Die Ostdeutschen kehren nach Hause zurück

  • Eine Berliner Mauer aus Schokolade. Seit dem Fall der echten Mauer wanderten viele "Ossis" ab. Jetzt kehren sie heim.
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    Eine Berliner Mauer aus Schokolade. Seit dem Fall der echten Mauer wanderten viele "Ossis" ab. Jetzt kehren sie heim.

Hauptsache Heimat: Nach Jahren der Abwanderung kommen die Ostdeutschen wieder zurück. Um Familie und Freunden nahe zu sein, verzichten sie auf Geld

Das Gehalt? "Fragen Sie lieber nicht", sagt Frank Thomass und lächelt. In Zürich hat der 35-jährige Informatiker für einige Jahre gearbeitet, dabei bestens verdient. Aber die Pendelei in die Heimat - mühsam, teuer, auf Dauer kräfteraubend. Ursprünglich stammt Thomass aus dem ostdeutschen Brandenburg. Auch als er in Zürich lebte und arbeitete, hing ein Teil von ihm immer in der Heimat. Nach ein paar Jahren kam der Entschluss: "Ich gehe zurück nach Brandenburg, auch wenn ich dort deutlich weniger verdiene."

Der IT-Spezialist ist nicht der Einzige, der so denkt. Mehr als zwanzig Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer und des Eisernen Vorhangs zieht es immer mehr Ostdeutsche wieder in ihre Heimat. "Viele Ostdeutsche sind von zu Hause weggegangen, weil sie dort keine Arbeit fanden. Aber jetzt kommen sie der Familie und der Freunde wegen wieder zurück", sagt Thilo Lang vom Leibniz-Institut für Länderkunde in Leipzig zum STANDARD. Er untersucht in einer Studie die Motive der Rückkehrer.

Jahrzehntelang war das Bild ein anderes. Die ehemalige DDR war so abgewirtschaftet, dass sich auch Jahre nach der Wiedervereinigung noch keine blühenden Landschaften einstellen wollten, zumindest keine flächendeckenden. 2,2 Millionen Menschen sind zwischen 1991 und 2010 in den Westen abgewandert. Vor allem Junge machten sich auf den Weg, der jetzt immer häufiger wieder retour führt. Seit Jahren schmilzt der Wanderungssaldo zwischen Ost- und West, 2010 war er nahezu ausgeglichen. Und 2011 gab es in manchen ostdeutschen Regionen erstmals mehr Zu- als Abwanderer.

Doch ganz von selbst passiert das nicht überall. Das Team der Thüringer Agentur für Fachkräftegewinnung (ThAFF) geht am frühen Montagmorgen oder am Freitagnachmittag gezielt auf große Bahnhöfe des Landes. Klapptisch und Infomaterial sind ebenso dabei wie eine große Portion Überzeugungskraft.

"Wir sprechen gezielt Pendler an, die aus Westdeutschland kommen und zeigen auf, dass es in ihrer Heimat auch Jobs gibt", sagt Holger Wiemers von ThAFF. Auch er merkt immer wieder: "Die Heimatverbundenheit ist groß, die Chancen, Menschen wieder zurückzuholen, steigt."

In der Nähe der Großeltern

Der Studie des Leibniz-Instituts für Länderkunde zufolge können sich drei Viertel derer, die nach 1990 die ostdeutschen Bundesländer verlassen haben, vorstellen, in den Osten zurückzuziehen. 43 Prozent haben sogar schon konkrete Pläne und auch Vorkehrungen getroffen. Die Rückkehr vom Westen in den Osten erfolgt mitnichten aus Frust: 81 Prozent der "Ossis", die noch im Westen leben, fühlen sich dort gut angenommen und angekommen.

Vor allem, wenn die Auswanderer Nachwuchs bekommen, drängt es sie wieder zurück. "Kinder sollen bei den Großeltern aufwachsen, die Rückkehrer sind relativ jung, meist zwischen 25 und 45 Jahre alt", schildert Studienleiter Lang die Motive. Doch sie würden fernbleiben, hätte sich nicht die wirtschaftliche Situation im Osten in den vergangenen zwanzig Jahren verbessert. Gleichstand mit dem Westen herrscht aber noch nicht.

Wenn die Rede auf das Gehalt kommt, hat die Agentur ThAFF daher auch einige Argumente parat: "Natürlich sind die Löhne in Thüringen nicht so hoch wie in Westen", sagt Wiemers, "dafür sind auch die Lebenshaltungskosten niedriger. Und wer die Pendelei aufgibt, spart zudem Geld und auch noch Zeit." Dass diese Argumentation fruchtet, hat Studienautor Lang ebenfalls beobachtet: "Gehaltseinbußen werden von den Rückwanderern in Kauf genommen."

Heimkehrer Thomass, der nach den Züricher Jahren wieder in einer Brandenburger IT-Agentur arbeitet, muss sich auch seit der Rückkehr finanziell einschränken. Doch nicht nur die wiedergefundene Nähe zu Familie und Freunden gleicht dies aus. Er sagt: "Es ist schön zu sehen, dass die Heimat wirtschaftlich aufgeholt hat und dass man selber dazu beitragen kann."(Birgit Baumann, DER STANDARD, 29.8.2012)

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