Weiter nach Nairobi

Blog30. August 2012, 16:52
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Blogger Peter Knauseder erlebt schmerzhaft, was Seeigel auf Suaheli heißt, lernt seine Grenzen kennen und erfährt afrikanische Schadenfreude

Der Strand ist weiß, das Wasser türkisgrün, die Cocktails sind vorzüglich, es ist ein Paradies, aber auch ein wenig langweilig. So erkunde ich zu Fuß die umliegenden Dörfer, schaue den Frauen beim Ernten von Seegras zu, wate bei Ebbe zu dem vorgelagerten Riff, lasse mir von den Fischern ihre Fangmethoden erklären und versuche, meine Sprachkenntnisse zu verbessern. Ich weiß jetzt zum Beispiel, was "Achtung, dort sind Seeigel" auf Suaheli heißt. Ich habe es auf die schmerzhafte Art gelernt.

"Muzungu" an Bord

Mit den effizienten Dalla Dallas (eine Art Minibusse) kommt man auf der Insel, aber auch später am Festland relativ leicht von einem Ort zum anderen. Sie fahren immer erst ab, wenn sich genügend Passagiere gefunden haben, und es ist unglaublich, wie viele Personen in ein solches Gefährt gestopft werden können. Etwa 15 Erwachsene hätten halbwegs bequem darin Platz, der Rekord, den ich erlebt habe, waren 35 Fahrgäste! Doch dafür kommt man auch - ob man will oder nicht - leicht mit den Einheimischen in Kontakt, und meistens entwickelt sich schon bald ein Gespräch. Zum Beispiel über Olympia. Als ich auf die Frage, wie viele Goldmedaillen die österreichischen Athleten denn gewonnen hätten, die traurige und edelmetalllose Wahrheit erzählen muss, sorgt das für allgemeine Heiterkeit im ganzen Dalla Dalla. Ich sehe und höre zum ersten Mal eine voll verschleierte Frau herzhaft lachen.

Ein einziges Mal versucht man uns auf einer solchen Fahrt einen "Muzungu-Aufschlag" zu berechnen, doch als wir den Kassierer höflichst, aber hartnäckig darauf hinweisen, dass wir den normalen Preis kennen, entschuldigt er sich umständlich für seinen bedauerlichen Irrtum.

Von dem Dorf Matembwe an der Ostküste Sansibars aus organisieren wir mit ein paar anderen Touristen einen Schnorchelausflug. Ein kleines Motorboot bringt uns zu einem Korallenriff vor der Insel Mnemba, wo wir so lange herumschnorcheln können, bis wir wieder ans Land wollen. Das Riff selbst ist vielleicht etwas blasser, als ich es mir vorgestellt hatte, dafür ist die Fischwelt umso bunter. Nach zwei Stunden fahren wir ziemlich erschöpft und von der Sonne verbrannt wieder zurück, wobei mein Selbstbild, doch einer von den "harten Kerlen" zu sein, etwas angekratzt wird, als ich mich bei den ersten Anzeichen eines etwas stärkeren Seegangs als Einziger übergeben muss.

Segen und Fluch des Tourismus

Wir bleiben noch über das Ende des Ramadans in Stone Town, um bei den dortigen Festlichkeiten dabei zu sein. Die ganze Stadt ist auf den Beinen, alle sind besonders gut angezogen und bester Stimmung, auf den Straßen gibt es fast kein Durchkommen mehr.

Wieder in Dar es Salaam, besuchen wir den den Kariakoo-Markt, einen der größten Märkte in ganz Afrika. Wir gehen durch das Kariakoo-Viertel, doch wir finden und finden ihn nicht. Auf den Straßen herrscht geschäftiges Treiben, das immer dichter wird. Irgendwann wird uns bewusst, dass eigentlich das ganze Viertel der Markt ist.

Mit Dalla Dallas fahren wir Richtung Norden nach Bagamoyo, das früher eine bedeutende Rolle als Waren- und Sklavenumschlagsplatz gespielt hat, das jedoch mit der Verlegung der Hauptstadt nach Dar es Salaam 1891 und mit dem Bau der Bahn bald in der relativen Bedeutungslosigkeit versank. Es herrscht eine besonders entspannte Atmosphäre, Bauten aus der deutschen Kolonialzeit in den unterschiedlichsten Stadien des Verfalls säumen die Straßen, die große Vergangenheit passt irgendwie nicht zur jetzigen Beschaulichkeit. Der verstärkte Tourismus ist wohl die einzige Chance, das architektonische Erbe Bagamoyos zu bewahren, und vermutlich auch gleichzeitig der Garant dafür, dass der Charme dieser Stadt bald verschwinden wird.

Mit Empfehlung in den Sudan

Nachdem meine Freundin wieder nach Hause geflogen ist, fahre ich via Moshi am Kilimandscharo und am Mount Meru vorbei nach Arusha im Norden des Landes. Obwohl sich beide Berge an diesem Tag großteils hinter Wolken verbergen, kann ich dennoch ihre Mächtigkeit erahnen.

Nairobi (Kenia) überrascht mich. Ich hatte irgendwie ein sehr negatives Bild von dieser Stadt, und sie hat auch sicher viele hässliche Flecken, von den Slums ganz zu schweigen. Auch die Sicherheitslage ist alles andere als gut, doch viele Gegenden sind auch recht schön und angenehm, und es macht nicht den Eindruck, dass dort nur die Superreichen wohnen würden.

Mit einem Empfehlungsschreiben der österreichischen Botschaft in Nairobi ausgestattet, bewerbe ich mich um ein Visum für den Sudan. Es kursieren viele Geschichten, wie furchtbar mühselig es sei, sich dieses Visum zu beschaffen, doch ich bekomme es noch am selben Tag. Zumindest von bürokratischer Seite dürfte jetzt also meinen weiteren Reiseplänen nichts mehr im Wege stehen. (Peter Knauseder, derStandard.at, 30.8.2012)

Bilder gibt's in dieser Ansichtssache.

  • Wunderschön, aber ein bisschen langweilig ist es am Strand auf Sansibar. Weitere Bilder gibt's in dieser Ansichtssache.
    foto: peter knauseder

    Wunderschön, aber ein bisschen langweilig ist es am Strand auf Sansibar. Weitere Bilder gibt's in dieser Ansichtssache.

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