"In der Nacht bricht vieles heraus"

29. August 2012, 05:30
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Die Psychoanalytikerin Ute Mitterhammer erzählt von ihren Nachtdiensten beim Ärztefunk

Drei Farben, blau weiß rot, dominieren den Raum im zweiten Stock eines prächtigen Altbaus im ersten Wiener Gemeindebezirk. Auf der weißen Couch werden demnächst Klienten Platz nehmen, der rote Sessel ist für die Psychoanalytikerin reserviert. Diese trägt ein zufälligerweise dazu passendes Sommerkleid und wirkt frisch und erholt, was um die Mittagszeit nicht ungewöhnlich wäre, wäre da nicht der Umstand, dass Ute Mitterhammer am Vortag von acht am Abend bis acht am Morgen Nachtdienst hatte. "Danach frühstücke ich immer und schlafe bis elf. Es ist besser so, als bis in den Nachmittag hineinzuschlafen. Dann hätte ich nichts mehr vom Tag.", erklärt Ute.

Sie muss es wissen, schließlich arbeitet die ausgebildete Psychoanalytikerin bereits seit siebzehn Jahren auch beim Ärztefunkdienst, wo sie Telefonanrufe entgegennimmt und mit Ärzten und Sanitätern im Außendienst telefonisch Kontakt hält. Dabei war der Job beim Ärztefunkdienst ursprünglich als Studentenjob gedacht. Heute macht sie weniger Nachtschichten pro Woche als früher, denn mit den Jahren würde man den unregelmäßigen Tag-Nacht-Rhythmus immer stärker spüren: "Es ist ein permanenter Jet-Lag."

Interesse an Psychosomatik

Nach Kindheit und Jugend in der Steiermark zog die 1966 Geborene nach Wien, um Medizin zu studieren. "Ich merkte bald, dass mich die psycho-medizinische Schiene mehr interessierte als die reine Naturwissenschaft. Ich habe viele Vorlesungen über Psychosomatik besucht und mich für alles interessiert, das ins Therapeutische geht, und irgendwann war klar, ich habe mich bei der Studienwahl vertan." Zu dieser Zeit wurde die Gesetzgebung in Österreich dahingehend verändert, dass man auch ohne ein abgeschlossenes einschlägiges Studium wie etwa Medizin, Psychologie oder Theologie eine Ausbildung als Psychotherapeut machen durfte. Ute behielt ihren Studentenjob beim Ärztefunkdienst und inskribierte sich für das psychotherapeutische Propädeutikum - der erste Schritt auf dem langen Weg zum Traumberuf Psychotherapeutin.

Psychoanalytische Selbstpsychologie

Wie fiel die Wahl auf die Psychoanalyse? "Das kristallisierte sich bald im Propädeutikum heraus", erklärt sie, "ich lernte dort drei Lehrer und eine Supervisorin kennen, von deren Arbeitsweise ich sehr angetan war. Es stellte sich heraus, sie arbeiteten alle nach der Methode der psychoanalytischen Selbstpsychologie. Das konnte kein Zufall sein."
Empathie statt "weiße Wand"

Die psychoanalytische Selbstpsychologie geht auf den Wiener Heinz Kohut zurück und betont den Aspekt der Empathie in der Therapie. Konkret bedeutet es, dass der Therapeut sich nicht wie bei Freud als eine "weiße Wand" begreifen, also zurückhaltend und abstinent agieren soll, sondern versuchen soll, sich in die Situation des Patienten hineinzuversetzen. Im Fachjargon nennt man das "stellvertretende Introspektion". "Man kann nicht erwarten, dass ein Mensch so neutral ist, als ob er gar nicht da wäre. Der Therapeut bringt selbstverständlich seine eigene Prägung, seine Einstellungen und Abwehrmechanismen mit", präzisiert Ute. Konkret bedeutet es, dass ein Therapeut sich selbst sehr gut kennen muss, bevor er in der Lage ist, sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen. Das wiederum bedeutet, dass man, um Psychoanalytiker zu werden, zunächst selbst eine so genannte Lehranalyse absolvieren muss.

Bei Ute dauerte die Lehranalyse zehn Jahre, in einem Rhythmus von drei Sitzungen pro Woche. "Die Lehranalyse ist das Herzstück einer psychoanalytischen Ausbildung", ist Ute überzeugt. Schade findet sie es, dass die lange Dauer und die hohen Kosten dafür sorgen, dass der Ausbildung etwas Elitäres und sozial Selektierendes anhaftet: "Ich habe mein Erbe in meine Ausbildung gesteckt und nicht etwa in eine Eigentumswohnung, und habe einfach bescheiden gelebt, kein Auto, wenig Urlaub."

Prekäre Situationen in der Nacht

Der Job beim Ärztefunkdienst sorgte inzwischen für ein regelmäßiges Einkommen und eröffnete der angehenden Psychoanalytikerin auch die Augen für "ein armes, nächtliches Wien", wie sie erzählt: "In der Nacht bricht vieles heraus, am Telefon sind wir mit prekären Situationen konfrontiert. Manchmal bin ich geradezu froh, dass ich nicht mit dem Ärzteteam im Außendienst bin, und dass ich nicht selbst mitansehen muss, was ich telefonisch mitanhöre. Unsere Ärzte und Sanitäter kommen manchmal in verwahrloste Wohnungen, wo keine Möbel mehr sind, weil die Bewohner kurz vor der Delogierung stehen, wo familiäre Gewalt stattfindet. Es kann aber genauso gut vorkommen, dass die Ministergattin aus einer Villa in Döbling anruft und etwas braucht."

"So werden, wie man eigentlich ist"

Aber vom Brotberuf zurück zum Traumberuf: Wie kann man ihn sich eigentlich vorstellen, den erfolgreich therapierten Menschen? Was ist das Ziel einer Therapie? Wie soll er sein, der geheilte Patient? Utes Antwort ist kurz und bündig: "Liebesfähig, arbeitsfähig, beziehungsfähig." Und weiter: "So werden, wie man eigentlich ist. Man könnte auch sagen, das Ziel ist ein kohärentes Selbst. Wenn man also die Teile, die in einem sind, integriert hat." Integriert? Ute erklärt: "Vieles, das einen verletzt oder traumatisiert hat, wird abgespalten, verdrängt oder vergessen. In der Therapie kann man beispielweise alle Prozesse der Trauer durchwandern, den Schmerz oder die Wut hochkommen lassen, und dann etwas abschließen."

Der Fremde in mir

Die Psychoanalyse beschäftigt sich jedoch nicht nur mit dem Individuum, sondern auch mit größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen. Beispielsweise gibt es psychoanalytische Erklärungsansätze für Phänomene wie Rassismus, Nationalismus oder religiösen Fanatismus, wie Ute Mitterhammer erklärt: "Indem ich den anderen total ablehne, lehne ich auch etwas in mir selbst ab, ohne es zu merken. Das ist so quasi der Fremde in mir selbst, den ich nicht sehen will. Wenn Menschen nicht daran erinnert werden wollen, dass sie selbst einmal hilflos waren, schauen sie weg von der Not der anderen oder sagen, die Ausländer sind selber schuld." (Mascha Dabić, daStandard.at, 29.8.2012)

  • Ute Mitterhammer entschied sich gegen ein Medizinstudium und für eine Lehranalyse.
    foto: mascha dabić

    Ute Mitterhammer entschied sich gegen ein Medizinstudium und für eine Lehranalyse.

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