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Am 29. Juni 2001 konnte Wolfgang Waldner das Wiener Museumsquartier eröffnen - der Weg dorthin war aber kein Spaziergang.
Heute würde Wolfgang Waldner nicht mehr blass werden oder nach Luft ringen. Und dann - fast flehentlich - bitten, dass "das unter uns bleibt". Das würde heute nicht mehr gehen. Schließlich ist heute nicht 1999. Und Kärnten nicht das MQ. Denn dort - im Museumsquartier - stand ich 1999 neben Wolfgang Waldner. Und er rang nach Luft.
Das MQ war damals noch Baustelle. Es hieß "MuQua" - und versank im Chaos. Die Baustellenleitung steckte in einer Doppelmühle aus Polit-Infights (rotes Wien gegen schwarzes Ministerium) und "Kronen Zeitung"-Kampagne: Hans Dichand kampagnisierte für einen Großinserenten, der nicht wollte, dass man ihm in den Dachgarten schauen könnte (dazu vielleicht ein anderes Mal mehr), gegen jede Bauhöhe, mit der das Museum von außen sichtbar geworden wäre: Ungeschickter als die MuQua-Geschäftsführung hätte man den Kommunikations-, Medien- und Image-Super-GAU nicht einmal mit Absicht herbeiführen können.
Wolfgang Waldner schien der richtige Mann zu sein, die Katastrophe einzudämmen: Seine politische Vita (CV-Mitglied, Sekretär von Alois Mock, Wahlkampfleiter von Thomas Klestil) war eindeutig. Doch seine Aktivitäten vor Mock (Kulturattaché an der Botschaft in Washington) und Klestil (Leiter des Austrian Cultural Forum in New York) machten ihn sogar für Wiens rote Kulturbonzen und die Kunstschickeria in ihrem Kielwasser tragbar.
Ich arbeitete damals für den "Falter". Eine der ersten Medieneinladungen, die Waldner als Geschäftsführer des MuQua aussprach, landete bei mir: Der "neue Hausmeister" (Waldner über Waldner) lud ein, ihn "bei der ersten Begehung der Baustelle zu begleiten". Koketter Nachsatz: "Vermutlich wissen Sie mehr über die Baustelle als ich."
Dass das natürlich nicht stimmte, demonstrierte Waldner dann exakt nach Handbuch: Er kündigte eine Öffnung der Baustelle und eine transparente Informationspolitik an. Bewohner und Anrainer des MuQua, aber auch alle anderen sollten nicht mehr mutmaßen müssen, was wo wie von wem mit welchem Geld warum (nicht) getan werde. Undsoweiterundsofort.
Das MQ war damals tatsächlich Großbaustelle. Waldner führte zwischen Kränen und Baumaschinen durch, kletterte über Behelfsstiegen und Gerüste, wand sich durch von Decken hängende Kabeldschungel - und hatte auch für die Bauarbeiter immer ein paar Worte übrig. Oder ein offenes Ohr. Er machte seine Sache gut. Sein Zuhören ging über das übliche Maß hinaus. Er wirkte interessiert und glaubwürdig.
Dann kamen wir ins Leopoldmuseum. Genauer: In den Gerade-nicht-mehr-Rohbau. Ein Polier führte uns, und als wir standen, wo heute das Hauptstiegenhaus ist, sagte er: "Herr Doktor, die Nische für die Urnen ist genau da." Waldner erblasste. So, dass sogar ich merkte, dass sein Händefuchteln den Arbeiter zum Schweigen bringen sollte. Blöderweise sah der gerade nicht hin. Als ich fragte: "Welche Urnen?", plapperte er arglos weiter: "Na die von den Leopolds. Die wollen, dass ihre Urnen in dieser Ecke eingemauert werden." Jetzt erst sah der Baumensch Waldners Gesicht. Und hatte es plötzlich eilig, am anderen Ende des Museums ein sehr dringendes Problem zu lösen.
Waldner stand der Schweiß auf der Stirn: "Darf ich Sie um etwas bitten?" Seine Stimme hatte etwas Flehendes. Das war nicht mehr aus dem Handbuch. "Können Sie das vergessen? Zumindest für ein paar Monate? Ich muss mich hier wirklich erst einarbeiten. Das ist auch so schon ein Minenfeld. Und dass die Leopolds nicht einfach sind, wissen wir eh alle."
Dann präzisierte er, was wir uns ohnehin zusammengereimt hätten: Das Sammlerehepaar Leopold dürfte verlangt und gewährt bekommen haben, dereinst hier bestattet zu werden. So was hängt niemand an die große Glocke. (Oder kennen Sie etwa das seit Jahren fertige Karl-Wlaschek-Mausoleum nahe der Freyung?)
Natürlich erzählte ich meinem Chef davon. Doch wir fanden damals alle, dass Waldner mit dem, was er übernommen hatte, tatsächlich genug um die Ohren habe. Wir ließen die Geschichte aus. Dass sie sich trotzdem herumsprechen würde, wussten alle. Auch Waldner selbst.
Mir gegenüber hat er die Nische in den Jahren danach nie wieder erwähnt. Sie geisterte aber immer wieder durch Artikel und Geschichten über das - dann bereits - MQ. Doch um sich kein Dementi einzuhandeln, dürfte niemand je offiziell nachgefragt haben: Als Ute Woltron 2001 über das MQ eine Architekturkritik verfasste, war die Nische schon "ein Gerücht".
Der Sammler Rudolf Leopold verstarb am 29. Juni 2010. Er wurde am 6. Juli 2010 am Grinzinger Friedhof in einem von der Stadt Wien gewidmeten Ehrengrab beigesetzt. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 28.8.2012)
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Dass sich das MQ hinter die Hofstallungen ducken muss, hat einen unendlich banalen Grund
waere (ah ist) es an der zeit diese geschichte aufzuwaermen. es scheint so dass der falter ein gutes haendchen dabei hat leute (journalisten kann man die ja nicht wirklich nenen) die dem beruf nicht entsprechen rechtzeitig los zu werden. aber mit derstandard wurde ja auch ein adequates auffangbecken geschaffen.
Diese Geschichte hat einen Bart, auch wenn ich sie gerne erzähle ;-)
Zumindest der Wirkung nach, denn einerseits gehen dort andauernd die Lokale ein, weil andererseits das Essen angesichts der vor sich hin vermodernden Wlaschek-Witwe wirklich nicht gut schmeckt.
Immerhin hat der jetzige Betreiber des "Freyung 4" durchsetzen, dass die Tür zur Gruft zu Lokalsbetriebszeiten geschlossen sein muss, so stinkt es nicht mehr so herauf. Vielleicht überlebt er die BILLA-Gruft kommerziell...
Die Waldner-Geschichte hingegen ist Pulitzer Prize-würdig.
Herzelichst
Ihr Lappe
Den Artikel hätte man auch ohne Überheblichkeit zwischen den Zeilen lesen können...
Grundsätzlich ganz spannend (von den Leopold-Urnen habe ich bis dato nichts gewusst), aber wieso schreiben Sie diese Geschichte jetzt? Aus aktuellen Anlass? Für/Gegen Herrn Waldner? Oder einfach nur so?
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