Never fuck the crew!

    Glosse31. August 2012, 05:30
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    Ansatzweise ist meinen Lesern bereits bekannt, wie es ist, ich zu sein. Ansatzweise sogar mir. Im Augenblick bin ich sorgsamer Spätvater und habe einen regelmäßigen Tagesablauf, in dessen Mittelpunkt der faschistoide Wicht aus der vorletzten Kolumne steht. Das ist früher anders ...

    In den 90er Jahren bin ich ein Bewohner der schillernden Welt der D- und C-Liga der Fernsehmacher. Ich bin oft auf Tour mit der Ö3-Mountainmania, drehe einmal mit Freddy Iversen, der Kinder-TV-Legende des ORF, einen Unfallverhütungsfilm für die ÖBB und später selbst einen Imagefilm für die Ottakringer Brauerei. Im Universum der Klein- und Kleinst-TV-Produktionen ist man flexibel, reisefreudig, belastbar - und bleibt arm.

    Starspucke und Schnellsex

    Wir sind die dynamische, neue, herausfordernde, freche und was weiß ich noch für eine Sendung. Das schreiben die Zeitungen, und es macht uns stolz. Und groß, wenn auch nur scheinbar. Denn wir sind nur wenige: der Regisseur, der Moderator, der Kameramann, sein Assistent und ich als Produktions- und Aufnahmeleiter. Der Cutter schneidet auch die andere Sendung der kleinen Produktionsfirma im 9. Bezirk. Also gehört er nur halb zur Crew.

    Bisher ist das mein am besten bezahlter Job. Und der härteste. Ich erstelle Drehpläne, lege Termine fest und leite Dreharbeiten, oft 16 Stunden täglich. Und ich verwalte die Vorschuss-Schulden der Crew. Die Produktionskassa ist voll mit Zetteln, Servietten und Bierdeckeln mit Betrag, Datum und Unterschrift. Aber die Jungs zahlen immer pünktlich zurück. Ein Kameramann manchmal mit Koks. Schließlich lautet die goldene Regel: Never fuck the crew!

    In dieser Nacht drehen wir live den Rap-Star, dessen Welttournee in einer großen Wiener Disco Station macht. Die Plattenfirma rät uns, die Visagistin fernzuhalten, weil der Star weiße Frauen manchmal bespuckt. Nach dem Konzert ist im VIP-Bereich die Autogrammstunde. Der Star raucht einen wirklich großen Joint und unterschreibt auf allem, was ihm entgegengehalten wird. Seine minderjährigen Fans sind in Begleitung ihrer Eltern hier. Lauter nette Eltern, die normalerweise mindestens die Todesstrafe für "Drogen-Neger" herbeiwünschen, aber hier nur den Rauch vergeblich mit der Hand verscheuchen wollen. Ich denke, an diesem Abend, zu Hause, lachen diese Eltern und Kinder miteinander wie noch nie zuvor und essen in trautem Beisammensein ganz viele Snacks, die Vater im Halbstundentakt von der Tanke holt.

    In einer anderen Nacht drehen wir in einer anderen Disco in Wien einen anderen Star auf Tournee. Diesem Star hat die Plattenfirma eine Betreuerin zugeteilt, die objektiv heiß ist. Star-Betreuerinnen haben einen der beschissensten Jobs in der Musikbranche. Ein Warteraum zu Höherem, der keine Zeit für Beziehung oder auch nur Sex lässt und schlecht bezahlt ist. Diese Betreuerin will Sex mit mir, weil unser beider Ablauf in dieser Nacht gleichzeitig eine 20-minütige Lücke hat. Während meine Jungs das Konzert covern, können wir in einer Garderobe ficken. Doch der Kameraassistent muss kotzen und ich übernehme Tonpegel und Handlicht. Never fuck the crew. Durch den Graben vor der Bühne sehe ich, wie die Star-Betreuerin mit einem Kellner in der Garderobe verschwindet. Unsere Blicke treffen einander kurz. Ich sehe sie nie wieder. Drei Monate später wird die Sendung eingestellt und kurz darauf auch der Sender.

    Die fabelhafte Welt des Image-Films

    Eine Bank will ihren Mitarbeitern mit einem Imagefilm verschleiern, dass die Umstellung im Kundenbetreuungssystem doch Arbeitsplätze kostet, Mehrarbeit, mehr Leistungsdruck und weniger Lohn bringt. Ich reise aus Palmanova nach Wien, um ein 20-Minuten-Drehbuch nach Motiven aus "Die fabelhafte Welt der Amelie" zu schreiben.

    Das macht mich zum Büttel zweier Sorten Menschen, die das nur morphologisch sind: Marketingleute und Produzenten haben nichts Menschliches in ihrem Inneren. Sie sind gierige und gewissenlose Betrüger. Mein Produzent schuldet halb Wien Geld und ist dauernd auf Koks. Deswegen habe ich einen Vertrag, der eine Drittelzahlung in bar vorsieht. Und deswegen lehne ich ab, als er mir die Hälfte sofort zahlen will. Ich nehme nur mein Drittel und verbringe die nächsten zwei Wochen schreibend in der Wohnung der Freundin des Produzenten. Sie wohnt ohnehin seit kurzem bei ihm, weil sie seit kurzem volljährig ist.

    Der inoffizielle Teil meiner Gage sind hundert Gramm bestes Gras, das mir die Freundin des Produzenten am zweiten Abend bringt. Sie ist wirklich Partygirl, wirklich seicht und wirklich geil auf Typen, die ihr Papa sein können. Sie zeigt mir die Piercings an ihren Brustwarzen und erzählt von den SM-Nächten mit dem Produzenten und seinen Kumpels. Dann zeigt sie mir ihre anderen Piercings. Alle. In manchen Stellungen klimpern sie.

    Nach genau 14 Tagen ist das Drehbuch zu Ende geschrieben. Der Produzent will meine ausstehenden zwei Drittel der Gage nächste Woche auf mein Konto in Italien überweisen, statt sie mir wie vereinbart bei der Übergabe des Manuskriptes in bar auszuzahlen. Es könnte wegen seiner Freundin sein, doch ich vermute schlichtes Geschäftsprinzip. Ich soll Teil seiner Schuldnergemeinde werden und ewig auf mein Geld warten. Weil ich drohe, mit dem Drehbuch nach Italien zu fahren und dort bis zur Überweisung zu warten, und weil ich weiß, dass die Bank spätestens morgen das Drehbuch sehen will, bekomme ich schließlich das Geld in bar. Ich werde von seinem Cutter und dem Produktionsleiter auf einem Parkplatz in der Sechshauser Straße ausbezahlt. Wie ein Drogendealer.

    By the Rivers of Babylon

    Meine beste Zeit habe ich als Redaktions- und Regieassistent der großartigen Elizabeth T. Spira. Zwei Jahre touren wir mit den "Alltagsgeschichten" und den "Liebesg'schichten und Heiratssachen" durch das lichte und öfter noch durch das dunkle Österreich. Einige jener, die uns damals in die Kamera reden, verfolgen mich immer noch in meinen Albträumen. Genauso wie ein Ausstattungschef im Schauspielhaus in der Ära des Hans Gratzer, der mit dem Abbruch der Dreharbeiten droht, weil unsere Reflektoren in seiner Kulisse so deplatziert wirken und ihn Physik, Lichtempfindlichkeit einer TV-Kamera und unser Vertrag nicht interessieren.

    Unvergessen während dieser paar Jahre im TV-Jahrmarkt ist und bleibt jedoch die Begegnung mit Liz Mitchell, der letzten Überlebenden der Crew von Boney M. Wenn ich heute den Wicht ins Bett bringe, singe ich gleich nach "Bella Ciao" und der "Internationale" immer auch etwas von Boney M. Und sage ganz leise: "Papa hat Liz interviewt, mein Sohn. Eines Tages verstehst du, was das bedeutet." (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 31.8.2012)

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      Meine beste Zeit habe ich als Redaktions- und Regieassistent der großartigen Elizabeth T. Spira. Einige jener, die uns damals in die Kamera reden, verfolgen mich immer noch in meinen Albträumen.

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