Sidewise Award: Die beste Alternativwelt liegt in Hollywood

  • Ausgezeichnet als bester Alternativweltroman: Ian R. MacLeods "Wake Up and Dream" (PS Publishing 2011)
    coverfoto: ps publishing

    Ausgezeichnet als bester Alternativweltroman: Ian R. MacLeods "Wake Up and Dream" (PS Publishing 2011)

Der Preis, der beinahe vergessen wurde, ging an Ian R. MacLeods "Wake Up and Dream"

Chicago - Ein letztes P.S. zur heurigen World Science Fiction Convention: Für ein Genre, das sich gewissermaßen von seiner Natur her stets am Puls der Zeit hält, hatte man bei der Veranstaltung, die am Wochenende in Chicago stattfand, bemerkenswerte Probleme, die Informationstechnologie der Gegenwart handzuhaben.

Zum einen wurde der Livestream der Hugo-Preisverleihung am Ende der Convention von einem Bot unterbrochen, der Copyright-geschütztes Material identifiziert. Als ein Clip des Siegers in der Kurzfilmkategorie, einer Folge der BBC-Serie "Doctor Who", bei der Zeremonie eingespielt wurde, unterbrach der Bot die Übertragung, die auch nicht mehr aufgenommen werden konnte. Und das, obwohl die Veranstalter die ausdrückliche Erlaubnis hatten, die Clips zu zeigen.

Seitwärts in der Zeit

Zum anderen ging einer der Preise, die auf der Convention vergeben werden, beinahe unter. Mit dem Sidewise Award werden alljährlich die besten Alternativweltgeschichten ausgezeichnet, also Werke, in denen die Geschichte einen anderen Verlauf genommen hat als in der realen Welt. Zwar wurden die heurigen Sieger bereits am 31. August verkündet, doch hatte offenbar niemand auf der Convention - inklusive der Preisjury - daran gedacht, diese Nachricht auch an die Außenwelt weiterzugeben. 

Seit gestern ist es nun offiziell: Der britische Autor Ian R. MacLeod hat den Preis für seinen Roman "Wake Up and Dream" erhalten. Wie schon in seinem bislang einzigen ins Deutsche übersetzten Roman "Aether" ("The Light Ages") steht dabei nicht ein konkretes historisches Ereignis im Mittelpunkt, das einen alternativen Verlauf genommen hat, sondern eine fiktive Technologie. Im konkreten Fall sind es "Feelies": Filme, die dem Publikum die Emotionen der SchauspielerInnen nachfühlbar machen. Was im Hollywood des Romans zu einer ähnlichen Umwälzung geführt hat wie die einstige Umstellung von Stumm- auf Tonfilme. Zyniker Clark Gable, der unter diesen Bedingungen kein Publikumsliebling werden konnte, schlägt sich nun als Privatdetektiv durch und kommt nach und nach dem üblen Hintergrund auf die Schliche, vor dem sich die neue Technologie etablieren konnte.

Die Konkurrenz

Einige von MacLeods geschlagenen Konkurrenten hatten einen vergleichsweise klassischen Zugang zu dem Genre, das in den Worten der Autorin Kristine Kathryn Rusch mit der Science Fiction die "Liebe zu Fakten" teilt. Robert Conroy war mit "Castro's Bomb" und "Himmler's War" gleich zweimal nominiert und Jeff Greenfield widmete sich in "Then Everything Changed" verschiedenen alternativen Szenarien der US-Geschichte von den 60ern bis in die 80er.

Steampunk könnte man als Subgenre von Alternativweltgeschichten bezeichnen, auch wenn es in Sachen Erfolg längst an letzteren vorbeigezogen ist und sich keineswegs auf das Spiel mit historischen Fakten beschränkt. Nach Belieben werden auch Elemente aus Fantasy, SF oder Horror aufgegriffen. Stellvertretend dafür standen heuer die nominierten Romane "Heart of Iron" von Ekaterina Sedia und Lavie Tidhars "Camera Obscura", die Fortsetzung zum bereits auf Deutsch erschienenen "Bookman" (hier die Nachlese). 

Einen klaren SF-Zugang zum Thema alternative Welten hatte indessen der Brite Ian McDonald ("Cyberabad"), der mit "Planesrunner" einen neuen Romanzyklus für jüngere LeserInnen startete. Im Mittelpunkt steht ein Teenager, dem eine Karte des Multiversums in die Hände fällt und ihm die Reise zu parallelen Erden ermöglicht. 

Zum Abschluss

Neben dem Langformat wird jährlich auch ein Sieger im Kurzformat gekürt - unter den Nominierten befand sich heuer unter anderem Alternativwelt-Veteran Harry Turtledove. Gewonnen hat indessen die Kalifornierin Lisa Goldstein für ihre in "Asimov's Science Fiction" erschienene Erzählung "Paradise Is a Walled Garden". Einmal mehr eine Geschichte mit Steampunk-Anklängen - hier jedoch nicht wie zumeist im viktorianischen, sondern 300 Jahre vorher im elisabethanischen England angesiedelt.

Goldstein erfuhr von ihrer Kür übrigens von einem Bekannten via Twitter. "Anscheinend hat meine Kurzgeschichte den Sidewise Award gewonnen" schrieb sie daraufhin und twitterte - wie als Illustration der schrägen Informationshandhabung des heurigen Jahres - eine Dankesrede "... für den Fall, dass ich gewonnen habe". (red, derStandard.at, 5. 9. 2012)

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2 Postings

Guter Artikel, weniger guter Kaufpreis für McLeods Buch. $64.00 sind schon heftig ... :-(

Kostet nur mehr 27,- auf amazon; und 4,70 Euro für den Kindle :)

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