Vorlesen: Männer fehlen als Vorbilder

Kindern vorzulesen ist eine einfache und wirksame Methode, um Bildung und Sprachkompetenz zu vermitteln. Doch vor allem Männer lesen nur selten vor

Aus Sicht der Pädagogik ist der Fall klar: Je früher Kindern vorgelesen wird, desto leichter finden sie Zugang zum Lesen und zur Sprache. Vorlesen verbreitert den kindlichen Wortschatz, kreatives Vorstellungsvermögen und die Fähigkeit zum geduldigen Zuhören - lange bevor die Kinder selbst lesen können und auch unabhängig von sozialer Herkunft oder dem Bildungshintergrund der Eltern.

Vorlesen ist eine Domäne der Frauen - vor allem Mütter und weibliche Erziehungsberechtigte fühlen sich dafür zuständig. Laut der deutschen Stiftung Lesen liest nicht einmal jeder zehnte Vater seinem Kind oder seinen Kindern regelmäßig vor. Das sei ein Manko, denn: "Kinder brauchen Väter, die ihnen vorlesen. In 42 Prozent aller Familien mit kleinen Kindern wird nur selten oder gar nicht vorgelesen."

Lesen, wo Text auftaucht

Pädagogen raten, das Vorlesen nicht auf Bücher zu beschränken. Um Kindern Lesekompetenz zu vermitteln, sollten alle Texte einbezogen und mit den Kindern geteilt werden, die im gemeinsamen Alltag auftauchen: "Lesen Sie mit Ihrem Kind Rezepte, Gebrauchsanweisungen und Kataloge", empfiehlt der Österreichische Buchklub der Jugend. Lesen könne man schließlich überall - beim Spazierengehen wie beim Autofahren: "Lesen Sie gemeinsam Straßen- und Verkehrsschilder, Logos und Werbetafeln."

Leselust ist hausgemacht

Beim Lesen sind Eltern und Erziehungsberechtigte Vorbilder: Wenn sie im Alltag ganz selbstverständlich mit Lesemedien hantieren und Bücher im Haushalt ihren fixen Platz haben, lernen Kinder den Umgang damit ganz selbstverständlich. "Wenn Eltern selbst gerne lesen, egal ob Bücher, Zeitungen oder Zeitschriften, wecken sie Neugier und schaffen für ihr Kind einen emotionalen Bezug zum Geschriebenen", so die Stiftung Lesen.

Eltern sollten ihre Kinder deshalb schon früh motivieren, ihre eigenen Lieblingsbücher zu finden - etwa indem sie ihnen eine Auswahl von Bilderbüchern anbieten. Größere Kinder könnten sich beim gemeinsamen Gang durch die Bücherei ihre Lieblingslektüre aussuchen.

Sinnvolle Rituale

Selbst wenn Kinder immer wieder die gleiche Geschichte hören wollen, sollten Eltern darauf eingehen. Da viele Kinder Rituale lieben, empfiehlt es sich, ihnen immer etwa zur gleichen Uhrzeit und am gleichen Ort vorzulesen. Ideal ist die abendliche Vorlesegeschichte vor dem Schlafengehen. Dafür sollten sich Eltern oder Erziehungsberechtigte Zeit nehmen - das Handy hat beim Vorlesen nichts verloren.

Die Stiftung Lesen rät, Geschichten langsam und lebendig vorzutragen und die Stimme der Geschichte entsprechend zu verändern. Kinder sollten sich nicht nur die Bücher selbst aussuchen, sondern das Vorlesen auch aktiv mitgestalten - indem sie selbst umblättern, das Tempo bestimmen und Fragen stellen.

Märchenonkel gesucht

Eine lebendige familiäre Vorlesekultur sei auch auf das väterliche Engagement angewiesen, so die Stiftung Lesen. "Buben lesen deutlich weniger gerne als Mädchen und sind somit weitaus stärker gefährdet, die Grundkompetenz Lesen nur rudimentär zu erwerben." Es brauche aber vorlesende Väter als Vorbilder, um die Buben zur Lektüre zu motivieren. (Lisa Mayr, derStandard.at, 3.10.2012)

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