Romneys beste Wahlhelferin

Ann, die Ehefrau des republikanischen Kandidaten für das Weiße Haus, kommt bei den Menschen besser an als Mitt Romney selbst

Es sind Momente der Erlösung, jedenfalls für den Tross des Kandidaten. Tritt Ann Romney auf einer Wahlkampfbühne ans Mikrofon, dürften Mitt Romneys Publicity-Berater aufatmen. Frei von der Leber weg plaudert sie drauflos, ohne Manuskript, ohne Teleprompter und ohne ständig in ein Fettnäpfchen zu treten.

Was für ein Kontrast! Hier der hölzerne, irgendwie weltfremde Spitzenmann, der beim Smalltalk gern Wörter wie "jeez" und "golly" benutzt. Frei übersetzt "Du meine Güte!" und "Donnerwetter!", Vokabeln, die eher zum Sprachgebrauch der Fünfzigerjahre passen. Seine Frau dagegen erzählt Geschichten aus dem durchaus turbulenten Leben einer Großmutter mit 18 Enkeln. Dabei wirkt sie so natürlich und ungezwungen, als sei das Scheinwerferlicht schon immer ihr Metier gewesen.

Angst vor Nebenbuhler

Ann Davies war 15, als Mitt Romney, knapp drei Jahre älter, ihr den Hof machte. Beide stammten aus betuchten, zugleich politisch aktiven Familien. Anns Vater Edward, der als Hersteller von Bootszubehör ein Vermögen gescheffelt hatte, war Bürgermeister von Bloomfield Hills, einem gepflegten Vorort der damals noch florierenden Industriemetropole Detroit. Mitts Vater George saß im Gouverneurssessel von Michigan, nachdem er ein Automobilunternehmen gemanagt hatte. Eine Liaison also zwischen zwei Teenagern von der Sonnenseite des Lebens, mit dem Silberlöffel im Mund geboren, wie Angelsachsen es gern plastisch beschreiben.

Geheiratet hat sie, da war sie gerade einmal 19. Vor allem Mitt schien es eilig gehabt zu haben, offenbar aus Angst, er könnte sie an einen anderen verlieren. Als er in Frankreich zwei Jahre lang für die Mormonen missionierte, während sie an der Brigham Young University in Utah studierte, hatte sich ein Nebenbuhler, ein gewisser Kim Cameron, erfolgreich um die Gunst der eleganten Blondine bemüht. Um sie zurückzuerobern, zog Mitt eilends ins ferne Utah, bevor er in Harvard Jus und Business studierte - mit Ann als Ehefrau.

Dann war sie es, die als Erste der beiden für ein öffentliches Amt kandidierte, 1977 in Belmont, einer Satellitenstadt am Rande von Boston. Es ging um einen Sitz im Gemeinderat. Ann Romney, berichten Zeitzeugen, habe schon damals ihr Talent aufblitzen lassen, eine selbstverständliche Leichtigkeit im Umgang mit Menschen. Doch während er Karriere machte, blieb sie zu Haus, um sich um die fünf Söhne zu kümmern.

Feministinnen, Studentenproteste, die rebellischen Sechziger- und Siebzigerjahre: Die junge Ehe der Romneys erschien manchem als altmodische Abkehr vom Zeitgeist. Den hat später im Weißen Haus Hillary Clinton verkörpert, eine First Lady, die mitentscheiden wollte. Wenn man so will, ist Ann Romney das Gegenmodell zu Hillary Clinton. Sie habe sich oft abfällige Bemerkungen über ihr Daheimbleiben anhören müssen, erzählte sie in einem Interview, und die Bitterkeit in ihrer Stimme war nicht zu überhören. "Ich war intelligent genug, um jeden Job der Welt machen zu können. Ich habe mich anders entschieden."

Reiten als Therapie

Im Herbst 1998, da war sie 49, änderte eine tückische Krankheit ihr Leben. Ein Arzt diagnostizierte Multiple Sklerose. Hilfe und Therapie fand die Millionärsgattin beim Dressurreiten. Seit sechs Jahren ist Ann Romney Mitbesitzerin eines olympiareifen Oldenburgers, dessen Wert auf eine halbe Million Dollar geschätzt wird. Die Stute Rafalca ist aber auch ein schöner Ausgabeposten auf der Steuerrechnung der Romneys. Allein 2010 machte das Paar für den Unterhalt Rafalcas Verluste in Höhe von 77.731 Dollar geltend, abziehbar von den Einnahmen.

Auf Romney prasselt harsche Kritik ein, weil er nur die Steuererklärungen seit 2010 publik machen will. Ann, scheint es, hat in der Sache ein Machtwort gesprochen, resoluter als ihr Gatte. "Wir sind so transparent, wie es rechtlich von uns verlangt wird. Gäben wir mehr frei, würde man uns nur umso härter attackieren."(Frank Herrmann/DER STANDARD Printausgabe, 29.8.2012)

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