Das antike Christentum unter den Pflugscharen

  • Archäologen an der Arbeit: Die Grundmauern zeugen von einer im vierten Jahrhundert erbauten Basilika in Virunum.
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    foto: landesmuseum kärnten

    Archäologen an der Arbeit: Die Grundmauern zeugen von einer im vierten Jahrhundert erbauten Basilika in Virunum.

Nicht nur eine Kirche, einen ganzen Bischofssitz im Ausmaß von beinahe einem Dreiviertelhektar lokalisierten Archäologen bei Ausgrabungen der römischen Stadt Virunum

Das Christentum war im Gebiet des heutigen Kärntens schon früh verbreitet. Am Zollfeld nahe des heutigen Maria Saal lag einst Virunum, Hauptstadt der römischen Provinz Noricum. 1989 wurde hier mittels Luftbildaufnahmen ein früher Kirchenbau entdeckt. Jetzt ist klar, dass sich der sakrale Bau in eine mindestens 6000 Quadratmeter große Anlage fügt, die "zwei weitere Kirchenbauten, eine Hofanlage mit umgebenden Bauten, vermutlich aber auch sechs Klerikerwohnungen und das Episkopium, also den Bischofspalast" umfasst, sagt Heimo Dolenz, Ausgrabungsleiter des Kärntner Landesmuseums, zum STANDARD. Er und sein Team entdeckten den 1600 Jahre alten Baukomplex, der große Bedeutung für den Alpenraum und weit über Österreichs Grenzen hinaus habe.

Amphitheater wie jenes, das an der Ausgrabungsstätte Virunum restauriert wurde, "gab's in jeder größeren römischen Stadt", sagt Dolenz. Im Alpenraum gebe es als direkte Parallele zum entdeckten Bischofssitz aber nur noch die wiederentdeckte Kathedrale von St. Pierre in Genf, die aber durch Überbauungen weitgehend zerstört wurde. Hier, am Kärntner Zollfeld, liege lediglich eine 30 Zentimeter dicke Humusschicht über den alten Mauern.

Dennoch, die Pflüge, die über Jahrhunderte hinweg die Wiesen an den Ufern der Glan beackerten, haben ihre Spuren hinterlassen und die Bodenhorizonte zerstört. Deshalb seien hier 2004 auch Notgrabungen in der Nähe der Bischofskirche durchgeführt worden, um mögliche weitere Funde zu sichern. "Das war eine echte Notsituation. Wir mussten Nachschau halten, bevor der Pflug alles kaputt macht", erklärt Dolenz.

Dritte Kirche entdeckt

Auf Basis geophysikalischer Messungen, Luftbildanalysen, Altgrabungsergebnissen von vor 100 Jahren und dem, was die neuen Ausgrabungen ans Tageslicht förderten, konnten in Kooperation mit der Universität Padua und der Universität Klagenfurt die Ausmaße des gesamten Baukomplexes erfasst werden. Die Bischofskirche, die mittlerweile zu zwei Drittel freigelegt ist, erstreckt sich auf einer Grundfläche von 36 mal 28 Meter und ist damit die größte spätantike Kirche Noricums. Sie verfügte über eine weit in die römische Straße hineinragende Apsis, also einen halbkreisförmigen Raumabschluss, mit Umgang und Priesterbank im Inneren. Von dem zweiten Sakralbau wurde bereits 1913 die Apsis ergraben. Besonders hervorzuheben sei, dass noch ältere römische Wohnungsmauern in den Kirchenbau eingeflossen sind, sagt Dolenz. "Somit handelt es sich um einen organisch gewachsenen Baukomplex."

Bodenradaraufnahmen der Montanuni Leoben konnten zudem den Grundriss eines weiteren Baus in der Achse der Bischofskirche identifizieren, der sich mit jenem deckt, der 2004 in Globasnitz freigelegt wurde.

Frühe Christianisierung

Wahrscheinlich wurde die gesamte Anlage, die gleichzeitig ein Verwaltungszentrum war, in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts nach Christi errichtet. Das würde laut Dolenz auch gut ins Bild einer Überlieferung passen, welche die Teilnahme der katholischen Bischöfe Noricums am Konzil von Serdica im Jahre 343 nach Christus belegt.

Bereits im dritten Jahrhunderts verbreitete sich das Christentum in der Hauptstadt Noricums. Es gebe Hinweise, dass in Virunum schon bald nach der Mailänder Vereinbarung von 313, in der Konstantin der Große Religionsfreiheit im Reich garantierte, das vorherige Kultinventar aus dem Nemesis-Tempel geholt und "rituell mit Steinen überdeckt wurde".

Die Besiedlung des Areals von Virunum, das um 50 nach Christus gegründet wurde, dauerte laut Fundanalysen noch bis Mitte des fünften Jahrhunderts, sagt Dolenz. "Wann die Kirche aufgegeben wurde, können wir nicht sagen." (Alois Pumhösel, DER STANDARD, 29.8.2012)

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