sein Essen. Er lässt keine Gelegenheit aus, vor der Tür ein Zigarette zu rauchen. Schließlich trifft man dort auch andere Gäste wie den Maler Francesco Clemente oder den Designer Giambattista Valli. Es ist ein lauer Abend und Testinos letzter Arbeitstag vor seinem Urlaub in Los Angeles.
STANDARD: Sie wuchsen in Lima, Peru, auf und wurden sehr katholisch erzogen. Stimmt es, dass Sie ursprünglich Priester werden wollten?
Testino: Meine Eltern sind italienischer und irischer Abstammung, natürlich wurde ich in eine katholische Schule geschickt. Als Kind schien das Leben eines Priesters mein Weg zu sein. Ich habe schon immer die Ästhetik, die Schönheit und die Rituale der katholischen Kirche geliebt. Ich liebe, wofür sie, aber auch jede andere Religion steht: nämlich für Werte wie Ethik und Moral.
STANDARD: Sehen Sie Parallelen zwischen der katholischen Kirche und der Modewelt?
Testino: Natürlich: die Hierarchie! Die Ästhetik! Die Performance!
STANDARD: Ihre Modekarriere begann mit dem Kleiderkauf für Ihre ältere Schwester.
Testino: Nicht nur für meine ältere Schwester! Mein Vater arbeitete für eine amerikanische Firma, und nachdem er kein Englisch sprach, reiste ich seit meinem 14. Lebensjahr immer wieder als Dolmetscher mit ihm mit. In Peru gab es keine tolle Mode, also machte ich sämtliche Einkäufe in den Vereinigten Staaten und kam von dort immer mit einem riesigen Koffer voll mit den neuesten Kleidungsstücken zurück. Ich kleidete meine gesamte Familie ein, meine Mutter, meine Schwestern und meinen Bruder. Ich war ihr persönlicher Modeberater.
STANDARD: Mode war für Sie wichtiger als Fotografie?
Testino: Aber sicher! Von Fotografie hatte ich keine Ahnung. Ich probierte jeden neuen "Look" zuerst an mir selbst aus. Das tat ich viele Jahre lang, und ich war für meine umfangreiche und schicke Garderobe bekannt.
STANDARD: Warum wurden Sie dann eigentlich nicht Stylist?
Testino: Schätzchen, in meiner Generation wussten wir nicht einmal, dass es diesen Beruf gibt. Der entstand erst über die Jahre. Als ich meinen Freunden erzählte, dass ich Fotograf werde, dachten sie, ich werde Hochzeiten und Schulklassen fotografieren.
STANDARD: Die Mode brachte Sie also zur Fotografie?
Testino: Mode und Partys. Ich studierte ein Jahr Wirtschaft und zwei Jahre Jus. Aber die größte und beste Investition, die meine Eltern für mich machten, war, dass sie mir viel Geld für meine Kleidung gaben. Es half natürlich, dass meine Mutter auch nur Mode im Kopf hatte. Und dann gab es eben Partys. Bis heute liebe ich eine gute Party! Tatsächlich halfen mir diese beiden Dinge bei meinem Beruf als Fotograf am meisten: meine Liebe für Mode und meine Liebe für Menschen.
STANDARD: Das klingt ein bisschen einfach. Wo war die Arbeit?
Testino: Das war Arbeit! Klingt unglaublich, was?
STANDARD: Wie entstand daraus eine Weltkarriere?
Testino: Eines Tages mussten mir meine Eltern den Geldhahn abdrehen. Da kapierte ich erst, dass ich mindestens den gleichen Lebensstandard, den ich gewohnt war, halten möchte. Die meisten meiner Freunde, die Künstler waren, arbeiteten als Kellner, also versuchte ich mich auch darin. Es war grauenhaft. Nach drei Monaten hatte ich genug und begann mit der Fotografie. Aber ich wollte nicht irgendein Fotograf sein, sondern der beste. Ich hasse Mittelmäßigkeit. Ich bin sehr beharrlich, und es stört mich nicht, hart zu arbeiten.
STANDARD: Was zeichnet Ihre Arbeit aus?
Testino: Ich habe von Anfang an verstanden, dass ich in einer Industrie arbeite, die Fotografen braucht, um ihre Verkäufe zu steigern. Ich bin nicht Modefotograf geworden, um schöne Fotos zu machen. Ich mache schöne Fotos, um Kleider zu verkaufen.
STANDARD: 1995, nachdem Sie die Anzeigenkampagne für Gucci fotografierten, stieg der Umsatz beträchtlich. Wie entsteht ein gutes, kommerzielles Foto?
Testino: Das Mädchen in der Kampagne soll so ausschauen, dass sich möglichst viele Frauen mit ihr identifizieren können. Das klingt jetzt sehr einfach, ist aber sauschwer. Es ist so, wie eine gute Komödie zu schreiben. Die Kunst besteht darin, aus etwas Negativem etwas Positives zu machen. Genauso ist es in der Mode. Ein tolles Kleid zu fotografieren ist einfach. Aber leider verkauft sich das tolle Kleid eben nur dreimal. Das Kleid, das sich 10.000-mal verkauft, schaut oft nicht so gut aus. Mich reizt es viel mehr, ein schwieriges Kleidungsstück zu fotografieren.
STANDARD: Heute gibt es jede Menge Casting-Shows. Wonach suchen Sie ein Model aus, mit dem Sie arbeiten wollen?
Testino: Mir ist die Persönlichkeit eines Mädchens am wichtigsten. Es gibt viele schöne Mädchen, aber auf einem Foto erkennt man, ob sie etwas Interessantes hat oder nicht.
STANDARD: Sie entdeckten auch die Brasilianerin Gisele Bündchen?
Testino: Entdeckt habe ich sie nicht. Sie lebte schon in New York, aber keiner wollte mit ihr arbeiten. Ich sah sie und dachte mir: Das ist das neue Mädchen! Was für eine Lebenslust! Wie Kate Moss. Sie kann auch nie genug vom Leben kriegen.
STANDARD: Wie sehr hat sich das Modelbild von den 1980er-Jahren bis heute verändert?
Testino: Wenn man Linda Evangelista, Naomi Campell oder Christy Turlington damals in der Öffentlichkeit traf, sahen sie aus, als wären sie einer Vogue entsprungen. Sie zelebrierten ihr Modeldasein. Die "Grunge"- Modelle der 90er-Jahre genossen diesen Status nicht, sie taten es nur, weil sie mit diesem Job ihre Rechnungen bezahlen konnten. Wenn sie das Fotostudio verließen, schminkten sie sich sofort ab, damit nur ja niemand auf die Idee kommen könnte, dass sie Models sind.
STANDARD: Und heute?
Testino: Es gibt eine neue Gruppe von Mädchen - Karlie Kloss, Edita, Constance Jablonski -, von denen ich begeistert bin. Sie sind stolz darauf, Models zu sein, und genießen ihr Leben. Man möchte sie ständig um sich haben. Zur Eröffnung meines Museums in Lima nahm ich sie mit und stylte sie wie für ein Modeshooting. Sie waren eine Sensation! Sie sind die neuen Stars.
STANDARD: Ihr Museum Mate zeigt viele Ihrer Arbeiten, gleichzeitig ist es eine Stiftung, die junge, peruanische Künstler unterstützen soll. Wie kam es dazu?
Testino: Meine Arbeiten werden auf den verschiedensten Plätzen der Welt ausgestellt, und wenn sie zurück nach London kommen, werden sie in einem Lager aufbewahrt. Als ich ein Angebot bekam, in Lima ein historisches Gebäude aus den Fünfzigerjahren zu kaufen, dachte ich mir, das ist der perfekte Platz für meine Arbeiten. Schließlich bin ich leidenschaftlicher Peruaner. Vor ein paar Jahren fotografierte ich verschiedene junge Künstler aus meiner Heimat. Ich finde die peruanische Kunstszene sehr spannend. Im Zuge dessen wurde mir klar, wie schwierig es für viele talentierte junge Leute ist, an die Öffentlichkeit zu kommen. Mit dieser Stiftung kreiere ich eine Plattform für sie.
STANDARD: Sehen Sie Ihre Fotografie als Kunst?
Testino: Jeder, der aus dem Nichts etwas kreiert, ist Künstler. Kunst ist doch einfach eine zum Ausdruck gebrachte Idee, die wir haben. Natürlich gibt es verschiedene Arten von Kunst. Ich sehe mich als kommerziellen Künstler. Mit meinen Bildern verkaufe ich Kleider und verschaffe mit meinen Bildern auch vielen Menschen Zugang zu neuen Dingen. Aber darüber zerbreche ich mir eigentlich selten den Kopf. Das überlasse ich anderen. (Cordula Reyer, Rondo, DER STANDARD, 31.8.2012)
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