Arabischer Frühling: Warnung vor zu hohen Erwartungen

28. August 2012, 18:20

Der Arabische Frühling wird noch lange turbulent bleiben - Zu diesem Schluss kommt eine Diskussionsrunde beim Forum Alpbach

Alpbach - Kann man nach den Aufständen der Völker gegen ihre Machthaber im Arabischen Frühling ab Anfang 2011 und nach den Rückschlägen seither erwarten, dass die Entwicklung zu Demokratie weitergeht? Was bedeutet das nicht zuletzt für die Erwartungen der jungen Generation auch in Europa? Diese Fragestellungen standen am Dienstag zum Ende des Politischen Gesprächs beim Forum Alpbach im Zentrum zweier Debattenrunden.

"Es gibt keinen Weg zurück", gab darauf die aus Jordanien stammende Multimedia-Journalistin Lina Ejeilat eine eindeutige Antwort. Nach der ersten Euphorie der Umbrüche etwa in Ägypten gäbe es bei den Leuten wieder große Zweifel. Viele fragten sich, ob Stabilität nicht doch besser wäre als die Unsicherheit. Auch säßen Aktivisten inzwischen wieder in Gefängnissen, berichtete sie. Aber es gäbe auch einige Fortschritte. Wichtig sei, zwischen den Ländern in ihrer Unterschiedlichkeit deutlich zu unterscheiden.

Widersprüche in den Revolutionen

Der frühere jemenitische Vizeaußenminister Abdullah Alsaidi bestätigte die tiefen Widersprüche der Revolutionen in Nordafrika bis zum Mittleren Osten - und warnte die Europäer vor zu viel Optimismus, indem er mit einer interessanten Theorie an die Revolutionen von 1848 und 1989 erinnerte. Der Übergang werde "sehr, sehr turbulent sein", mit großen Unterschieden zwischen den einzelnen arabischen Ländern. Der Arabische Frühling sei im Kern jedenfalls 1848 viel ähnlicher als die in kurzer Zeit friedlich und positiv verlaufenen Umbrüche in Osteuropa mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion.

"1989 bot sich die Europäische Union diesen Ländern als wirtschaftliches Hoffnungsmodell an", sagte Alsaidi. Das sei derzeit nicht der Fall, und in der arabischen Welt seien auch die Institutionen schwach, es gibt ein großes Sicherheitsproblem. Die Vertreter eines islamischen Staates stünden in Gegensatz zu republikanisch gesinnten Bürgern. Große Hindernisse seien also zu überwinden.

Nationalismus vermeiden

Nach 1848 seien die Ziele der Demokratie und der Freiheit in Europa umgekehrt worden, der Nationalismus habe sich erhoben. Diese Fehler gelte es heute in der arabischen Welt jedenfalls zu vermeiden, so Alsaidi, der den EU-Staaten und den USA empfahl, sich nicht einzumischen: "Es wird vor und zurück gehen, aber es wird Fortschritte geben. Die Länder müssten sich auf sich selber konzentrieren, ihre eigenen Probleme lösen, wobei auffallend sei, dass die Arabische Liga bei Syrien vom Prinzip des Konsenses deutlich abgerückt sei.

Der aus Saudi-Arabien stammende Leiter des Dialogzentrums in Wien, Faisal Bin Muaammar, verwies auf den Aspekt, dass eine friedliche demokratische Entwicklung nach seiner Ansicht nur möglich sei im offenen Dialog mit den Religionen, Muslimen, Christen, Juden, Hindus. Staat und Religion zu trennen, das werde nicht möglich sein: "Aber wir können Traditionen verändern, Religion und Demokratie zusammenführen", meinte Bin Muaammar. Genau das habe das Dialogzentrum in Wien zum Ziel. Der ägyptische Abgeordnete und Politikwissenschafter Amr Nabil Hamzawy bekräftigte die Notwendigkeit dieser Verständigung, der Versöhnung.

Was Syrien betrifft, zeigten sich die Teilnehmer eher pessimistisch. Präsident Bashir al-Assad könne sich der vollen Unterstützung des Iran sicher sein, Europa und die USA könnten sich eine Intervention schwer leisten. In Syrien drohe daher ein Zerfall, ähnlich wie beim Irak. (Thomas Mayer, DER STANDARD, 29.8.2012)

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19 Postings

""Der aus Saudi-Arabien stammende Leiter des Dialogzentrums in Wien, Faisal Bin Muaammar""....brauche ich nicht weiter lesen...wer ein bisschen ahnung hat, hat schon verstanden...

Ich war 2011 nach den Revolutionen in Tunesien und in Ägypten...

...und eines kann ich mit absoluter Sicherheit sagen: Die große Mehrheit ist froh über die Revolutionen, "Egal was kommt, Alles ist besser als das bisherige Regime" war der einheitliche Tenor.

Ich kann mir aber vorstellen das die Eliten und Profiteure nicht so begeistert sind^^

Dass aus dem "arabischem Frühling" nichts Positives rauskommt,

war von Anfang an für diejenigen klar, die von der arabischen Welt etwas verstehen. Die Politiker gehören nicht dazu, die meisten von ihnen verstehen nicht einmal die Probleme des eigenen Landes.

zu hohe erwartungen?
verstehe ich nicht.
die knospen dieses frühlings sind doch die angehörigen der twitter- und facebookjugend und von denen soll man sich nihts erwarten?

übrigens: wer dasselbe vor einem jahr behauptete, wurde als diktatorfanboy oder antidemokrat verunglimpft.
aber zum glück: kommt zeit, kommt rat.

schlussfolgernd darf man sich als säkularist wieder schwer diskriminiert finden.

Klare Ansage. keine Trennung von Staat und Kirche. Mehr Rechte höchstens für andere Religionen, Atheisten bleiben weiter Menschen dritter Klasse. Sagt eh schon alles...

Naja, 70 Jahre Dialog haben schon zu nix geführt. Reden wir halt weiter und schauen zu wie die Moderne Welt Land für Land von Fundis in Schutt und Asche gelegt wird...

manchmal fühlt man sich von so manchen menschen einfach nur mehr auf den arm genommen (nett ausgedrückt)
macht es wirklich so viel spaß dauernd so zu reden, als gäbe es keine moderne welt? als wären menschen nicht längst gewohnt, als personen auch ernst genommen zu werden?

und darum geht's - net ob man eines tages religion und demokratie zusammenführen kann.

das niveau der aussagen aus dieser ecke ist so tief geworden - das ist erschreckend.

Was soll dieser Bericht?

Das ganze war ein gekaufter Umsturz. Was da an Geldern geflossen ist nur damit man ein paar Diktatoren gegen neue Diktatoren austauschen kann.

Medial schön verpackt.

In Syrien sieht man das keiner mehr auf diese Fanfare reinfällt. Söldner kämpfen nicht für Luft und Liebe sondern gegen Bezahlung.

Demokratie braucht Zeit. Menschen müssen lernen demokratisch zu denken und Werte entwickeln. Es wird keine leichte Zeit, ich hoffe nur, dass der Weg in die richtige Richtung geht.

Und selbst wenn es in die falsche Richtung geht, muss man es akzeptieren. So ist der Lauf der Geschichte. Nur wenn die reaktionären Strukturen einmal aufgebrochen sind, kann sich etwas neues entwickeln. Als Beispiel müssen jetzt die "radikalen" Muslimbrüder in Ägypten gg. radikale Islamisten kämpfen.

Ein Vertreter eines der schlimmsten, menschenrechts- und demokratiefeindlichsten Regimes der Welt quatscht von Demokratie.
Das Ziel des blödsinnigen Dialogzentrums in Wien ist also das Zusammenführen von Religion und Demokratie, weil die Trennung von Staat und Religion nicht möglich ist, sagt der saudische Leiter des Zentrums.
Herzlichen Dank auch, manchmal habe ich das Verlangen, unsere NR-Abgeordneten, die dafür gestimmt haben, mit faulen Eiern zu steinigen.

Naja, die Salafisten sind weltweit am Vormarsch. Und vom Westen unterstützt. Was erhofft der sich davon? Tunesien, Libyen, Mali, Syrien grad dabei. Überall wachsen Regime nach Saudi-Vorbild. Kein Wunder daß die bei uns dieses Propagandazentrum durchgeboxt haben. Jeder gemäßigte Muslim in Österreich war entsetzt über dieses Zentrum.

Das ist aber nicht nur eine Frage der Salafisten.

UNSERE Regierungen verraten uns, indem sie die Salafisten aufrüsten.

Das ist viel, viel schlimmer. Was scheren mich die Söldner? Wieso fliesst Geld in die hinein? Wieso schwärmen "Politiker" in Europa beständig das ein Angriffskrieg alternativlos wäre? Was geht hier im Hintergrund vor?

Die Saudis würden NIEMALS ohne US Unterstützung die Salafistenbewegung finanzieren. Und die EU spielt laufend US Sklave.

Das ist systematischer und bewusster Hochverrat.

Es wird Zeit dieses System endlich aufzubrechen.

Die Lösung wäre einfach: wahrer Umweltschutz, und gemäß der Volkswirtschaftslehre die Loslösung von fremden Rohstoffen.

Sobald Europa nicht mehr an der Zitze des Erdöls hängt, wird was weiter gehen...

Meiner laienhaften Kenntnis nach geht es in den arabischen um die Abschaffung von letztlich tatalitären und menschenrechtswidrigen politischen Strukturen und Praktiken, welche im Interesse der jeweiligen nationalen, regionalen und lokalen Eliten und

Privilegierten sind. Dieser Standard-Artikel erwähnt diesen Umstand mit keinem Wort - das macht ihn keinesfalls Vertrauenswürdig.

Dass man infolge der kulturellen Verhältnisse in diesen Ländern den Weg beschreiten will, "Demokratie und Religion" zusammenzuführen, erscheint als eine gute und aussichtsvolle Perspektive - sofern man darauf vertrauen könnte, dass die jeweiligen Machthabe das auch wollen. Es sieht aber nicht danach aus. Schönrederisches Gefasel erscheint mir aber in jedem Fall nicht nur hinderlich für eine konstruktive Entwicklung, sondern letztlich verbrecherisch angesischts dessen, dass der arabische Frühling schon bisher unzählige Tote gefordert hat und wohl auch weiter fordern wird.

irrtum, nicht "man" will diesen weg beschreiten

nur der leiter des österr.-saudischen missionierungszentrums will diesen weg beschreiten. hier ist der wunsch vater/mutter des gedankens. was heisst ausserdem "infolge der kulturellen verhältnisse"? die arabischen gesellschaften sind genauso differenziert wie andere gesellschaften auch und daher gibt es keine einheitliche kultur. es gibt verschiedene kulturen und interessen. manche haben sicherlich ein interesse daran, dass staat und religion zusammengeführt werden, wie eben der saudische missionsleiter, von dem ja diese aussage stammt. aber andere teilen dieses interesse definitiv nicht und haben eher ein interesse an einer säkularen gesellschaft. für diese leute ist es also alles andere als eine gute und aussichtsreiche perspektive.

ahc ja so wie putin und die ortodoxe kirche gel

naja,

wer sich seine "experten" aus dem österreichisch-saudischen zentrum für angewandte missionierung holt, der darf sich nicht wundern, wenn dazu aufgerufen wird, religion und staat zu vermischen (gottesstaat) anstatt sie zu trennen (säkulares prinzip der demokratie). wer einen seriösen einblick in die verhältnisse in den arabischen ländern sucht, muss wie üblich andere quellen wählen. zb das hervorragende buch "tahrir und kein zurück" von juliane schumacher (taz redakteurin) über das erste jahr des ägyptischen aufstandes.
http://www.unrast-verlag.de/unrast,2,389,4.html

Der letzte Satz des Pierre Victurnien Vergniaud, französischer Revolutionär, unmittelbar vor seiner Hinrichtung durch die Guillotine: "Die Revolution, gleich Saturn, frisst ihre eigenen Kinder."

Nicht erstaunt sein, wenn sich die Geschichte wiederholt. Das tut sie immer. Auf lange Sicht ist der Mensch nicht fähig aus ihr zu lernen.

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