Rundschau: Do you speak Alien?

Ansichtssache | Josefson
13. Oktober 2012, 10:13
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coverfoto: heyne

Robert L. Forward: "Das Drachenei"

Kartoniert, 398 Seiten, € 10,30, Heyne 2012 (Original: "Dragon's Egg", 1980)

Klingt nach Fantasy. Das täuscht aber. In Wahrheit handelt es sich beim 1980 veröffentlichten "Dragon's Egg" um einen echten Klassiker der Hard SF. Zur Sicherheit steht wie schon bei der deutschsprachigen Erstausgabe von 1981 auch auf dem Cover der aktuellen Version, erschienen zum 10. Todestag des Autors, der Zusatz "Leben auf einem Neutronenstern": Damit es kein Kuddelmuddel mit den Zielgruppen gibt!

Um "Das Drachenei" richtig einschätzen zu können, muss man die Vita des Autors berücksichtigen. Robert L. Forward war ein US-amerikanischer Physiker, der sich vorwiegend mit Gravitationswellen beschäftigt hat - gerne aber auch mit spekulativen Konzepten, von Weltraumtürmen (gewissermaßen der massiven Verwandtschaft von Weltraumfahrstühlen) bis zu Zeitreisen. Obwohl Forwards Forschungstätigkeit zu einigen praktischen Anwendungen beigetragen hat, musste das meiste davon natürlich in der Theorie verbleiben. Gegen Ende seiner akademischen Laufbahn nutzte Forward zunehmend die Möglichkeit, seine Ideen im Kontext der Science Fiction auszuarbeiten. Er veröffentlichte bis in die späten 90er Jahre eine Reihe von Romanen, von denen sein Erstling "Drachenei" der berühmteste geblieben ist.

Die Grundidee: Nach einer Supernova hat sich ein Neutronenstern gebildet und auf diesem ist Leben entstanden - exotisch vom Aufbau seiner Materie her, und doch letztlich nur allzu vertraut wirkend. Eine 20 Kilometer durchmessende Kugel aus dichtgepackten Neutronen, die sich fünfmal in der Sekunde um ihre Achse dreht und die 67-milliardenfache Schwerkraft der Erde hat, klingt nicht einladend. Und doch finden auch in dieser Umgebung Prozesse des Energie- und Materieaustauschs statt, die zur Bildung sich selbst reproduzierender Einheiten führen ... also Lebensformen. Und letztlich sogar intelligente: Die Cheela sind 2,5 Millimeter kleine "Amöben" aus dichtgepackten Atomkernen, die unter der Schwerkraft ihrer Welt zufällig auf etwa 70 Kilogramm Gewicht kommen ... das dürfte dann einer der schrägeren anthropozentrischen Einschläge in der Geschichte der SF sein. 

Die Welt der Cheela ist flach - für weniger avancierte Wesen ist sie genau genommen sogar eindimensional, denn das Magnetfeld des Neutronensterns ist so stark, dass Bewegung und Sinneswahrnehmung fast nur entlang der Feldlinien möglich sind. Doch eine Naturkatastrophe zwingt die Cheela, ihr Ursprungsgebiet zu verlassen und mit der schweren Bewegung die Feldlinien zu kreuzen: Der Anfang zum Aufstieg ist gemacht! Anhand einiger herausragender Cheela-Vertreter lässt uns Forward an der Entwicklung dieses bemerkenswerten Völkchens teilhaben. Wir sind live dabei, wenn sie die Fähigkeit zum abstrakten Denken entwickeln und wenn sich schließlich Staatswesen, Religion und Wissenschaft herausbilden. Und auch wenn wir es hier mit superheißen Mikro-Fladen zu tun haben, wirken die Cheela mit ihren Mühen, Sehnsüchten und Konflikten doch um vieles menschlicher als Miévilles Ariekei.

... mit einer Ausnahme: Wie alles auf dem Neutronenstern läuft auch der Lebenszyklus der Cheela millionenfach schneller ab als der unsere - vom Neugeborenen- bis zum Greisenstadium vergeht gerade einmal eine Dreiviertelstunde. Die ersten neutronischen Organismen entstanden, als auf der Erde gerade die Pyramiden gebaut wurden. Und als dort eine Forschungsexpedition zum Neutronenstern beschlossen wird, trägt dieser noch nicht einmal die Vorstufe intelligenten Lebens. Beim Eintreffen des Raumschiffs "St. George" in seinem Orbit wenige Jahre später sieht dies schon ganz anders aus ...

Wenn sich eine Spezies sehr viel schneller entwickelt als eine andere, scheinen Konflikte unausweichlich - wie der zwischen Puppenspielern und Gw'oth in Larry Nivens "Ringwelt"-Prequels. Aber dafür dachte Forward doch zu sehr in den Bahnen eines optimistischen Wissenschafters und weniger in denen eines kalkulierenden Romanciers. Seine First-Contact-Geschichte läuft unter ebenso gutmütigen Umständen ab wie die seines berühmten Astronomenkollegen Carl Sagan in dessen Roman "Contact". Sie enthält überdies die vielleicht ungewöhnlichste, ganz sicher aber schnellste kosmetische Operation in der Geschichte der SF. Für Niven hat Forward übrigens am exotischen Setting von "Der schwebende Wald" ("The Integral Trees") mitgearbeitet. Wie überhaupt sein Einfluss auf die Hard SF nicht unterschätzt werden darf: Stephen Baxters erfolgreiche Romane "Das Floß" und "Flux" (der ebenfalls einen Neutronenstern zum Schauplatz hat) scheinen ohne die Vorarbeit von "Das Drachenei" kaum denkbar.

Für Human Drama waren die Romane Robert L. Forwards hingegen nie bekannt - sie sind gewissermaßen die Antithese zur gerade auf SIXX laufenden Serie "Defying Gravity".  Bei der raschen Generationenfolge der Cheela ist ohnehin klar, dass wir hier mit keinem durchgängigen Protagonisten rechnen dürfen. Aber auch bei der parallel dazu gaaanz laaaangsam einschwebenden Expedition von der Erde interessierte sich der Autor viel mehr für Faktoren wie Rotationsmanöver und Kompensatormassen (am Ende des Romans folgt ein Teil mit ausführlichen Beschreibungen der dahinterstehenden Physik) als für menschliche Beziehungen. Immerhin hat er eine fiktive Urenkelin seines Kollegen Frank Drake, Schöpfer der berühmten Gleichung über die Anzahl außerirdischer Zivilisationen in der Milchstraße, an Bord untergebracht. Forward selbst hat sein schriftstellerisches Debüt als Fachbuch, das sich als Roman verkleidet, betrachtet. Das gilt es zu berücksichtigen, um dieses Buch angemessen würdigen zu können: Space Opera mal ohne allzuviele emotionsgeladene Arien. Aber mit einem Bühnenbild, das sich sehen lassen kann.

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November ist schon weit fortgeschritten...

... jetzt häng ich aber schon lang an dieser Cliff.

Discworld abschließen klingt komisch.
Pratchett hat wie ein guter Weltenerfinder Regeln entwickelt, die auch von alleine weiterlaufen - man braucht quasi nur eine Figur wo hinschmeißen und zugucken, was passieren MUSS.
Es ist halt genauso komplex wie die reale Welt und genauso (scheinbar) in sich widersprüchlich und politisch lebts von dauernd veränderten Kompromissen.

Und eigentlich ist unsere Welt ein Experiment der Magier der Scheibenwelt und wir sehnen uns so nach Fiktion und Geschichten und bauen arbiträre Logiksysteme, weil wir eingebettet sind in ein größeres Universum, in dem es elementares Narrativium gibt und wir ab und an Besuch von der Scheibenwelt kriegten :P

hab jetzt das drachenei durch.

etwas der zeit hinterher, natürlich, wie wenn man heute einen alten herbert franke liest. aber die entwicklung der cheela mitzuerleben ist schon sehr interessant. am eindrucksvollsten war für mich, zuzusehen, wie die multiplikation erfunden wurde :)

Mir hat "Das Drachenei" auch sehr gut gefallen. Klar, ein wenig "gealtert", aber in der Idee ausgesprochen intelligent angelegt und spannend zu Ende geführt.

Warum hat Brin 10 Jahre gebraucht...

um einen neuen Roman zu schreiben. Wissen Sie was Herr Josefson? Oder sonst jemand hier?

Wenn Sie den Roman lesen, werden Sie verstehen, dass da immense Arbeit drinsteckt. Ein derart komplexes und geniales Gebilde schreibt man nicht einfach so. Ich bin noch nicht ganz durch, aber halte "Existenz" für eins der intelligensten Bücher, die ich je im SF-Bereich gelesen habe.

Ich hab's gelesen und, ja, es ist recht komplex. Aber 10 Jahre? Bei einem Autor, der von 1980 bis 2002 prakisch alle 2 Jahre einen Roman veröffentlicht hat, ist das doch ein ziemlich lange Zeit.
Wenn es also an "Existenz" liegen sollte, dann nehme ich an, dass er sich verzettelt hat. Das würde auch die eklantanten Schwächen, die Josefson zu Recht bemängelt hat, erklären.

Leichte Spoiler ahead!
Grad den neuen Pratchett fand ich echt schwach - vor allem die Zeichnung der Charaktere, insbes. Vimes.
Er wirkt über weite Strecken nur mehr wie ein selbstgerechter Trampel. Er wird trotzdem so gut wie immer als die Person im Recht dargestellt, die Rechtfertigungen für sein Handeln (inkl. innere Dämonen usw.) wirken allerdings mittlerweile mehr als nur konstruiert.
Und der Gag mit Wilikins, dem Butler, der eigentlich eine harte Sau ist, wird so penetrant verwurstet, daß ich spätestens ab der mitte des Buches bei der Erwähnung des Themas nur mehr die Augen übergedreht hab.
Hab die letzten Non-DW-Bücher noch nicht gelesen, aber in Sachen DW waren Night Watch und Going Postal die letzten, die mir wirklich gut gefielen.

Lem

Nicht zu vergessen auch Stanislav Lem. Das Buch "Die Stimme des Herrn" handelt etwa ausschließlich von den menschlichen Versuchen eine außerirdische Nachricht zu entschlüsseln bzw eine kosmische Erscheinung als Botschaft zu betrachten. Sehr empfehlenswert!

Oder eine Anleihe an Gene Wolfe...

...und die Sprache der Ascier im Solar Cycle.

Ein Dank der Community (und natürlich J.J.)

Habe mir jetzt 3 Matt Ruff's besorgt und bin begeistert - selten hab ich beim lesen so viel gelacht. Mit koscheren Salamis Kriegsschiffe angreifen....

Da wirkt das Drachenein etwas Altbacken, aber ich steh auch auf Hard-SF und würd's jedem Physik Fan empfehlen....

Wenn Sie mit Matt Ruff fertig sind können Sie mit Jasper Fforde weitermachen.

Hexen

Ob ich wohl von Pterry noch was ueber meine Lieblinge, die Hexen von Lancre, lesen koennen werde?

Miéville

Habe mir "Embassytown" vor ein paar Wochen auf Englisch reingezogen und schon der kurze (übersetzte) Abriss im Text hat mich in meiner Entscheidung, das Wagnis <Miéville im Original> einzugehen, bestätigt. Klingt auf Englisch alles einfach runder...

aber anspruchsvoll is er schon, finde ich...

ich habe erst vor kurzem fassbinders "welt am draht" gesehen. sehr außerordentlich, was der irre da mit kleinem budget zustandegebracht hat.

erst vorgestern habe ich mir "das millionenspiel" zu gemüte geführt. aus heutiger sicht vielleicht etwas steif in der inszenierung, aber wenn heute thomas gottschalk da moderieren würde statt dieter thomas heck ... junge junge ...

Mièvilles "Stadt der Fremden" war mindestens ebenso anstrengend zu lesen (aber was für cleveres Buch), wie der Titel des Buchs mal wieder selten dämlich übersetzt wurde.

"Trifid Mljuuh Haxa Frilofra"
In keiner anderen Sprache könnte es besser gesagt werden.

Was man bei den aktuellen pratchetts beachten sollte: ein neuer übersetzer,! Ich kenne die Originalfassung zwar nicht, aber seit dem der neue übernommen hat lesen sich die Romane eher mühsam

Pratchett

Der neue, Dodger, ist zwar kein Scheibenweltroman, aber trotdem ganz großes (Kopf-) Kino. Seine Sachen waren immer mal besser mal schlechter, aber die letzten Bücher waren eher überdurchschnittlich

Year Zero

Weiß jemand, ob es Pläne gibt "Year Zero" (Rob Reid) zu übersetzen?
Würde mich sehr freuen :)

Dass das "Drachenei" wieder aufgelegt wird finde ich schön, war einer der großen Weltentwurfsromane, ganz in der Tradition von Hal Clement. Dicke Empfehlung für alle die sowas mögen!
Bezüglich Linguistik in der SF gibt's schon einiges was man erwähnen hätte können, LeGuin oder Mary Doria Russell fallen mir auf die schnelle ein. Dass "HardSF" nur Physik ist, ist glaube ich nicht richtig; da waren allgemein Naturwissenschaften gemeint, also durchaus auch Biologie, Medizin, Chemie ...
Ansonsten natürlich danke wieder einmal für die Rezensionen!

townshend line: das klingt genial :-)

alien, das foto auf der startseite erinnert eher an napster irdischen ursprungs, also eine hörkatze.

The Long Earth von Baxter/Pratchett fand ich sehr gut

scheint auch als Mehrteiler angelegt zu sein, mal sehen was die beiden aus dem tibetanischen Motorradmechaniker (Lobsang, wie soll er auch sonst heißen:) machen, der als Supercomputer reinkarniert ist und nun (mit den anderen Protagonisten) die zahllosen Paralell-Erden erforscht...

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