Zacherlfabrik: Fliehende Insekten

28. August 2012, 17:13
  • Ein Fabrikraum in Transformation: Markus Wilfing reagiert mit Drehmomenten - einem Raum im Raum.
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    foto: j. aust

    Ein Fabrikraum in Transformation: Markus Wilfing reagiert mit Drehmomenten - einem Raum im Raum.

Die Zacherlfabrik erscheint wie ein vergessener Ort: Der Urenkel des Firmengründers lädt Künstler ein, auf diesen zu reagieren

Wien - Wenn Johann Zacherl (1814-1888) in den Kaukasus fuhr, brachte er Säcke voll von weißem Pulver mit nach Wien. Weißer Schnee, der sich allerdings weniger dafür eignete, Nachtfalter tanzen zu lassen - schon eher das Gegenteil.

Die Substanz, die aus den Blüten der Wucherblume, auch kaukasische Insektenblume genannt, gewonnen wurde, war Zacherl wegen ihres Pyrethroid-Gehalts kostbar: Er stellte daraus ein höchst effektives und für jedermann erschwingliches Insektenschutzmittel her und nannte es Zacherlin.

Im ehemaligen, im orientalischen Stil erbauten Fabriksgebäude in Döbling rieselt schon lange kein Zacherlin mehr in Papiersäckchen, sondern höchstens Putz von alten Mauern.

Ein feines Stäubchen liegt auch auf dem gerahmten Foto der weißblättrigen, einer Kamille nicht unähnlichen Insektenblume. Künstlerin Caroline Heider beschäftigte sich mit der Geschichte des Erfolgsprodukts und dem Ort seiner Produktion, einem Refugium inmitten eines Parks, den die Familie Zacherl seit einigen Jahren für Ausstellungen und Konzerte nutzt. Mit Plattenspielern, deren Nadeln auf Fotos des Pflänzchens kratzen, erzeugt sie das Geräusch des Mahlens. Auch Heider importierte die Blume und zermahlte sie zu Pulver. Ein kleines Häufchen, das sie vor schwarzem Hintergrund ablichtete: Vor der rohen Mauer wirkt es wie eine kostbare Ikone.

Auch in Wilhelm Scherübls Reaktion auf den Ort spielen Blumen eine Rolle. Sonnenblumen, Symbole von Licht und Fruchtbarkeit, hat er in Säcke gepflanzt und zwischen die Trümmer eines Daches postiert: ein Prozess des steten Wandels, von Leben neben dem Verfall.

Die durch das Auflösen von Substanz bedingten Leerstellen thematisiert auch Markus Wilfing: Eine begehbare Skulptur aus drehbaren Rahmen nimmt die Transformation des Raums im Kleinen vorweg. Auch in einer zweiten Arbeit ist der Inhalt seiner Skulptur die Leere: Es sind hohle Steine, die trotzdem das Wort "Fülle" bilden. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 29.8.2012)

Zacherlfabrik, 19., Nußwald- gasse 14, jeweils Mi-Sa 15-19 Uhr, bis 4. 10.

Nächstes Konzert: Katharina Klement, 5. 9., 19.30

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1 Posting
wow...

welch schönen wohnraum das geben würde...umgeben von kunst und kitsch

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