Hundert Jahre Ein- und Zweisamkeit

  • Die Ansichtskarte von 1914 zeigt eine Zukunftsvision von Maribor/Marburg an der Drau in einer Phase der Aufbruchstimmung. Schwebebahn und Tram blieben nur Träume.
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    foto: universitätsbibliothek maribor, grazer stadtmuseum

    Die Ansichtskarte von 1914 zeigt eine Zukunftsvision von Maribor/Marburg an der Drau in einer Phase der Aufbruchstimmung. Schwebebahn und Tram blieben nur Träume.

  • Postkartenansicht von Graz/Gradec von 1913, die sich vom heutigen Stadtbild nicht sehr markant unterscheidet.
    foto: universitätsbibliothek maribor, grazer stadtmuseum

    Postkartenansicht von Graz/Gradec von 1913, die sich vom heutigen Stadtbild nicht sehr markant unterscheidet.

  • Der Hauptplatz samt Marktständen von Graz im Jahr 1914...
    foto: universitätsbibliothek maribor, grazer stadtmuseum

    Der Hauptplatz samt Marktständen von Graz im Jahr 1914...

  • ...und jener von Maribor wenig früher, im Jahr 1912.
    foto: universitätsbibliothek maribor, grazer stadtmuseum

    ...und jener von Maribor wenig früher, im Jahr 1912.

Ein Projekt der Kulturhauptstadt Maribor bespielt noch bis Ende Oktober grenzüberschreitend den öffentlichen Raum von Maribor und Graz. 100 Plakate erzählen 100 Jahre der beiden Städte, die rund 40 Autominuten trennen und über 800 Jahre verbinden

Graz/Maribor - Man könnte sagen: In Maribor und Graz schreibt man heute, Dienstag, das Jahr 1948. Wie das kommt? Ein spannendes zeitgeschichtliches Projekt der aktuellen Kulturhauptstadt Europas, Maribor, und jener von 2003, Graz, befasst sich hundert Tage lang mit der Geschichte der letzten hundert Jahre dieser beiden Städte. Seit 23. Juli wird jeden Tag an neuralgischen Punkten beider Städte jeweils ein 120 mal 60 Zentimeter großes Tagesplakat aufgehängt, das in fünf Abschnitten die Geschichte eines Jahres erzählt.

Die Geschichte der beiden Städte an der Drau beziehungsweise Mur war eigentlich vor allem vor dem Ersten Weltkrieg eng verbunden. Etwa 750 Jahre lang war man zuerst gemeinsam Teil der Markgrafschaft Steiermark und dann des Herzogtums Steiermark. Neben der politischen Zusammengehörigkeit gab es aber auch immer lebendige wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen.

Maribor - Graz, 100 Tage - 100 Jahre - 100 Plakate thematisiert aber die Zeit nach dem Jahr 1912, also Jahrzehnte, in der die Städte im besten Fall nebeneinander herlebten, im schlechtesten Fall Feinde waren. Die Idee dazu hatte der Leiter der steirischen Kulturvermittlung, Max Aufischer (siehe Interview), der sie gemeinsam mit Gregor Kosi, dem Leiter der Partnerorganisation Zavod Iskra in Maribor, und einem Team von Mitarbeitern beider Institutionen verwirklichte.

Jeweils in der Plakatmitte wird erzählt, was im jeweiligen Jahr die Weltpolitik bewegte. 1948 war das zum Beispiel die Gründung des Staates Israels und die Ermordung Mahatma Gandhis in Indien. Links der Plakatmitte findet man die Geschichte Maribors im selben Jahr und rechts die Lokalgeschichte von Graz.

1948 kam in Maribor etwa Drago Jancar, einer der wichtigsten slowenischen Erzähler, Dramatiker und Publizisten zur Welt und das Wasserkraftwerk Mariborski otok ging erstmals in Betrieb.

Motorräder gegen Kaffee

In Graz wurden 200 Puch-Motorräder gegen 1000 Tonnen Kaffee als Kompensationsgeschäft mit Brasilien getauscht und Sturm Graz wurde Meister - allerdings nur steirischer Landesmeister.

Ganz außen ist jeweils ein Stück Oral History von Zeitzeugen aus Maribor und Graz zu finden. Dinge, die vielleicht, oder sogar ganz sicher nicht die Welt bewegten, aber einzelne Menschen schon.

"Ich war vier Jahre alt, als meine Mutter meinen zukünftigen Stiefvater kennenlernte. Etwa ein Jahr später heirateten sie. Damals wohnten wir natürlich schon in Maribor", erinnerte sich etwa Ana-Marija Pušnik in einer Publikation von 2002.

Und weiter liest man von Pušnik: "Die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg waren schwierig, aber die Menschen, die den Krieg überlebt hatten, waren sehr optimistisch und begeisterten sich für das neue Jugoslawien. Man musste das Land erst aufbauen, denn viele Städte waren im Krieg zerstört worden." Auch die Mutter der Vierjährigen hatte "Aufbauschicht", schaufelte Gräben und arbeitete Tag und Nacht.

Anna W. und Maria S. aus Graz erinnerten sich (anlässlich des Projektes Berg der Erinnerungen der Kulturhauptstadt Graz 2003) beim Jahr 1948 unter anderem daran, wie Frauen, die ein Verhältnis mit britischen Besatzungssoldaten in Graz angefangen hatten, von österreichischen Männern "bestraft" wurden. "Na, ich weiß, unten in der Siedlung war ein Mädchen, wo sie gesagt haben, der haben s' die Haare abgeschnitten", erzählt Maria S.

Die Plakate werden noch bis Ende Oktober im Eingangsbereich des Grazer Rathauses, am Hauptplatz von Maribor, im ORF-Landesstudio Steiermark, im Eingangsbereich der Universität in Maribor und auf einer Brücke im Grazer Einkaufszentrum City Park hängen. Am letzten Tag wird das Jahr 2012 erreicht sein. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 28.8.2012)

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