Arabischer Frühling: Warnung vor zu hohen Erwartungen

Der Arabische Frühling wird noch lange turbulent bleiben - Zu diesem Schluss kommt eine Diskussionsrunde beim Forum Alpbach

Alpbach - Kann man nach den Aufständen der Völker gegen ihre Machthaber im Arabischen Frühling ab Anfang 2011 und nach den Rückschlägen seither erwarten, dass die Entwicklung zu Demokratie weitergeht? Was bedeutet das nicht zuletzt für die Erwartungen der jungen Generation auch in Europa? Diese Fragestellungen standen am Dienstag zum Ende des Politischen Gesprächs beim Forum Alpbach im Zentrum zweier Debattenrunden.

"Es gibt keinen Weg zurück", gab darauf die aus Jordanien stammende Multimedia-Journalistin Lina Ejeilat eine eindeutige Antwort. Nach der ersten Euphorie der Umbrüche etwa in Ägypten gäbe es bei den Leuten wieder große Zweifel. Viele fragten sich, ob Stabilität nicht doch besser wäre als die Unsicherheit. Auch säßen Aktivisten inzwischen wieder in Gefängnissen, berichtete sie. Aber es gäbe auch einige Fortschritte. Wichtig sei, zwischen den Ländern in ihrer Unterschiedlichkeit deutlich zu unterscheiden.

Widersprüche in den Revolutionen

Der frühere jemenitische Vizeaußenminister Abdullah Alsaidi bestätigte die tiefen Widersprüche der Revolutionen in Nordafrika bis zum Mittleren Osten - und warnte die Europäer vor zu viel Optimismus, indem er mit einer interessanten Theorie an die Revolutionen von 1848 und 1989 erinnerte. Der Übergang werde "sehr, sehr turbulent sein", mit großen Unterschieden zwischen den einzelnen arabischen Ländern. Der Arabische Frühling sei im Kern jedenfalls 1848 viel ähnlicher als die in kurzer Zeit friedlich und positiv verlaufenen Umbrüche in Osteuropa mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion.

"1989 bot sich die Europäische Union diesen Ländern als wirtschaftliches Hoffnungsmodell an", sagte Alsaidi. Das sei derzeit nicht der Fall, und in der arabischen Welt seien auch die Institutionen schwach, es gibt ein großes Sicherheitsproblem. Die Vertreter eines islamischen Staates stünden in Gegensatz zu republikanisch gesinnten Bürgern. Große Hindernisse seien also zu überwinden.

Nationalismus vermeiden

Nach 1848 seien die Ziele der Demokratie und der Freiheit in Europa umgekehrt worden, der Nationalismus habe sich erhoben. Diese Fehler gelte es heute in der arabischen Welt jedenfalls zu vermeiden, so Alsaidi, der den EU-Staaten und den USA empfahl, sich nicht einzumischen: "Es wird vor und zurück gehen, aber es wird Fortschritte geben. Die Länder müssten sich auf sich selber konzentrieren, ihre eigenen Probleme lösen, wobei auffallend sei, dass die Arabische Liga bei Syrien vom Prinzip des Konsenses deutlich abgerückt sei.

Der aus Saudi-Arabien stammende Leiter des Dialogzentrums in Wien, Faisal Bin Muaammar, verwies auf den Aspekt, dass eine friedliche demokratische Entwicklung nach seiner Ansicht nur möglich sei im offenen Dialog mit den Religionen, Muslimen, Christen, Juden, Hindus. Staat und Religion zu trennen, das werde nicht möglich sein: "Aber wir können Traditionen verändern, Religion und Demokratie zusammenführen", meinte Bin Muaammar. Genau das habe das Dialogzentrum in Wien zum Ziel. Der ägyptische Abgeordnete und Politikwissenschafter Amr Nabil Hamzawy bekräftigte die Notwendigkeit dieser Verständigung, der Versöhnung.

Was Syrien betrifft, zeigten sich die Teilnehmer eher pessimistisch. Präsident Bashir al-Assad könne sich der vollen Unterstützung des Iran sicher sein, Europa und die USA könnten sich eine Intervention schwer leisten. In Syrien drohe daher ein Zerfall, ähnlich wie beim Irak. (Thomas Mayer, DER STANDARD, 29.8.2012)

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