Die Großstadt als Schlaraffenland für Wildtiere

  • Tiere sind Anpassungskünstler. Daher nutzen viele Wildtiere auch die Vorzüge der Großstadt. Der Mauersegler nistete zum Beispiel ursprünglich an Felsen und Bäumen, heute bevorzugen sie Hausmauern.
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    foto: apa/frank rumpenhorst

    Tiere sind Anpassungskünstler. Daher nutzen viele Wildtiere auch die Vorzüge der Großstadt. Der Mauersegler nistete zum Beispiel ursprünglich an Felsen und Bäumen, heute bevorzugen sie Hausmauern.

  • Auf dem europäischen Festland wurden die ersten "Stadtfüchse" in den 1980ern dokumentiert.
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    foto: apa/jörg carstensen

    Auf dem europäischen Festland wurden die ersten "Stadtfüchse" in den 1980ern dokumentiert.

  • Die Wildtiere können dem Menschen auch nutzen. Greifvögel wie Turmfalken werden etwa zur Vertreibung von Tauben eingesetzt, wenn deren Population zu Schäden führt.
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    foto: der standard/heribert corn

    Die Wildtiere können dem Menschen auch nutzen. Greifvögel wie Turmfalken werden etwa zur Vertreibung von Tauben eingesetzt, wenn deren Population zu Schäden führt.

Nirgendwo finden Wildtiere so viel Nahrung wie in Ballungsräumen - Ein Buch beleuchtet unsere tierischen Nachbarn

Die Großstadt ist nicht so naturfeindlich wie ihr Ruf. Ob Mistkübel, nicht aufgesammelte Nüsse, Beeren oder Speisereste und Komposthaufen: Tiere, die bis zu einem gewissen Grad ihre Scheu verloren haben, finden abseits der Wildnis nicht nur Gefahren, sondern auch ein Schlaraffenland vor. Füchse, Wildschweine oder Greifvögel sind in der Stadt sogar sicherer. Denn in stark besiedelten Gebieten wird weniger gejagt. Michael Stocker und Sebastian Meyer widmen sich in ihrem Buch "Wildtiere. Hausfreunde und Störenfriede" allen Aspekten von Wildtieren in der Stadt.

Denn deren Lebensraum ist bei einem genaueren Blick gar nicht so begrenzt und liegt unmittelbar neben jedem des Menschen. Längst liegen die Zahlen vieler Tier- und Pflanzenarten in Siedlungen und Städten weit über jenen der intensiv genutzten Landwirtschaftsflächen. Nirgendwo überlassen die Menschen ihnen das ganze Jahr über mehr Nahrung. Um das aufzuzeigen, holen die Autoren die Leser auf Dachvorsprünge und -böden, in Keller, Gärten und untersuchen Hausfassaden. Jedes Kapitel ist einem Häuserteil gewidmet, insgesamt werden 38 Tiere porträtiert.

Tiere passen ihr Verhalten an

Auch klimatisch hat ein Ballungsgebiet einiges für Tiere zu bieten: Tagsüber heizt die Sonne die künstlichen "Felswände" der Betonhäuser auf, in der Nacht strahlen sie Wärme ab. Der Unterschied zwischen Innenstadt und Umland kann daher an manchen Tagen vier bis fünf Grad betragen, was gerade Tieren im Winter zu Gute kommt.

Wegen dieser und anderer Vorteile haben manche Tiere sogar ihr Verhalten geändert. Einige Vögel singen zum Beispiel mitten in der Nacht. Einige Stadt-Fuchsfamilien werden zu Großfamilien - so etwas kommt bei Flur-Füchsen nicht vor. Arten, die sich besonders an die vom Menschen umgeformten Lebensräume angepasst haben, werden "Kulturfolger" genannt.

Kleiner Vogel mit großer Leistung

Einen Eintrag bekamen zum Beispiel die Kulturfolger namens Mauersegler. Sie sind von Ende April bis Anfang August zu sehen und zeichnen sich vor allem durch ihre Flugleistung aus. Sie fliegen fast während ihres gesamten Lebens. Sogar während des Schlafens segeln sie durch die Luft und schlagen nur alle paar Sekunden mit den Flügeln, um wieder an Höhe zu gewinnen. Der Aktionsradius rund um ihre Brut kann sich auf bis zu 500 Kilometer spannen. Sie ernähren sich ausschließlich von Fluginsekten und verlassen daher in den kälteren Monaten das Land in Richtung Afrika. 

Ursprünglich ein Fels- und Baumbrüter, bevorzugt der Mauersegler heute Hausmauern. Hochgelegene Nischen, Mauerspalten oder Dachvorsprünge dienen dabei als Nistplätze. Da durch viele Sanierungen diese Freiräume für die Tiere wegfallen, geht auch ihre Population stetig zurück. Auch moderne Baustile bieten selten Möglichkeiten für Neuansiedlungen. 

Konflikte vermeiden

Die Reaktion der Menschen auf ihre tierischen Nachbarn ist unterschiedlich. Hase oder Igel im Garten rufen noch Begeisterung hervor. Nach dem Mauersegler halten Vogelfreunde schon wochenlang vor deren Rückkehr sehnsüchtig Ausschau. Aber die Kellerassel, das Wespennest oder die Mäusekolonie können zu einem Ärgernis werden. Stocker und Meyer beschäftigen sich daher auch damit, wie das Zusammenleben konfliktfrei verlaufen kann.

Anhand der Mauersegler zeigt sich, dass oft einfache Maßnahmen helfen. Die Tiere sind zwar leise und verursachen keine Verschmutzung, da die Eltern den Kot der Jungtiere schlucken und im Kehlsack forttragen. Trotzdem empfehlen die Autoren, die Nisthilfen nicht oder nur mindestens eineinhalb Meter über einem Fenster einzurichten.

Gegen Ende der Kapitel finden sich immer wertvolle Tipps, wie man die Tiere schützen kann und es werden gängige Missverständnisse ausgeräumt. Im Fall des Mauerseglers hält sich zum Beispiel hartnäckig das Gerücht, dass er nicht mehr auffliegen kann, sobald er am Boden liegt. Das ist falsch, erläutern Stocker und Meyer. Denn der Vogel ist vielmehr verletzt, entkräftet oder noch zu jung zum Fliegen. Daher darf man einen Mauersegler, der am Boden liegt, niemals in die Luft werfen: Eine gut gemeinte Hilfe, die tödlich enden kann.

Unbeabsichtigte Tierfallen

In den weiteren Kapiteln werden zum Beispiel Wildbienen, Hausspinnen, Igel, Dachse, Molche, Blindschleichen und Füchse nach dem gleichen Prinzip vorgestellt. Das Buch endet mit einer Ausführung über die Entschärfung von unbeabsichtigten Tierfallen. Schon einfache bauliche Maßnahmen bei Bauen, Renovieren und Isolieren verhindern Probleme. Unachtsamkeit kann ebenfalls zur Falle werden: Millionen von Vögeln fliegen jährlich gegen Glasscheiben, Lichtschächte werden für Amphibien zu tödlichen Verliesen und Igel oder Siebenschläfer ertrinken in Swimmingpools.

Raubtier Katze

Es werden gezielte, präventive Maßnahmen aufgelistet, die vielen Tieren das Leben retten können. Dazu gehören das Sichtbarmachen der Glasflächen, das reduzierte Anbringen von Netzen und die regelmäßige Kontrolle potentieller Fallen. Und nicht zuletzt wird das Problem aufgezeigt, dass das beliebteste Haustier - die Katze - in Sachen Artenschutz verursacht. Die Autoren empfehlen, den Stubentiger im Haus zu halten, wenn Jungvögel gerade frisch ausgeflogen sind. Zudem sind kastrierte Katzen ortstreuer als nicht kastrierte, was das Jagdrevier reduziert.

Schon bei der Gartengestaltung kann der Katzen-Wildtier-Konflikt entschärft werden. Nisthilfen sollten katzensicher aufgehängt werden. Es hilft, eine mindestens 65 Zentimeter breite Kunststoffmanschette in mindestens eineinhalb Meter Höhe um den Baumstamm zu befestigen, an der die Katzenkrallen abrutschen. Oft werden Futterstellen oder Nistplätze in bester Absicht so ungeschickt angebracht, dass die Katze eine Art Buffet vorfindet.

Das Buch enthält für Tierfreunde viele interessante Details zu heimischen Tierarten. Aber auch für Haus- und Grundbesitzer, die ihre tierischen Besucher schützen wollen, ist es ein nützliches Nachschlagewerk. Schon durch Achtsamkeit und geringe Maßnahmen könnte vielen Tieren ein qualvoller Tod erspart werden. (Julia Schilly, derStandard.at, 30.8.2012)

Zur Person

Michael Stocker ist selbständiger Landschaftsplaner, Zoologe und Naturvermittler in Wien. Er ist Initiator und Mitentwickler der Homepage www.bauen-tiere.ch, die vom Verein Wildtiere Schweiz geführt wird.

Sebastian Meyer ist Zoologe und arbeitet beim Umweltschutz Stadt Luzern als Projektleiter Natur- und Landschaftsschutz. Er ist aktiver Vogel-, Fledermaus- und Naturschützer und Mitinitiator des Schweizer Natur- und Umweltschutzportals www.naturschutz.ch

Wildtiere: Hausfreunde und Störenfriede
Michael Stocker, Sebastian Meyer
352 Seiten
Haupt Verlag

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