Entwicklungen in Rückblende

29. August 2012, 17:17
6 Postings

Mira Nairs "The Reluctant Fundamentalist", der Eröffnungsfilm der 69. Filmfestspiele von Venedig, ist aber eine eher plakative Auseinandersetzung mit 9/11 und seinen identitätspolitischen Folgen

Ein Festival riecht anfangs nach Holz, und es klingt nach Handbohrmaschinen. Bis zuletzt wird noch an den Stegen und Podesten aus Pressspanplatten gezimmert, über die man dieser Tage die Kinosäle erreicht oder wo man nach deren Verlassen verweilen kann. Auf kleine Kunstrasenteppiche hat man dazu weiße Hockerchen gepflanzt, die aussehen wie frisch gezogene Backenzähne. Das Plakat - und auch den Festivaltrailer - ziert in diesem Jahr ausgerechnet ein freundlich wirkendes blaues Nashorn.

Zusätzlich flankiert von zahllosen vergoldeten geflügelten Gipslöwen begeht das ehrwürdige Festival am Lido von Venedig gerade seine 69. Ausgabe und feiert zugleich sein 80. Jubiläum (Gründungsjahr war 1932). Auch im Jahr 2001 ging eine Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica über die Bühne. Die aus Indien stammende und seit ihrem Debüt "Salaam Bombay!" 1988 im Weltkino beheimatete Mira Nair nahm damals den Goldenen Löwen für die Tragikomödie "Monsoon Wedding" entgegen, einen Ensemblefilm, der rund um eine traditio nelle indische Hochzeitsfeier von Kon flikten zwischen Generationen, Lebensformen und Klassengegensätzen erzählte.

Nur Tage später, am 11. September, rammten dann Flugzeuge die Türme des World Trade Center in New York, und das Datum markiert seither eine Zäsur, einen Jahrhundertbruch.

Nair hat auf dieses Ereignis und die daraufhin erfolgten Diskriminierungen von Muslimen im Westen schon mit ihrem Beitrag zum Episodenfilm "11'09''2001 - September 11" reagiert. Nun ist sie noch einmal zu diesem Thema zurückgekehrt. "The Reluctant Fundamentalist" heißt ihr jüngster Spielfilm, der Venedig-Eröffnungsfilm dieses Jahres.

Hoffnungsvoller Junge

Die Romanvorlage des pakistanisch-englischen Autors Mohsin Hamid ist unter dem Titel "Der Fundamentalist, der keiner sein wollte" 2007 auch auf Deutsch erschienen. Im Mittelpunkt stehen die Erfahrungen eines hoffnungsvollen jungen Mannes aus Lahore, der nach seinem Studium in Princeton zunächst steil Karriere als Analyst bei einer New Yorker Unternehmensberatungsfirma macht. Im Gefolge von 9/11 sieht sich Changez Khan (Riz Ahmed) jedoch zunehmend in eine Position gedrängt, die seine gerade neu gefundene Identität als Selfmademan infrage stellt und ihn wieder auf jene Herkunftsidentität reduziert, von der er sich eigentlich schon ein Stück weit losgelöst wähnte.

Der Film erzählt diese Entwicklung in Rückblenden, seine Ge genwart ist das Lahore von 2011, wo Khan inzwischen an der Universität lehrt. Ein amerikanischer Kollege ist entführt worden. Während es draußen unruhig brodelt, gewährt Changez einem US-Journalisten (Liev Schreiber) in einem studentischen Teehaus ein Interview, in dessen Verlauf sich seine Vorgeschichte, der Grund für eine vermutete Radikalisierung, erst offenbart.

Das Gespräch der beiden dreht sich wiederholt um die Notwendigkeit zur Differenzierung, zur Sensibilität für das individuelle Gegenüber in all seiner womöglich widersprüchlichen Vielfalt. Der Film selbst schafft es allerdings nicht, seine Figuren zu ebensolchen komplexen Charakteren zu entwickeln. Die sprunghafte Zeitstruktur präferiert besondere - traumhaft tolle genauso wie traumatische - Ereignisse. Schon die erste Sequenz setzt zur Unterstreichung auf emphatische Musik.

Ein Gefühl für das, was Changez so nachhaltig umtreibt, für seine Zerrissenheit und sein Angegriffensein kann sich jedoch nur schwer einstellen. Dabei ist die alte Sehnsucht, sich selbst un abhängig von Klasse, ethnischer Herkunft oder Geschlecht ein Ich zu erfinden (für Changez: der amerikanische Traum), gegen Fundamentalismen, Stereotype und Vorurteile einen individuellen Standpunkt zu behaupten, sicher nicht weniger geworden. Aber "The Reluctant Fundamentalist" belässt es in der Auseinandersetzung damit bei plakativen Verkürzungen. Nicht der beste Einstand, aber die 69. Mostra hat ja gerade erst begonnen. (Isabella Reicher, DER STANDARD, 30.8.2012)

  • Bei den Filmfestspielen in Venedig hat Regisseurin Mira Nair mit ihrem 
Film "The Reluctant Fundamentalist" heikle Fragen der Identität 
thematisiert.
    foto: la biennale di venezia

    Bei den Filmfestspielen in Venedig hat Regisseurin Mira Nair mit ihrem Film "The Reluctant Fundamentalist" heikle Fragen der Identität thematisiert.

Share if you care.