Syriens Opposition ringt mit sich und bleibt gespalten

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  • Die Politologin Basma Kodmani, Mitglied der ersten Stunde im Syrischen Nationalrat, konstatiert dessen Versagen. Foto: dapd
    foto: alexander zemlianichenko/ap/dapd)

    Die Politologin Basma Kodmani, Mitglied der ersten Stunde im Syrischen Nationalrat, konstatiert dessen Versagen. Foto: dapd

Berliner Gruppe legt Papier vor - Sprecherin Basma Kodmani verlässt den Syrischen Nationalrat

Damaskus/Wien - Ein beeindruckendes Dokument (siehe Webtipp) hat jene Gruppe syrischer Oppositioneller vorgelegt, die seit Jahresbeginn an der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin ihre Vorstellungen von "The Day After" in Syrien erarbeiteten. Gleichzeitig legt das 133 Seiten starke Papier, obwohl es eine Demonstration der Einigkeit sein soll, genau jene Wunden offen, an denen die Opposition leidet.

Im Vorwort steht, dass nicht jede Empfehlung von jedem Mitglied der Gruppe mitgetragen wird. Das Papier bleibt demnach ein Beitrag - der umfassendste - zur Debatte, wie ein neues Syrien aussehen soll. Den Weg für die unmittelbare Zukunft weist es nicht. Man tut sich leichter, über die Stunde null zu sprechen.

Irrelevanz

Die Berliner Gruppe war relativ breit aufgestellt, ob sie damit "die Syrer" vertritt, weiß sie wohl selbst nicht. Die Zerfallserscheinungen des anfangs vom Westen gehätschelten Syrischen Nationalkongress (SNC), der selbstverständlich in Berlin präsent war, konnten auch durch einen Führungswechsel - weg vom umstrittenen Burhan Ghalioun zum syrischen Kurden Abdelbasset Sida - nicht aufgehalten werden. Basma Kodmani, Sprecherin und damit Gesicht des SNC und Teilnehmerin in Berlin, gab am Dienstag ihren Austritt bekannt: Der SNC habe versagt. Die Irrelevanz des SNC wurde bestätigt, als vor gut zwei Wochen Außenministerin Hillary Clinton bei einem Besuch in Istanbul ein Treffen mit SNC-Vertretern verweigerte.

Fast jedes Land ist mit seiner eigenen Oppositionellengruppe im Gespräch, wobei die Langzeit-Exilsyrer diese Gruppen naturgemäß dominieren - Kodmani etwa hat Syrien im Alter von zehn Jahren verlassen. Eine Lektion aus der Irak-Geschichte ist - oder sollte sein -, dass vom Westen, zumal den USA, favorisierte Exilanten meist keinen Rückhalt in ihrem Ursprungsland haben. Die Gründung einer Exilregierung und ihre Anerkennung ist demnach problematisch - umso erstaunlicher, dass Frankreich vorprescht und die Anerkennung einer Exilregierung verspricht, ohne irgendwelche Kriterien zu nennen.

Uneinig und konfliktanfällig

Als glaubwürdigste Vertreter der Opposition in Syrien selbst werden die LCCs, die Local Coordination Committees, angesehen. Ihr Netzwerk ist über alle aufständischen Orte gespannt - ihre ursprüngliche Aufgabe, den Widerstand zu organisieren, ist jedoch vom Krieg längst deformiert worden. Wie viel die Suprematie der Gewalt von ihnen überlässt, wird man sehen.

Analysten beschreiben auch die kämpfende Opposition in Syrien als uneinig oder zumindest nicht unter einem Kommando stehend. Als größte und am besten organisierte Kraft beschreibt der Economist die Tawhid-Brigade in Aleppo, die unter einer rotierenden Führung steht. Das mag zwar im Moment funktionieren, ist aber konfliktanfällig. Auch die Zugehörigkeit zur "Free Syrian Army" (FSA) ist oft nicht mehr als eine "Marke" und bedeutet nicht, dass man Befehle von dort erhalten oder ausführen würde.

Spender aus den Golfländern

Auch Auseinandersetzungen einzelner bewaffneter Rebellengruppen beziehungsweise deren Führern sind bereits bekannt. Und der Fall Libyen lehrt, dass in dem Moment, wo das gemeinsame Ziel fehlt - das heißt, wenn das Regime gestürzt ist - pünktlich Verteilungskämpfe zwischen denen, die die Waffen haben, ausbrechen.

Noch immer ist die Frage nicht klar zu beantworten, wie "islamisch" die Opposition in Syrien ist - von den ebenfalls vermehrt aktiven jihadistischen Gruppen abgesehen, die Syrien und den Irak als einen einzigen Schauplatz betrachten. Die bewaffneten Gruppen in Syrien haben oft Namen aus der sunnitischen - im Sinne von antischiitischen - Geschichte, die aber auch so gewählt sein mögen, weil mit ihnen leichter Gelder von sunnitisch motivierten Spendern aus den arabischen Golfländern lukriert werden können. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 30.8.2012)

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