Das Tote Meer, ein "verfluchtes Gewässer"

Markus Schauta hat "eine der größten geografischen Merkwürdigkeiten der Erde" besucht und schildert seine Eindrücke vom Toten Meer

Der Bus lässt die Vororte Jerusalems hinter sich. Vorbei an den neuen israelischen Siedlungen, die immer weiter Richtung Jordan wachsen. Dann, südlich der Straße, sanfte steinige Hügel, braun und grau, die sich zum Horizont hin erheben. Vereinzelt trockenes Gras. Ein Schäfer mit seiner Schafherde, in eine Staubwolke gehüllt.

Tiefster Punkt der Erde

Stetig abfallend schlängelt sich die Straße eine gute Stunde lang dem Meer entgegen. Von Jerusalem, etwa 800 Meter über dem Meer, bis ans Ufer des Toten Meeres auf 400 Meter unter dem Meeresspiegel, sind immerhin 1.200 Höhenmeter zu überwinden. Einmal das Ufer erreicht, befindet sich der Reisende am tiefsten nicht von Wasser oder Eis bedeckten Punkt der Erde.

Nach der nächsten Kurve die unscharfen Silhouetten der Moab-Berge. Vor ihnen eine bleierne Wasserfläche - das Tote Meer. Ein "verfluchtes Gewässer" nannte es der Mönch Felix Fabri, der das Meer im 15. Jahrhundert besuchte. Als "eine der größten geografischen Merkwürdigkeiten der Erde" bezeichnet es der Polyglott-Reiseführer von 1967.

Schlucklöcher

Als der Bus das Ufer entlang nach Süden fährt, hat sich ein Glitzern auf das Wasser gelegt. Öde braune Landzungen reichen ins Meer hinein. Draußen am Wasser, etwa in der Mitte des Meeres, verläuft die Grenze zwischen Israel und Jordanien. Die Küste wird vom Militär beobachtet. Der Aufenthalt an den Stränden nach Einbruch der Dunkelheit ist verboten. 
Überhaupt ist es ratsam, sich nicht allzu weit von den öffentlichen Stränden zu entfernen. Sogenannte Schlucklöcher haben sich zu Tausenden in der Umgebung des Toten Meeres aufgetan: Bis zu 20 Meter tiefe Absenkungen, ausgelöst durch den ständig sinkenden Wasserspiegel des Toten Meeres. Einige der Schlucklöcher liegen nur 100 Meter von der Straße entfernt.

Mineral Beach

Der Bus rast an zahlreichen Stränden vorbei. Auf den Siesta Beach folgt Ein Feshkha, dann lange nichts, bis der Bus beim Mineral Beach von der Straße abfährt. Heraus aus dem klimatisierten Bus, schlägt den Fahrgästen die trockene Hitze entgegen, kriecht in die Lunge, die Kleider kleben an der Haut. Obwohl es noch Vormittag ist, brennt die Sonne schon jetzt unbarmherzig vom wolkenlosen Himmel.

Neben dem Parkplatz ein von grünen Bäumen und Palmen beschattetes Restaurant. Auf der Terrasse versprüht ein Zerstäuber kühlen Wassernebel über die Gäste. Die Anlage wird vom Kibbuz Mitzpe Shalem betrieben und zählt zu den schönsten am Ufer des Toten Meeres, steht im Reiseführer zu lesen.

Ein Meer verdunstet

Am Weg zum Strand fallen die verlassenen Sonnenschirme auf, die viel zu weit weg vom Wasser stehen. Das Meer hat sich seit den 80er Jahren zurückgezogen und lässt jährlich einen weiteren Meter salzigen Boden zurück. Die Oberfläche ist in den vergangenen Jahrzehnten um 30 Prozent geschrumpft, der Wasserspiegel um 25 Meter gesunken.

Schuld daran ist der hohe Wasserbedarf in Syrien, Israel und Jordanien. Für Landwirtschaft, Industrie und Haushalte werden jedes Jahr riesige Mengen an Jordanwasser abgeleitet. Was am Ende ins Tote Meer fließt, ist zu wenig, um die hohe Verdunstung ausgleichen zu können.

Umgekehrt verhält es sich im südlichen Becken des Toten Meeres. Dort fürchten Hoteliers, dass in den kommenden Jahren das Wasser die Hotellobbys fluten wird. Denn der industrielle Gewinn von Mineralien aus dem Meerwasser erzeugt große Mengen an Ablagerungen, die einen jährlichen Anstieg des Wasserspiegels um 20 Zentimeter bewirken. (-> Bericht in der Welt Online)

Schwerelos

Der Strand ist steinig. Eine große Tafel zeigt die Höhenmeter an: -422. Im Schatten von Sonnenschirmen aus vertrockneten Palmzweigen stehen weiße Plastiksessel. Liegen gibt es keine. In einer luftigen Kabine auf Stelzen döst ein Rettungsschwimmer.

Rein ins Wasser, das gewohnte Brustschwimmen gelingt nicht. Der Auftrieb verhindert effektive Schwimmbewegungen mit den Beinen. Also am Rücken treiben lassen. Schwimmen im "Türkensitz" - auch das ist möglich, ein Gefühl von Schwerelosigkeit stellt sich ein.

Grund für das außergewöhnliche Schwimmerlebnis ist der hohe Salzgehalt des Wassers, der bis zu 33 Prozent beträgt. Das Mittelmeer dagegen hat einen Salzgehalt von durchschnittlich 3,8 Prozent. Untergehen kann man in diesem salzigen Wasser nicht, aber es hat dennoch seine Tücken: Bei Berührung mit Schleimhäuten oder Wunden verursacht es brennende Schmerzen, wird es verschluckt und gelangt in die Lunge, kann das zu einer schweren Lungenentzündung führen.

Hitze

Am Rücken treibend, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, kann man in Ruhe die Umgebung beobachten: das Restaurant, das kräftige Grün der Bäume, dahinter eine mächtige Felswand in Ocker- und Brauntönen. Dennoch, allzu lange bleibt man nicht im Wasser - es ist heiß, die Sonne brennt ins Gesicht, auf Bauch und Knie. Am Nachmittag bietet das Wasser in Ufernähe keine Abkühlung mehr, es erreicht eine Temperatur um die 30 Grad.

Am Strand stehen Fässer mit schwarzem Schlamm, mit dem sich Badegäste am gesamten Körper einreiben. Ebenso wie der hohe Salzgehalt des Wassers soll auch der Schlamm gegen allerhand Hauterkrankungen wie Schuppenflechte und Neurodermitis helfen.

Das Salzwasser hinterlässt einen öligen Film auf der Haut, der vom warmen Wasser aus den Strandduschen weggespült wird. Es ist Nachmittag. Über dem bewegungslosen Wasser liegt brütende Hitze. Der Verdunstungsnebel verwischt die Konturen der Moab-Berge am anderen Ufer. Zeit, zurückzufahren, vier Stunden Hitze und Salzwasser sind genug. (Markus Schauta, derStandard.at, 30.8.2012)

Share if you care