Freiwillige stellen sich nur zurückhaltend

28. August 2012, 18:17
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In Deutschland und Schweden tun sich die Heere schwer, Soldaten anzuwerben

55 Jahre lang hat sie gedauert, dann hatte die Wehrpflicht in Deutschland ausgedient. Ausgesetzt wurde sie im Jahr 2011, nicht abgeschafft. Das bedeutet: Der Bundestag könnte sie jederzeit wieder einführen, Überlegungen in diese Richtung gibt es derzeit aber keine. Ohne diese Hintertür hätten die Konservativen in CDU/CSU der Änderung nicht zugestimmt.

Die Abschaffung der Wehrpflicht ging in Deutschland mit einer radikalen Schrumpfkur für die Bundeswehr Hand in Hand, vorbereitet hat die Reform der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU). Die Zahl der Soldaten sank um 65.000 auf 185.000, maximal 15.000 davon sollen freiwillig Dienende sein, der Großteil Berufs- und Zeitsoldaten. Hintergrund der Reformen: Die Armee sollte kleiner, aber schlagkräftiger werden, die Soldaten sollen mehr Spezialausbildung bekommen.

Zunächst war der Andrang der Freiwilligen spärlich. Doch dann bewarben sich im ersten Jahr rund 35.000 junge Menschen - dreimal so viel, wie die Bundeswehr einstellen wollte. 5000 bis 15.000 Freiwillige waren 2011 das Ziel von Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU), eingestellt wurden schließlich 12.461 Soldaten. Allerdings brach jeder Vierte von ihnen den Dienst ab, die meisten innerhalb der ersten beiden Wochen.

Eine Studie des sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr nennt dafür folgende Gründe: private Veränderungen, neue Jobangebote, aber auch "andere Vorstellungen von der Armee".

Nicht eingetreten ist die Befürchtung, es könnten sich nur Arbeitslose melden, die die Bundeswehr quasi als letzte Chance sehen. Wer sich den Ausbildungsstand der Bewerber näher ansehe, erkenne "ein totales Spiegelbild der Gesellschaft", heißt es im Ministerium.

Schweden, das seit Aussetzung der Wehrpflicht 2010 Kurs auf ein Freiwilligenheer nimmt, will indes für die neue Armee bis 2014 insgesamt 6900 Soldaten in Voll- und 9000 in Teilzeit anstellen. Während das Interesse für die militärische Grundausbildung unter Jungen relativ groß ist, gibt es Probleme insbesondere bei der Rekrutierung der Teilzeitkräfte, die jeweils zeitweise aus dem Zivilberuf abberufen werden sollen.

Laut den Streitkräften liegt man derzeit bei den Neuanstellungen derzeit zwar insgesamt im Plan. Mehrfach haben Experten in jüngster Zeit aber die Personaldecke als zu dünn kritisiert. So warnte der Ex-Rektor der Hochschule für Verteidigung, Karlis Neretnieks, im schwedischen TV mit Blick auf die Personalsituation sowie auf die insgesamt angestrengte finanzielle Lage vor einem Kollaps des gesamten Verteidigungssystems.  (Birgit Baumann aus Berlin, Anne Rentzsch aus Stockholm, DER STANDARD, 29.8.2012)

  • Überblick über die Organisation des Bundesheeres in der EU.
    grafik: der standard

    Überblick über die Organisation des Bundesheeres in der EU.

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