Am Puls des falschen Lebens

29. August 2012, 17:32
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Nah an den Menschen dran will die ZDF-Reihe "37 Grad" sein, und das ist auch in dieser Reportage gut gelungen

Die Chuzpe von Regina ist beeindruckend. "So geht das", sagt die zierliche 45-Jährige, öffnet in der Umkleidekabine eines Warenhauses ihre zu weiten Jeans und stopft sich hurtig das begehrte T-Shirt dorthin, wo andere zu viel Bauch haben.

Wurst und Käse lässt sie binnen Sekunden unter dem Stoffbezug ihres Einkaufskorbs verschwinden. Nötig hat sie das Stehlen nicht, wie sie am Dienstagabend um 22.15 Uhr im Film Wenn Frauen klauen aus der ZDF-Reihe 37 Grad erzählt. Doch sie sagt auch: "Es hält mich ja keiner auf."

Nah an den Menschen dran will 37 Grad sein, und das ist auch in dieser Reportage gut gelungen. Gezeigt wird auch Adelheid, die Luxusgüter stiehlt, weil sie sich diese nicht leisten kann. Sie fühlt sich dabei "wie am Puls des Lebens" und aufgewertet. Yvonne hingegen ist arbeitslos und wartet geradezu darauf, vom Detektiv erwischt zu werden: "Dann werde ich endlich einmal wahrgenommen."

Regina hatte eine fürchterliche Kindheit, Adelheid wurde vom Mann verlassen, Yvonne ist krank. Wie die Familien unter der Sucht der Frauen leiden, wie sich Kinder schämen, das erzählen Angehörige.

Zu Wort kommen auch ein Richter und ein Detektiv, leider aber nur kurz. Das demonstriert zwar die Hilflosigkeit gegenüber den diebischen Damen, lässt aber auch den Zuseher ein wenig ratlos zurück.

Wie gehen Staat und Wirtschaft mit Diebstählen und den Milliardenschäden um? Haben Detektive Mitleid? Fällen Gerichte Urteile am Fließband? Die Frauenschicksale werden zwar eindringlich geschildert, aber diese Aspekte kommen leider zu kurz. Gute TV-Dokumentationen sollten mehr als 30 Minuten bekommen. (Birgit Baumann, DER STANDARD, 30.8.2012)

  • "Wenn Frauen klauen": Zum Nachsehen hier auf 37grad.zdf.de.
    foto: zdf

    "Wenn Frauen klauen": Zum Nachsehen hier auf 37grad.zdf.de.

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