"Beide Seiten befruchten sich gegenseitig"

Interview27. August 2012, 19:10
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Kulturvermittler Max Aufischer war auf der österreichischen Seite einer der Organisatoren des Graz-Maribor-Projektes und ist Grazer Enkel einer Oma aus Maribor. Er erzählte Colette M. Schmidt, warum er weder mit Marburg noch mit Gradec Probleme hat.

STANDARD: Wo liegen die besonderen Gemeinsamkeiten von Maribor und Graz?

Aufischer: Eigentlich gibt es fast keine Unterschiede. Letztendlich nur die Sprache. Die Verhaltensmuster in der Stadt sind sehr ähnlich, die Geschäftsstrukturen der Händler sind gleich und es gibt viele persönliche und familiäre Verbindungen. Viele Grazer kennen ein Haus in Maribor, in dem ein Vorfahr geboren wurde. Meine Mutter wurde selbst dort geboren. Die gemeinsame Geschichte war so eng, dass der Kontakt auch während des Kalten Krieges nie so abgenommen hat. Die Grenze war immer durchlässiger als etwa die zwischen der DDR und der BRD.

STANDARD: Lag das nicht auch daran, dass Titos Kommunismus ein anderer, nicht moskautreu war?

Aufischer: Natürlich ist auch die politische Großwetterlage immer zu berücksichtigen. Aber wenn man die Strukturen voneinander so gut kennt, findet man auch nach einem harten Streit wieder leichter zueinander. Unser Vorteil heute ist auch, dass die Grenze, die sich heuer mit der Sprachgrenze weitgehend deckt, keine Kontrollgrenze ist. Beide Seiten befruchten sich gegenseitig. So etwas war in der Geschichte immer wieder möglich, wenn es nicht von Nationalisten willkürlich zerstört wurde.

STANDARD: Der 1985 verstorbene Hanns Koren versuchte schon in den 1960er-Jahren als steirischer Kulturlandesrat, den kulturellen Austausch zu fördern. Könnte Letzterer heute zwischen den zwei Kulturhauptstädten nicht reger sein?

Aufischer: Mehr geht immer. Aber man muss auch sehen, dass sich mit der Freigabe der Grenzen auch die geografische Dimension verändert hat. Früher konnten sich die Leute weitere Reisen gar nicht leisten. Heute kann ein Grazer genauso gut nach Ljubljana und ein Marburger nach Wien seine Kontakte pflegen. Das ist einfach so, man denkt heute einfach weiter.

STANDARD: Trotz derselben Besiedelungsgeschichte und ähnlicher Strukturen ist Maribor nicht einmal halb so groß wie Graz. Warum?

Aufischer: Maribor ist sogar immer wieder stark gewachsen. Doch Graz war zwischendurch Residenzstadt, und Maribor blieb eben in der Regionalliga. Aber das ist ja nichts Schlechtes.

STANDARD: Oral History ist bei Historikern nicht unumstritten, weil sie sehr subjektiv ist. Ist es bei den 100 Beiträgen aus jeder Stadt auch vorgekommen, dass sich zwei Zeitzeugen total widersprochen haben?

Aufischer: Das ist freilich immer ein kritischer Punkt, ob diese einzellige Sicht auf eine Zeit der solidarischen Sichtweise entspricht. Aber es gibt eben auch immer die eigene Befindlichkeit, die ist auch davon abhängig, in welcher Lebensphase man sich befand. Wichtig ist, dass man diese Befindlichkeiten im Kontext zeigt.

STANDARD: Bis in die frühen 1990er sagte fast jeder in Graz Marburg. Heute gilt es in aufgeklärten Kreisen als unschicklich. Wie halten Sie es damit?

Aufischer: Ich persönlich habe keine Scheu, beide Namen zu verwenden. Ich sage ja auch Mailänder Salami und nicht Salame Milano im Geschäft. Ich glaube, dass die Bezeichnung nicht so wichtig ist wie die Frage, ob ich auf die Leute zugehen kann und welche Haltung ich habe. Ich habe auch kein Problem damit, wenn Slowenen Gradec zu Graz sagen. Dass es jeweils beide Namen gibt, kommt ja gerade von unserer gemeinsamen Geschichte. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 28.8.2012)


Max Aufischer (59) ist bildender Künstler sowie seit vielen Jahren Leiter der Kulturvermittlung Steiermark, des Cultural City Network und des Internationalen Hauses der Autorinnen und Autoren Graz.

  • Organisator Max Aufischer.
    foto: kulturvermittlung steiermark

    Organisator Max Aufischer.

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