Die besten Indie-Games im August: Großes Kino

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Die heißen Sommermonate sind traditionsgemäß nicht gerade jene Zeit, in der man es sich als Spieler drinnen vor PC oder Konsole gemütlich macht, und auch die Gamesbranche hat, abseits der Gamescom, im Sommer eher ihre Verschnaufpause vor dem heißen Releaseherbst bis hin zum alljährlichen Weihnachtswahnsinn. Für Indie-Spiele gilt das nur bedingt: Ihre Release-Zyklen sind weitgehend unbehelligt von PR-Kalkül und Marketingstrategien. 

Solche Aussagen über eine Nische zu treffen, die vor lauter Erfolgen und Hype aus allen Nähten platzt, ist nie ungefährlich, denn was Indie ist oder eben nicht, führt erfahrungsgemäß immer wieder zu heißen Auseinandersetzungen (auch hier in den Kommentaren). Von der von mir meist präferierten Minimaldefinition - Indie heißt: von einem Publisher unabhängig Spiele zu entwickeln - bis hin zu fast esoterisch anmutenden Glaubensbekenntnissen einer eher herbeifantasierten Indie-Ideologie reicht die Diskussionsbandbreite. Und die Diskussion, fast das gesamte Jahr 2012 ein Dauerbrenner in den einschlägigen Ecken des Webs, reißt nicht ab. Vielleicht sollte man sich auf diese aktuell vom Entwickler Craig Stern vorgeschlagene "Universaldefinition" des schwammigen Begriffs beschränken: Ein Indie-Game wäre dieser Definition nach jedes Spiel, das (a) von Anfang bis Ende ohne den Einfluss eines Publishers oder Lizenzgebers fertiggestellt und (b) von einem einzelnen Entwickler oder einem kleinen Team erstellt wurde.

Den Spielern kann das Ringen um die begriffliche Genauigkeit aber sowieso egal sein, die Hauptsache für sie ist nach wie vor, dass sich die Auswahl an spannenden, originellen und frischen Spielideen durch den Beitrag all der kleinen und weniger kleinen Unabhängigen stetig erhöht und auch den großen Mainstream bei Erfolg mitbefruchtet. Und wer sagt, dass dafür Budgets in Millionenhöhe nötig sind? Oft genügt es schon, zwei gute Ideen originell zu einem neuen Ganzen zu verbinden, und schon ist etwas Neues geboren - wir leben nicht umsonst in Zeiten des Mashups. Hier die besten Indie-Games des Monats.

foto: hersteller

Orcs Must Die 2 (Windows, 14,99 Euro)

Ein Mashup der feinsten Sorte, und so etwas wie der AAA-Indie-Titel dieses Monats: Der Nachfolger des nicht einmal ein Jahr alten Vorgängers mixt das altbekannte Tower-Defense-Prinzip mit knackiger Third-Person-Action und rollenspielmäßigem Charaktermanagement. Empfehlung für wirklich alle Spieler: "Orcs Must Die 2" ist eine knallbunte Portion Spielspaß mit Suchtpotenzial, das sich vor allem im neuen Coop-Modus völlig entfalten kann, wenn man zu zweit der stetigen Flut von Orks durch Fallen, Magie und Körpereinsatz ein Ende bereiten muss.

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10000000 (iOS, 1,79 Euro)

Apropos Mashup: Dass man durch Hinzufügen von Rollenspielelementen auch der ältesten Kamelle noch Suchtpotenzial zum Zähneknirschen verleihen kann, wissen Opfer von Spielen wie "Puzzle Quest" schon länger aus eigener leidvoller Erfahrung. Inzwischen kommt kaum mehr einer der Match-Three-Klassiker im Stil von "Bejeweled" ohne diese zusätzlichen Gamification-Elemente aus, und auch das unglücklich benannte "10000000" verbindet auf diese Art elegant Sucht mit Zwang: "Rahmenhandlung" ist die RPG-mäßige Flucht aus einem Turm samt Quests, Waffen, Monstern und Charaktertuning, spielmechanisch werden unter Zeitdruck klassisch Dreierketten zusammengepuzzelt. Verbunden mit dem ohrwurmartigen Chiptunes-Soundtrack und sympathischem Humor können so schon mal Tage des eigenen Lebens im dumpfen Nebel dieses kleinen, gemeinen Juwels verschwinden. You have been warned.

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30 Flights of Loving (Windows, 4,99 Euro)

Nicht minder großes, aber auch wieder ganz kleines Kino, und hier scheiden sich die Geister. Deshalb gleich zu Beginn eine deutliche Warnung: Bei vielen wird diese stylisch-abstrakte Games-Short-Story für Unverständnis, Kopfschütteln oder sogar Grant ob der für das Preisschild wirklich sehr minimalistischen Spieldauer von etwa 20 Minuten (!) sorgen, Spieler mit Interesse am erzählerischen Experiment werden den Verlust in der Betragshöhe eines Päckchens Zigaretten angesichts des retro-stylischen Pulp-Thrillerchens aber schnell mit einem glücklichen Grinsen im Gesicht verwunden haben. Unentschlossene können sich am immer noch gratis downloadbaren Vorgänger "Gravity Bone" versuchen, bevor sie ihre Entscheidung treffen - dieses liegt "30 Flights of Loving" übrigens auch bei. Wer Freude an "Dear Esther" und "Proteus" hatte, sollte sich den existenzialistisch-tarantinoesken Minitrip ins quadratige Thriller-Universum unbedingt gönnen.

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Deadlight (Xbox Live Arcade, 1200 MS-Pkte)

Gut geklaut ist halb gewonnen, doch zur wahren Indie-Perle braucht es noch mehr - etwa außergewöhnliche Präsentation: "Deadlight" ist ein Sidescroller mit Zombie-Apokalysensetting, doch was das spanische Entwicklerteam Tequila Works aus diesem mäßig spannend klingenden Rezept herausholt, ist bemerkenswert. Optisch wunderschön, vom Sounddesign minimalistisch, aber effektiv und vor allem von einer beeindruckenden Atmosphäre, die das Maximum aus der 2,5D-Welt herausholt, lässt sich "Deadlight" spielerisch am ehesten mit einem anderen Indie-Liebling, dem großen "LIMBO", vergleichen, auch wenn in der Zombie-Saga im späteren Verlauf die Waffen sprechen. Packende Story, dichte Atmosphäre - großes Kino!

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Zineth (PC, Mac, gratis)

Ein optisches Highlight anderer Art ist "Zineth": Im Gratis-Spiel rast man auf futuristischen Skates zu treibenden Electronica-Klängen halsbrecherisch durch psychedelisch-bunte Welten in schreiend knalliger Cel-Shading-Optik. Auf dem Skelett bekannter Skating-Fun-Simulationen gebaut, lebt das freche kleine Stück Unterhaltung von Geschwindigkeitsrausch und Open-World-Selbstbeschäftigung. Das Studentenprojekt versetzt seine Spieler in hypnotische Trance und ist alleine wegen der abgefahrenen Optik auf jeden Fall einen Blick wert.

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Don't Starve (PC, Beta-Key ca. 5 Euro)

Eine Sandbox-Welt, in der man für Brennholz, Unterkunft, Essen und Waffen sorgen muss - war da nicht mal was im Indiebereich? Mit dem Übervater "Minecraft" hat "Don't Starve", das neue Spiel der "Shank"-Entwickler, aber nur spielmechanisch einige kleinere Gemeinsamkeiten, grafisch und atmosphärisch ist das wundervoll illustrierte 2D-Survival-Adventure etwas völlig Eigenständiges und erinnert höchst sympathisch an die eigenwilligen Cartoons des amerikanischen Illustrators Edward Gorey - und zwar nicht nur optisch, sondern auch, was den düsteren Humor desselben betrifft. Wer in der Gestalt des hochstirnigen Cartoon-Helden Wilson im finsteren Tuschewald bestehen will, muss beinharten Überlebenswillen und Erfindungsgeist unter Beweis stellen. Um etwa 5 Euro erhält man, auch das eine Parallele zu "Minecraft", den Zugang zur Beta sowie bei Fertigstellung das gesamte Spiel, doch auch in Googles Browser Chrome lässt sich eine gratis anspielbare Demoversion des sehr stylischen Titels ansehen. Spannend.

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Sound Shapes (PS3, Vita, ca. 12 Euro)

Frisch von der Vita auf die PS3 portiert, stellt das neue Spiel des "Everyday Shooter"-Machers Jonathan Mak den Spieler vor ganz andere Aufgaben: Auf den ersten Blick ein klassischer Side-Scroller, offenbart "Sound Shapes" sein musikalisches Herz beim Interagieren mit der wunderbar minimalistisch gestalteten Spielwelt, in der jede Interaktion in den fantastischen Soundtrack des Spiels eingewoben wird. Die Musikstücke, die sich so durch die Handlungen des Spielers nach und nach zu ihrem Ganzen zusammenfügen, sind schon fast allein den Kauf wert: Von Deadmau5 über "Sword&Sworcery"-Vertoner Jim Guthrie bis hin zu drei neuen Stücken von Beck (ja, DER Beck) ist "Sound Shapes" ein akustisches Erlebnis.

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Zum Abschluss sei noch auf eine verlässliche Fundgrube an stets frischen Indiegames verwiesen: Das aktuelle Ludum Dare-Event zum Thema "Evolution" hat auch dieses Mal weltweit Spielemacher unterschiedlichster Kompetenzgrade zum Einreichen ihrer Spieleminiaturen motiviert. Seit 2002 wurden 22 dieser Programmier-Jams abgehalten, in denen die Herausforderung ist, alleine in 48 Stunden (oder, als Team, in 72 Stunden) einen spielbaren Prototypen zum vorgegebenen Thema abzuliefern. Mitte September werden die Gewinner gekürt, bei momentan 1405 Teilnehmern (!) bleibt eigentlich nur die Qual der Wahl - und die lässt sich, ein kleiner Webtipp als Überbrückungshilfe bis zum nächsten "Best-of Indie" Ende September, durch fachmännische Hilfe leichter bewältigen: Terry Cavanagh, Macher des originellen Indie-Klassikers "VVVVVV", verweist auf seinem Miniblog freeindiegam.es täglich mit wenigen Worten auf interessante Gratis-Spiele im Web. Für Nachschub an frischen Ideen ist also weiterhin gesorgt. (Rainer Sigl, derStandard.at, 30.8.2012)

Best of Indie-Games ist eine monatliche Koproduktion des GameStandard mit VideoGameTourism.at.

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