Zeit ist Herzmuskel: Leitlinien für Infarkt-Behandlung

29. August 2012, 14:26
  • Kurt Huber vom Wiener Wilhelminenspital und Co-Autor der Leitlinien fordert, dass die  zuverlässige STEMI-Behandlung konsequent allen Patienten in Europa zugänglich zu machen ist.
    foto: apa/roland schlager

    Kurt Huber vom Wiener Wilhelminenspital und Co-Autor der Leitlinien fordert, dass die zuverlässige STEMI-Behandlung konsequent allen Patienten in Europa zugänglich zu machen ist.

Gute Organisation von Erstversorgung, Transport und Katheterlabors ist entscheidend bei einem Infarkt

München/Wien - Die Europäische Kardiologengesellschaft (ESC) hat auf ihrem Kongress in München neue Leitlinien zur effektiven Behandlung von Herzinfarkten des STEMI-Typs (ST-Hebungsinfarkt) - der gefährlichsten Form von Herzinfarkten - vorgestellt. Diese sehen vor, dass Zentren mit Katheterlabor zur Aufdehnung von verstopften Herzkranzgefäßen (Percutane Coronare Intervention - PCI) in der Lage sind, an sieben Tagen pro Woche, rund um die Uhr und innerhalb von 90 bis 120 Minuten eine solche interventionelle Therapie anzubieten, hieß es am Mittwoch in einer Aussendung.

Alternativ kann die Infarktbehandlung auch mittels eines zwischen PCI-Zentren vereinbarten Rotationsprinzips organisiert angeboten werden. Rettungsteams sollen deshalb in der Lage sein, Patienten mit STEMI rasch zu identifizieren und eine Ersttherapie, wenn nötig auch unter Durchführung einer Fibrinolyse (medikamentöse Auflösung des Gefäß verstopfenden Blutgerinnsels, Anm.), einzuleiten.

Kernforderung: Frühzeitige Diagnose und Behandlung

"Verzögerungen vorzubeugen ist von zentraler Bedeutung", heißt es in den Leitlinien: Die Frühphase eines Herzinfarktes ist meistens die gefährlichste, bei einer schnellen Wiederherstellung des Blutflusses durch die betroffenen Koronargefäße kann ein bleibender Herzmuskelschaden verhindert werden. Die frühzeitige Diagnose und Behandlung von STEMIS ist deshalb eine Kernforderung der neuen Empfehlungen.

Kurt Huber vom Wiener Wilhelminenspital und Co-Autor der Leitlinien dazu: "Eine zuverlässige STEMI-Behandlung ist konsequent allen Patienten in Europa zugänglich zu machen. - Sehr wirksame Therapien für das akute Herzinfarkt-Management - insbesondere die Reperfusionstherapie mittels PCI oder Fibrinolyse - müssen vorhanden sein und auch angewendet werden".

Höhere Überlebensrate in PCI-Zentren

In Europa stirbt derzeit noch jeder sechste Mann und jede siebente Frau an einem Herzinfarkt. Pro Jahr werden in Europa und den USA jährlich 60 bis 70 von 100.000 Menschen wegen STEMI in ein Krankenhaus aufgenommen. Die Krankenhaussterblichkeit von STEMI-Patienten liegt zwischen vier und sechs Prozent, wenn der Patient in einem gut funktionierenden Netzwerk in einem PCI-Zentrum - behandelt wird (wie etwa dem Wiener Infarktregister) und 14 bis 16 Prozent in einem Nicht-PCI-Zentrum. Die neuen Leitlinien betonen deshalb die Organisation koordinierter regionaler Netzwerke von Katheterlabors.

"Time is Muscle" ist die Devise der Kardiologen in der Versorgung von Patienten mit akutem Infarkt. Bleibt der im Infarktfall aufgetretene Thrombus in den Herzkranzgefäßen über einige Stunden hinweg erhalten, stirbt immer mehr Muskelgewebe ab. Daher muss die Wiederherstellung der Sauerstoffversorgung möglichst schnell erfolgen.

Definierte zeitlichen Ziele

  • Dauer vom ersten medizinischen Kontakt eines Patienten bis zur EKG-Diagnose: maximal zehn Minuten.
  • Dauer vom ersten medizinischen Kontakt bis zur Einleitung einer medikamentösen Auflösung des Gerinnsels (Fibrinolyse, Anm.): maximal 30 Minuten.
  • Dauer vom ersten medizinischen Kontakt bis zur PCI (Ballondilatation, Stentimplantation per Herzkatheter): maximal 60 Minuten (frischer Infarkt innerhalb von zwei Stunden ab Schmerzbeginn).
  • Wichtig ist bei diesen Interventionen auch eine ausreichende Begleittherapie durch Medikamente, welche die Funktion der Blutplättchen ausreichend hemmen. Das verringert die Komplikationsraten. (APA/red, derStandard.at, 29.8.2012)
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2 Postings

Optimal. Nur an der Umsetzung haben wir katastrophale Mängel in Österreich. Solche Zentren sind am Lande rar...

Naja, also sooo schlecht ist Österreich nicht ausgerüstet.

Das Problem liegt darin, PCI oder zumindest Lyse tatsächlich flächendeckend anzubieten.

Zwei weitere Problematiken werden nicht angesprochen. Erstens erkennen viele Patienten nicht den Ernst der Lage und rufen zu spät die Rettung (bei Zuckerkranken kann zB der typische Schmerz fehlen). Diesbezüglich kann nur eine Aufklärungs-Kampagne zB durch Hausärzte oä helfen.

Zweites wird am Telefon auch von Telefondienst-Mitarbeitern der Rettung die Möglichkeit eines Infarkts nicht so selten nicht sofort erkannt. Gerade bei Frauen verlaufen selbst STEMIs öfters untypisch. Lösung: Bessere Schlung.

Durch beide Faktoren geht oft mehr Zeit verloren als durch die sehr rasch arbeitenden ÄrztInnen!

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