Kein echter Schweizer Kracher

  • Szene aus dem Schweizer "Tatort" "Hanglage mit Aussicht".
    foto: orf/ard/daniel winkler

    Szene aus dem Schweizer "Tatort" "Hanglage mit Aussicht".

Es braucht wirklich sehr viel moderne Architektur, um all das Rückwärtsgewandte zu kaschieren

Fünf Gründe, sich den dritten Luzerner "Tatort" anzusehen:
1.) Man darf in Sachen "Tatort" generell nie aufgeben.
2.) Jean-Pierre Cornu spielt einen Provinzpolitiker mit dem Charme einer Packung Tiefkühlbroccoli.
3.) Die Figur des gewaltbereiten Wutbauern, dessen Hof und Gastwirtschaft in exquisiter Hang lage Opfer eines korrumpierten Banken- und Immobiliendeals zu werden droht.
4.) Sein Satz beim Verhör: "Versteh ich was von DNA?!" Und
5.) Dieser "Tatort" wurde für das Nichtschweizer Publikum synchronisiert - merci vielmoll!

Gepresst wird das alles aber in einen an den multiplen Problemstellungen laborierenden, papierenen Krimi, den scheinbar die Kantonalverwaltung Luzern am Reißbrett entworfen hat. Wie echte Schweizer Kracher fliegen Kommissar Flückiger die Schulaufsatz-Themen um die Ohren: Ausverkauf der heimischen Alpen, Verbrämung des Volksliedgutes, korrupte Banken und Politiker, die bei der Demokratie gern ein bisschen nachhelfen.

Insbesondere aber möchte man neben der Tourismuswerbung für den Vierwaldstätter See beim "Tatort" von folgenden Dingen verschont bleiben:
1.) Die Glastür, über die sich ein Verdächtiger wieder einmal Zutritt verschafft und hinter der ein Mädchen zittrig mit einem Messer steht.
2.) Das zu Boden fallende Messer.
3.) Frauenbilder aus dem Jahre Schnee: piepsende Sekretärinnen, die zum Kopieren geschickt werden.
4.) G'schleckte Rechtsanwälte im Cabrio.
5.) Bauern, die sich mit der Mistgabel wehren.

Es braucht bei diesem "Tatort" wirklich sehr viel moderne Architektur, um all das Rückwärtsgewandte zu kaschieren. Nicht auszudenken, hier würden Tiroler Bergbauernhöfe herumstehen. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 28.8.2012)

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