Verhängnisvolles Zinn in Smartphones und Tablets

Karin Tzschentke, 28. August 2012, 11:15

Lötzinn verbindet die vielen Komponenten, doch die Gewinnung kostet immer wieder Menschenleben

Der 40-jährige Rosnan steht am Boden einer schlammigen Zinngrube auf der indonesischen Bangka Insel, als plötzlich eine knapp fünf Meter hohe Erdwand über ihn hereinbricht. Das schwere Erdreich zerquetscht seine Beine, gräbt ihn bis zur Taille ein. Mit Händen buddeln herbeieilende Kollegen den zweifachen Familienvater frei. Doch Stunden später stirbt der Minenarbeiter im Krankenhaus, weil er zu viel Blut verloren hatte.

Häufig Unfälle

Tödliche Unfälle wie dieser ereignen sich auf Bangka Island häufig, hat der Bloomberg-Journalist Cam Simpson recherchiert. Im Vorjahr soll auf der Insel mindestens jede Woche ein Minenarbeiter bei dem kräftezehrenden, schmutzigen und häufig nicht gesicherten Über-Tage-Abbau von Zinnerzen ums Leben gekommen sein.

Sie sterben, weil die weltweite Elektronikindustrie immer mehr Lötzinn benötigt, um die Komponenten ihrer Smartphones, Tablets, Flat-TVs zu befestigen und zu verbinden. Bangka Island mit seinen weißen Sandstränden und fast unberührten Riffs gilt unter Touristen als Trauminsel. Doch abseits vom Tourismus gibt es für die 960.000 Bewohner der Insel kaum Verdienstmöglichkeiten.

15 iPads brauchen so viel Zinn wie ein Pkw

Rund ein Drittel des weltweit abgebauten Zinnerzes kommt aus dem Landesinneren bzw. von der Küste der östlich von Sumatra gelegenen Insel Bangka und ihrer Schwesterinsel Belitung. Knapp die Hälfte des weltweit benötigten Zinns wird von Elektronikgeräteherstellern wie Apple, Samsung, Panasonic, LG Electronics oder Sony aufgesogen. Für die Produktion von 15 iPads beispielsweise, die jeweils knapp 700 Gramm wiegen, wird ebenso viel Zinn benötigt wie in einem durchschnittlichen 1,8 Tonnen schweren Auto.

Die Minenarbeiter von Bangka durchwühlen den Boden auf der Suche nach Kassiteritadern, einem dunklen Mineral mit hohem Zinngehalt. Ihr wichtigstes Werkzeug sind neben Hacken und Pickeln ihre Hände. Wie viele es von ihnen auf der Insel gibt, dazu schwanken die Angaben. So liegt ihre geschätzte Zahl zwischen 15.000 und 50.000, die an legalen und illegalen Plätzen schürfen.

Meist arbeiten sie in Gruppen zu drei bis fünf Kumpel. Manchmal müssen sie bis zu zehn Meter im vom Regen durchweichten Erdreich graben, um fündig zu werden. Wenn sie Glück haben, gewinnen sie an einem Tag genügend "Zinnsand", damit jeder von ihnen mit fünf Dollar heimgehen kann.

China bedeutendster Zinnförderer

Zwar wird noch in anderen Regionen der Welt nach Zinn geschürft. China ist vor Indonesien der bedeutendste Zinnförderer. Doch das im Reich der Mitte gewonnene Material wird so gut wie nicht importiert. Zu groß ist der Bedarf für die eigene und Auftragsproduktion von Elektronik- und anderen Produkten. Das Zinn aus Indonesien ist besonders bei US-Abnehmern beliebt, da es anders als jenes aus dem vom Bürgerkrieg geplagten Kongo, als "konfliktfreies" Material gilt.

Der Abbau auf planierten, gestützten Terrassen wäre zwar weitaus sicherer. Doch nur wenig Mineure leisten sich diesen Aufwand. Verantwortlich für die Unfälle fühlt sich niemand. Auch wenn sie es nicht offiziell sagt, so sind für die Regierung die kleinen, oft illegalen Kleinunternehmer selbst schuld. Der Staat ist Mehrheitseigentümer von Timah, einer größten Zinnabbauer Indonesiens. Dass auch das illegal geschürfte Zinn zum Staatseinkommen beiträgt, wird dezent verschwiegen. Wenig gekümmert wird sich auch um das zunehmende Ausmaß der Umweltzerstörung durch den Raubbau.

Für den einheimischen Aktivisten Johan Murod ist ein Umdenken überfällig. Er fordert, dass ein Teil der Umsätze aller vom Zinnabbau profitierenden Akteure in eine Stiftung eingezahlt wird, die Unfall- und Lebensversicherungen für die Minenarbeiter finanziert. Bisher vergeblich. (Karin Tzschentke, DER STANDARD, 28.8.2012)

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12 Postings
erinnert an Plastic Planet??

Mich erinnernt das an die Dokumentationen über die verschiedenen Kunstoffe und ihre gefährlichen Chemikalien.

Es ist unabhängig wo man hinschaut, solange nicht Normen gesetzt werden die einen umweltbewussten Import/Erzeugung/Recycling/oä gebieten, werden die Industrieriesen das Thema immer wieder kalt abservieren.

Es gibt sehr gute Forschungsprojekte und verteilt auf der Welt auch schon wirklich gute Initiativen! - Aber auch leider genug Geld, damit diese Verschwiegen, Angesprochen und Vergessen werden :(

Smartphones sind ein schlechtes Beispiel

Ein 700 Euro iPad ist kein Wegwerfprodukt

Billige Weißware hingegen schon.

Es wird Zeit dass sich die Leute auf die eigentlichen Werte und die Umwelt besinnen - die technikverliebte Gesellschaft ist der Untergang unserer Erde.

Die ganze Umwelt wird ruiniert, damit noch mehr "Konsumartikel" produziert werden, die keiner braucht, und sowieso so mies gebaut/konstruiert sind dass sie nicht mal 2 Jahre halten. Eigentlich wird nur Schrott in den Handel gebracht - es zählt nur mehr Masse nicht Qualität.

Eine wirklich üble Entwicklung - und Schuld daran sind wir alle!

Die Firmen die den Schrott produzieren, vermarkten, sich die Taschen vollstopfen, und wir, weil wir so blöd sind so einen Mist überhaupt zu kaufen ...

Von welchem Gerät aus haben Sie das bitte gepostet?

Denn auch im normalen Computer gibt es Lötstellen!

Wir ALLE müssen umdenken bzw. noch mehr für unsere Umwelt und Mitmenschen tun.

Bei mir gibt es erst ein neues Gerät - egal welches -, wenn das vorhergehende Teil nicht mehr zu reparieren ist. Dann bemühe ich mich um korrekte, umweltschonende Entsorgung bzw. Recycling aller enthaltenen Rohstoffe.
Meine Technikverliebtheit habe ich an den Nagel gehängt.

Umweltbewusstsein stellt sicher keine Wirtschaftsbremse dar.
Mein Geld fließt für nachhaltig, Ressourcen sparend hergestellte Ware, nachweislich biologisch produzierte Lebensmittel, alles mit Gewichtung auf Fairtrade (samt Europa).
Diese Art einzukaufen verteuert die Einkäufe, doch es ist es wert unseren Planeten zu erhalten!

Leicht OT:

Intel, Apple Embrace “Conflict-Free” Minerals, Others Lag Behind.

http://blogs.ptc.com/2012/08/2... ag-behind/

es wird jetzt wohl wieder an Apple liegen, die Arbeitsbedingungen zu verbessern, weil es sicher wieder jene Arbeiter getroffen hat, welche das Zinn für Apples Geräte fördern.

Sarkasmus beiseite! Es ist natürlich schlimm zu sehen und zu hören, unter welchen Bedingungen Menschen arbeiten müssen, nur damit wir uns mit entsprechender Technik umgeben können.

einmal, dass der vergleich mit einem ipad eher unangenehm ist.

Es ist sicher nicht das IPad alleine!

Es ist unsere Mentalität. Denn jeder, der sich immer das neueste Smartphone, das hippeste Tablet oder sonstige elektronische Gadget zulegt (und das im Jahresrhythmus), der beteiligt sich an dieser Ressourcenverschwendung.

Und damit auch am Leid derer, die dabei draufgehn.

Schon.

Aber anhand von Apple lässt sich das doch am schönsten veranschaulichen. Das sollte all jenen, die vom iPad 2 auf das "nächste" umgestiegen sind, zu denken geben. Noch drastischer fällt der Vergleich von iPhone 4 zu 4S(iri) aus. Natürlich aber betrifft das auch jene, die jährlich die neueste Revision ihrer Produkte besitzen müssen - hoffentlich verkaufen sie die alten Geräte. So wird zumindest Recycling betrieben.

"...in Smartphones und Tablets" ????

in (eigentlich) JEDEM elektronischen Gerät das eine Platine enthält, mit Zinn werden Elektronikbauteile auf die Platine gelötet.

Das ist richtig, denn auch im Geschirrspüler, Kühlschrank, Mixer, Radiowecker, Fotoapparat und zig Millionen anderer Geräte wird Zinn benötigt, um elektrische Bauteile zu verbinden.

Haushaltsgeräte

sind aber in 99% der Fälle rein zweckmäßig. Diese werden auch nicht in absehbarer Zeit ersetzt bzw. wollen ersetzt werden. Wozu auch? Damit man vor den Kumpels mit dem Turbo-Schleudergang angeben kann?

Spaß beiseite...Zum "wachrütteln" passt die Überschrift daher sehr gut, auch wenn man sie allgemeiner hätte verfassen können.

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