Heidi Schrodt: "Zum Glück bin ich nicht Bildungsministerin"

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Die langjährige AHS-Direktorin über Schulschwänzer, das sinkende Niveau an Volksschulen und warum es mehr LehrerInnen braucht, die Türkisch als Muttersprache haben

ModeratorIn: Guten Tag! Wir begrüßen Heidi Schrodt, langjährige AHS-Direktorin, im derStandard.at-Chat und bitten die UserInnen um Fragen.

Heidi Schrodt: Schönen guten Tag und einen guten Gruß zum Schulanfang. Ich freue mich auf interessante Fragen.

ModeratorIn: Frage per Posting: S.g. Frau Schrodt, wie stehe Sie zum Ethik-Unterricht für alle und wie könnte Ihrer Meinung nach das Fach in die Curricula der Schulen eingepasst werden?

Heidi Schrodt: Ich sehe den Ethikunterricht grundsätzlich recht positiv, allerdings würde ich mir längerfristig wünschen, dass er anstelle eines Religionsunterrichts verankert wird.

ModeratorIn: Frage per Posting: Seit Jahren dreht sich die Schulpolitik im Kreis, von einem Schulversuch zum anderen, ohne dass ein wirkliches Gesamtkonzept zu erkennen wäre. Qualifizierte Expertenmeinungen gibt es genug, wie dem Schuldebakel beizukommen wäre, z

Heidi Schrodt: Sie sprechen ein wirklich grundsätzliches Problem in der österreichischen Schulpolitik an. Auch haben Sie Recht, dass Antworten und Lösungsvorschläge auf dem Tisch liegen. Ideologische Grabenkämpfe haben bis jetzt eine grundlegende Reform verhindert. Ich bin nur sehr vorsichtig optimistisch, dass in absehbarer Zeit ein Paradigmenwechsel erfolgen kann. Die ÖVP ist in diesem Zusammenhang besonders gefordert.

ModeratorIn: Userfrage per E-Mail: Es wird zur Zeit viel über das Schuleschwänzen diskutiert. Wie sind Sie mit dem "Problem" in Ihrer Schule umgegangen?

Heidi Schrodt: Wir hatten, wie viele andere Schulen auch, vorallem in der Oberstufe ein massives Problem mit Schulschwänzern. Schon Ende der 90er Jahre wurde ein Modell entwickelt, das es den einzelnen Schülerinnen und Schülern erlaubte, in jedem Fach je 20% des Unterrichts selber zu verwalten. Bald darauf reduzierte sich das Schulschwänzen signifikant. Auch eine spätere wissenschaftliche Untersuchung dieses Modells kam zum selben Ergebnis. Daher mein Plädoyer: Geben wir unseren Oberstufenschülerinnen und -schülern mehr Autonomie und Eigenverantwortung!

ModeratorIn: Was halten Sie von der Idee des SMS-Meldeservice an Eltern, wenn das Kind nicht in er Schule erscheint?

Heidi Schrodt: Es ist eine Möglichkeit mit diesem Problem umzugehen. Allerdings bin ich dagegen, so etwas zentral zu regeln; jede Schule sollte aufgrund ihrer speziellen Situation selbst entscheiden, ob sie so etwas einsetzt.

Erika Kellner: Jetzt gibt es das Wahlrecht ab 16 - aber noch immer keine politische Bildung in der Pflichtschule. Wäre das so schwer durchzuführen?

Heidi Schrodt: Man sollte es angehen - ich kann mir nicht vorstellen, warum das schwer durchzuführen sein sollte.

mels gels: was halten sie davon, in klassen mit hohem zweisprachigem anteil verstärkt türkische und BKS-wörter in den unterricht einzubauen?

Heidi Schrodt: Ich glaube nicht, dass das "Einbauen" von BKS- oder türkischen Wörtern in den Unterricht die Sprachkompetenz wirklich fördert. Besser wäre sicher, mehr Lehrerinnen und Lehrer in den Schulen einzusetzen, die BKS oder Türkisch als Muttersprache haben. Vergessen wir aber nicht, dass viele unserer zweisprachigen Schülerinnen und Schüler auch eine hohe Kompetenz in der deutschen Sprache haben können, da sie schon in zweiter oder dritter Generation in Österreich sind. Wichtig ist in diesem Zusammenhang genau zu differenzieren.

Walter KURTZ: Sehen Sie - über die letzten Jahr(zehnt)e betrachtet - einen Niveauabfall der Volksschulabsolventen, wie man u.a. aus internationalen Leistungsvergleichen schließen könnte? Und warum wird über eine Reform der Volksschule - naiv betrachtet jene Schul

Heidi Schrodt: Hier kann ich nur auf meine jahrzehntelange praktische Erfahrung zurückgreifen und die bezieht sich vorallem auf die Kinder, die von den Volksschulen an die AHS kommen. Was mir aufgefallen ist, ist dass mehr Kinder als früher Probleme mit Grundkompetenzen haben, wie etwa schön zu schreiben. Auch klaffen die Kompetenzen innerhalb einer 1. Klasse AHS immer mehr auseinander. Das erkläre ich unter anderem damit, dass im städtischen Bereich ein großer Druck besteht die AHS zu besuchen. Zur Reform der Volksschule: Sie haben Recht, dass man hier besonders viel ausrichten kann, doch finden gerade im Bereich der Volksschule die meisten Reformen statt (Mehrstufenklassen, Montessoripädagogik, inklusiver Unterricht...).

GE ORG!: Sind sie der Meinung, dass die Qualität der AHS in den letzten Jahrzehnten abgenommen hat? Vor allem in Wien sehen viele AHS Lehrer dieses Problem, da immer mehr Schüler für die AHS zugelassen werden, obwohl sie in einer Hauptschule besser aufgehobe

Heidi Schrodt: Sicher kann man nicht sagen, dass insgesamt die Qualität der AHS abgenommen hat. Allerdings steht die AHS-Unterstufe im städtischen Bereich zunehmend vor kaum zu bewältigenden Aufgaben. Nach wie vor muss meist nur eine Lehrkraft eine zunehmend heterogen Schülerschaft unterrichten, noch dazu in relativ großen Klassen. Diese Heterogenität wird noch zunehmen, ob wir das wollen oder nicht.

e22: Wie stehen Sie zu einer Abschaffung der Gymnasien und Einführung einer gemeinsamen Schule bis 14.

Heidi Schrodt: Für die Abschaffung der Gymnasien bin ich nicht, allerdings sollten die Gymnasien auf eine exzellente gemeinsame Schule aufsetzen, also nach der Schulpflicht. In diesem Zusammenhang ist sehr wichtig festzuhalten, dass der Begriff gemeinsame Schule noch garnichts über deren Qualität aussagt, sondern nur eine Organisationsform beschreibt. Es gibt - international gesehen - sehr gute und sehr schlechte gemeinsame Schulsysteme. Sollte es in Österreich eine Umstellung geben, müssen wir uns natürlich an den Besten orientieren und gleichzeitig die Stärken unseres Schulsystems beibehalten.

uncle sam3: Überall in W-Europa sind Ganztagsschulen standard. Warum nicht in Ö?

Heidi Schrodt: Ich glaube, das hat in erster Linie mit dem sehr konservativen Familienbild zu tun, das in Österreich vorallem auf dem Land noch immer stark präsent ist. Dahinter steckt auch die Vorstellung, dass zuhause eine Frau wartet, die die Kinder am Nachmittag versorgt und betreut. Dass dies mit der gesellschaftlichen Realität nicht mehr übereinstimmt, ist bekannt. Ich bin bezüglich einer Realisierung von Ganztagsschulen allerdings optimistischer als hinsichtlich der Umsetzung einer qualitativ hochwertigen gemeinsamen Schule.

mels gels: der bildungsstatus wird vererbt. wären sie bildungsministerin, was würden sie tun, um das zu verändern?

Heidi Schrodt: Zum Glück bin ich nicht Bildungsministerin, denn dieses Ressort gehört in Österreich zu den schwierigsten. Die Vererbung des Bildungsstatus, die Sie ansprechen, sehe ich in der Tat als eine der größten Schwächen unseres Bildungssystems. Die Antwort auf Ihre Frage ist insofern nicht einfach, als eine einzelne Maßnahme nicht genügt. Längerfristig muss der Unterricht umgestellt werden zu größtmöglicher individueller Förderung, weiterem Ausbau der Frühkindpädagogik, mehr Ganztagsschulen und vorallem der Abschaffung der Selektion mit zehn Jahren.

Daniel(!): Sind sie der Meinung, dass die Matura notwendig für ein Studium bleiben soll?

Heidi Schrodt: Solange es den freien Hochschulzugang gibt, ist die Matura notwendige Voraussetzung für ein Studium. Ich glaube aber, dass die Entwicklung dahingehen wird und muss, dass wir möglichst viele Jugendliche möglichst lange ausbilden, etwa bis 18, wie dies viele Länder bereits machen. In diesem Fall würde der Schulabschluss mit 18 natürlich keineswegs automatisch eine Hochschulberechtigung bedeuten. Die Universitäten würden dann definieren, welche Voraussetzungen für welches Studium erforderlich wären. In Schweden etwa gibt es dafür ein Punktesystem. Derzeit aber brauchen wir die Matura.

liz140799: Sehr geehrte Frau Schrodt, was halten Sie von den Aufnahmeprüfungen für Lehramtsstudierende an den Pädagogischen Hochschulen? Sind Sie, als langjährige AHS-Direktorin der Ansicht, dass es auch an den Universitäten (für andere Fächer als ‚nur‘ für Be

Heidi Schrodt: Ich finde, dass nur die Besten und Fähigsten LehrerInnen werden sollen und bin daher auch eine Befürworterin von Zulassungsverfahren zum Lehrberuf. Eine Aufnahmsprüfung im herkömmlichen Sinn scheint mir allerdings wenig geeignet. Ein wesentlicher Teil eines solchen Aufnahmeverfahrens müsste ein Assessmentverfahren sein. Was die Universitäten betrifft: Meine Vorstellung geht ohnehin dahin, dass künftig die Lehrerausbildung gebündelt ist, zum Beispiel in sogenannten Schools of Education. Vorzugsweise sollte diese längerfristig an der Universität stattfinden beziehungsweise in Synergie mit den Pädagogischen Hochschulen.

allyoucanread: Was sollte in einem neuen LehrerInnendienstrecht verankert sein? Angesichts des derzeitigen LehrerInnenmangels in einzelnen Fächern: Warum würden Sie jungen Menschen raten genau diesen Beruf zu ergreifen?

Heidi Schrodt: Ein zentrales Moment eines neuen Lehrerdienstrechts ist meines Erachtens eine zeitgemäße Arbeitsplatzbeschreibung für LehrerInnen. Dazu gehört, dass definiert wird, welches Personal künftig an Schulen arbeiten soll, und zwar zusätzlich zu den Fachlehrkräften. Das können und sollten SozialarbeiterInnen sein, ebenso wie Stützlehrkräfte, PsychologInnen oder auch KrankenpflegerInnen. Auch der Arbeitsplatz selbst muss so beschaffen sein, dass eine ganztägige Anwesenheit in der Schule verantwortet werden kann. Selbstverständlich ist diese ganztägige Anwesenheit anzustreben und selbstverständlich muss die Bezahlung in Ordnung sein.

Markus Renner: Eine Lehrerin geht morgens in die Schule, unterrichtet ein paar Stunden und geht zu Mittag nach Hause, um den Unterricht für die nächsten Tage nach- und vorzubereiten. Was sollte sich an den Aufgaben, Anwesenheitszeiten und der Rolle der Lehrerin be

Heidi Schrodt: Idealerweise arbeitet eine Lehrerin ganztägig in der Schule - unterrichtet hier, bereitet sich vor, korrigiert Schülerarbeiten und all das natürlich an ihrem eigenen Schreibtisch mit einem eigenen PC. Auch Teambesprechungen und Unterrichtsplanungen finden während dieser Zeit statt. Elterngespräche ebenso - wenn Eltern tagsüber Schwierigkeiten haben in die Schule zu kommen, müsste es flexible Angebote für sie geben, zum Beispiel in der Früh vor Unterrichtsbeginn. Der Abend gehört für die LehrerInnen der eigenen Familie und wird für Freizeit genützt. Das ist keine schwärmerische Zukunftsvision, sondern in einer Reihe von Ländern bereits Realität.

e22: Das derzeitige System, dass die Volksschule bestimmt wer in eine AHS gehen kann oder in die HS muss ist sehr ungerecht. Es ist nicht objektiv von der Leistung des Schülers abhängig, sondern vielmehr vom Standort der Schule, Initiative der Eltern im

Heidi Schrodt: Ich gebe Ihnen Recht, dass das derzeitige System nicht objektiv und ungerecht ist. Solange die Trennung mit zehn Jahren aufrecht bleibt, wird es schwierig sein mehr Gerechtigkeit herzustellen. Von einer Wiedereinführung der Aufnahmsprüfung halte ich nicht viel, da bekanntlich mit zehn Jahren die Kinder noch ganz unterschiedlich weit sind. Die jetzige Ungerechtigkeit würde durch eine andere Form der Ungerechtigkeit ersetzt werden.

PeeeZnBlack: Warum denken sie geben Eltern für die MIsserfolge ihrer Kinder in der Schule immer den Lehrern die Schuld ohne sich selbst an der Nase zu nehmen und was tut man am besten dagegenß

Heidi Schrodt: Einerseits ist es verständlich, dass Eltern zunächst die Gründe für Schulprobleme dort suchen, wo sie auftreten, nämlich in der Schule selber. Ehrlicherweise muss auch gesagt werden, dass gelegentlich auch von Seiten der Schule bei Problemen wenig Bereitschaft zur Lösung besteht. Andererseits können Eltern natürlich viel zur Besserung der Schulsituation ihrer Kinder beitragen. Eines der wichtigsten Momente dabei: Das Gespräch mit den LehrerInnen suchen (umgekehrt gilt das natürlich genauso). Ebenso wichtig ist aber für Eltern ein entspannter und entkrampfter Umgang mit den Schulproblemen ihrer Kinder. Die Schule ist ein wichtiger Teil im Leben ihrer Kinder, sollte aber nicht das Wichtigste sein, sondern ein ganz normaler Bestandteil des täglichen Lebens.

nexxxus: In einer Studie zum geschlechterspezifischen Unterschied am Medizin-Eingangstest kam heraus, dass die Ursache vorwiegend eine geschlechtsspezifische Beurteilung in der AHS ist. Ihre Meinung dazu?

Heidi Schrodt: In der Tat haben mehrere empirische Studien der letzten Jahre ausgewiesen, dass Mädchen insofern tendenziell bevorzugt werden, als bei ihnen das Bemühen und der Fleiß häufiger in die Leistung einbezogen wird als bei Burschen. Von einer Bevorzugung im eigentlichen Sinn kann hierbei natürlich nicht die Rede sein, da in Wirklichkeit ja die Mädchen nicht gleich behandelt werden und, wie man sieht, sich diese sogenannte Bevorzugung nachträglich negativ auswirkt. Leider gibt es bis jetzt unter LehrerInnen kaum Wissen über die Forschungsergebnisse aus der einschlägigen Genderforschung. Das muss künftig unbedingt Teil der Lehrerbildung sein.

cosmonaut: Würden Sie ihr Kind auf eine Gesamtschule schicken oder würden Sie alles nötige unternehmen, damit es in eine AHS kommt?

Heidi Schrodt: Ich würde dann mein Kind in eine Gesamtschule schicken, wenn es diese bereits gäbe und sie mich qualitativ überzeugt. Bedenken Sie, eine Gesamtschule neben anderen Schulen kann nie eine Gesamtschule sein.

mels gels: rassismus unter lehrern und lehrerinnen: wie gravierend ist dieses problem?

Heidi Schrodt: Ich habe damit in meiner fast 40jährigen Tätigkeit in der Schule keine negativen Erfahrungen gemacht und glaube ehrlich gesagt nicht dass wir hier in Österreich ein Problem haben.

Erika Kellner: Eine Bekannte von mir unterrichtet ihr Kind (6 Jahre) zu Hause selbst - was halten Sie von dieser Möglichkeit?

Heidi Schrodt: Davon halte ich nicht allzu viel, ausser es gibt einen speziell gesundheitlich bedingten Anlass dafür.

ModeratorIn: Vielen Dank für Ihren Besuch bei uns im Chat und die Beantwortung der Fragen. Den UserInnen danke für die Fragen!

Heidi Schrodt: Ich bedanke mich bei Ihnen allen für die vielfältigen und anregenden Fragen.

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