Rundschau: Do you speak Alien?

Ansichtssache |
«Bild 10 von 11»
coverfoto: heyne

Robert L. Forward: "Das Drachenei"

Kartoniert, 398 Seiten, € 10,30, Heyne 2012 (Original: "Dragon's Egg", 1980)

Klingt nach Fantasy. Das täuscht aber. In Wahrheit handelt es sich beim 1980 veröffentlichten "Dragon's Egg" um einen echten Klassiker der Hard SF. Zur Sicherheit steht wie schon bei der deutschsprachigen Erstausgabe von 1981 auch auf dem Cover der aktuellen Version, erschienen zum 10. Todestag des Autors, der Zusatz "Leben auf einem Neutronenstern": Damit es kein Kuddelmuddel mit den Zielgruppen gibt!

Um "Das Drachenei" richtig einschätzen zu können, muss man die Vita des Autors berücksichtigen. Robert L. Forward war ein US-amerikanischer Physiker, der sich vorwiegend mit Gravitationswellen beschäftigt hat - gerne aber auch mit spekulativen Konzepten, von Weltraumtürmen (gewissermaßen der massiven Verwandtschaft von Weltraumfahrstühlen) bis zu Zeitreisen. Obwohl Forwards Forschungstätigkeit zu einigen praktischen Anwendungen beigetragen hat, musste das meiste davon natürlich in der Theorie verbleiben. Gegen Ende seiner akademischen Laufbahn nutzte Forward zunehmend die Möglichkeit, seine Ideen im Kontext der Science Fiction auszuarbeiten. Er veröffentlichte bis in die späten 90er Jahre eine Reihe von Romanen, von denen sein Erstling "Drachenei" der berühmteste geblieben ist.

Die Grundidee: Nach einer Supernova hat sich ein Neutronenstern gebildet und auf diesem ist Leben entstanden - exotisch vom Aufbau seiner Materie her, und doch letztlich nur allzu vertraut wirkend. Eine 20 Kilometer durchmessende Kugel aus dichtgepackten Neutronen, die sich fünfmal in der Sekunde um ihre Achse dreht und die 67-milliardenfache Schwerkraft der Erde hat, klingt nicht einladend. Und doch finden auch in dieser Umgebung Prozesse des Energie- und Materieaustauschs statt, die zur Bildung sich selbst reproduzierender Einheiten führen ... also Lebensformen. Und letztlich sogar intelligente: Die Cheela sind 2,5 Millimeter kleine "Amöben" aus dichtgepackten Atomkernen, die unter der Schwerkraft ihrer Welt zufällig auf etwa 70 Kilogramm Gewicht kommen ... das dürfte dann einer der schrägeren anthropozentrischen Einschläge in der Geschichte der SF sein. 

Die Welt der Cheela ist flach - für weniger avancierte Wesen ist sie genau genommen sogar eindimensional, denn das Magnetfeld des Neutronensterns ist so stark, dass Bewegung und Sinneswahrnehmung fast nur entlang der Feldlinien möglich sind. Doch eine Naturkatastrophe zwingt die Cheela, ihr Ursprungsgebiet zu verlassen und mit der schweren Bewegung die Feldlinien zu kreuzen: Der Anfang zum Aufstieg ist gemacht! Anhand einiger herausragender Cheela-Vertreter lässt uns Forward an der Entwicklung dieses bemerkenswerten Völkchens teilhaben. Wir sind live dabei, wenn sie die Fähigkeit zum abstrakten Denken entwickeln und wenn sich schließlich Staatswesen, Religion und Wissenschaft herausbilden. Und auch wenn wir es hier mit superheißen Mikro-Fladen zu tun haben, wirken die Cheela mit ihren Mühen, Sehnsüchten und Konflikten doch um vieles menschlicher als Miévilles Ariekei.

... mit einer Ausnahme: Wie alles auf dem Neutronenstern läuft auch der Lebenszyklus der Cheela millionenfach schneller ab als der unsere - vom Neugeborenen- bis zum Greisenstadium vergeht gerade einmal eine Dreiviertelstunde. Die ersten neutronischen Organismen entstanden, als auf der Erde gerade die Pyramiden gebaut wurden. Und als dort eine Forschungsexpedition zum Neutronenstern beschlossen wird, trägt dieser noch nicht einmal die Vorstufe intelligenten Lebens. Beim Eintreffen des Raumschiffs "St. George" in seinem Orbit wenige Jahre später sieht dies schon ganz anders aus ...

Wenn sich eine Spezies sehr viel schneller entwickelt als eine andere, scheinen Konflikte unausweichlich - wie der zwischen Puppenspielern und Gw'oth in Larry Nivens "Ringwelt"-Prequels. Aber dafür dachte Forward doch zu sehr in den Bahnen eines optimistischen Wissenschafters und weniger in denen eines kalkulierenden Romanciers. Seine First-Contact-Geschichte läuft unter ebenso gutmütigen Umständen ab wie die seines berühmten Astronomenkollegen Carl Sagan in dessen Roman "Contact". Sie enthält überdies die vielleicht ungewöhnlichste, ganz sicher aber schnellste kosmetische Operation in der Geschichte der SF. Für Niven hat Forward übrigens am exotischen Setting von "Der schwebende Wald" ("The Integral Trees") mitgearbeitet. Wie überhaupt sein Einfluss auf die Hard SF nicht unterschätzt werden darf: Stephen Baxters erfolgreiche Romane "Das Floß" und "Flux" (der ebenfalls einen Neutronenstern zum Schauplatz hat) scheinen ohne die Vorarbeit von "Das Drachenei" kaum denkbar.

Für Human Drama waren die Romane Robert L. Forwards hingegen nie bekannt - sie sind gewissermaßen die Antithese zur gerade auf SIXX laufenden Serie "Defying Gravity".  Bei der raschen Generationenfolge der Cheela ist ohnehin klar, dass wir hier mit keinem durchgängigen Protagonisten rechnen dürfen. Aber auch bei der parallel dazu gaaanz laaaangsam einschwebenden Expedition von der Erde interessierte sich der Autor viel mehr für Faktoren wie Rotationsmanöver und Kompensatormassen (am Ende des Romans folgt ein Teil mit ausführlichen Beschreibungen der dahinterstehenden Physik) als für menschliche Beziehungen. Immerhin hat er eine fiktive Urenkelin seines Kollegen Frank Drake, Schöpfer der berühmten Gleichung über die Anzahl außerirdischer Zivilisationen in der Milchstraße, an Bord untergebracht. Forward selbst hat sein schriftstellerisches Debüt als Fachbuch, das sich als Roman verkleidet, betrachtet. Das gilt es zu berücksichtigen, um dieses Buch angemessen würdigen zu können: Space Opera mal ohne allzuviele emotionsgeladene Arien. Aber mit einem Bühnenbild, das sich sehen lassen kann.

weiter ›
Share if you care.