Alte Schule und frischer Wind

Stefan Ender
27. August 2012, 17:11
  • Simon Rattle dirigierte die Berliner Philharmoniker und ließ die Schwärze von Witold Lutoslawskis Symphonie vermissen.
    foto: epa/javier del real

    Simon Rattle dirigierte die Berliner Philharmoniker und ließ die Schwärze von Witold Lutoslawskis Symphonie vermissen.

Die Wiener und die Berliner Philharmoniker mit Haitink und Rattle in Salzburg

Salzburg - Gegen Ende der Festspielzeit kommen, meist zu den ersten kühleren Tagen, die Berliner Philharmoniker nach Salzburg. Da freut man sich drauf. Präsentieren sich die Wiener Philharmoniker nach einem strapaziösen Salzburger Sommer zu diesem Zeitpunkt mitunter schon etwas mürbe, reisen die Berliner aus den Orchesterferien zur Stippvisite ins Hoheitsgebiet ihrer Wiener Namenskollegen an und bringen zum Finale noch einmal frischen Wind ins Festspielgeschehen.

Doch auch den Wienern wohnen kraft ihres Gründervaters Otto Nicolai preußische Tugenden inne, und so war bei ihrem fünften Konzert unter der Leitung Bernard Haitinks nicht die geringste Spur einer Ermüdung zu bemerken - was umso erstaunlicher war, da die Proben dafür parallel zu den enorm strapaziösen Aufführungen der "Soldaten" stattfanden. Gut, vielleicht waren Beethovens viertes Klavierkonzert, von Murray Perahia in geradezu beängstigend wohldosierter Perfektion interpretiert, und Bruckners Neunte auch eine Art ersehnter Harmonietherapie nach Zimmermanns inflationär exzessiven Klanggewalten.

Jedenfalls war die Neunte unfassbar beeindruckend. Die Blechbläser fest und edel wie Salzburger Marmor: Wenn man für die Posaunen des Jüngsten Gerichts zum Probespiel lädt, sollten allerhöchste Stellen die Wiener berücksichtigen. Die Streicher organisch-kraftvoll, sanft wiegend wie der Donaustrom. Einfach unnachahmlich diese ideale Wiener Melange aus Selbstverständlichkeit, Präzision und Verve. Gut: Den dritten Satz buchstabierte Haitink so sehr durch, dass bei Teilen der Hörner fallweise das Ende des Atems vor jenem der Note eintrat. Schade auch, dass die nüchtern-helle Akustik des Großen Festspielhauses das Surplus eines noch mystischeren, berauschenderen Klangerlebnisses verweigerte.

Unantastbar versus sportlich

Umgibt den gemeinen Wiener Philharmoniker die Aura einer unantastbaren, teilanonymen Institution, so hat man bei den Berlinern den Eindruck von ganz normalen Menschen, die auf höchstem Niveau musizieren. Sie tun dies grundsätzlich einen Tick sportlicher, beweglicher, mit mehr Eigeninitiative als die Wiener - sei es ihrem Wesen oder der federnden Dynamik ihres Chefdirigenten geschuldet. Diese unerhört fitte, dynamische Spielweise kann beeindrucken, mit ihrer Nähe zum Hochleistungssportlichen jedoch auch ermüden.

Mit musterknabenhafter Präzision und Virtuosität spielten die Berliner denn auch Witold Lutoslawskis dritte Symphonie nach, wenn Rattle auch die Dämonie, die Schärfe, die Schwärze dieses Meisterwerks nicht zur Gänze herauszustreichen verstand. Aber vielleicht wollte er dies auch gar nicht - hätte er sonst allen bestürzenden Eindruck des Werks mit einer unnützen, unpassenden Klimbim-Zugabe (Dvorák: "Slawischer Tanz") lächelnd zunichte gemacht? Schrecklich.

Einfach fantastisch hingegen zuvor Yefim Bronfman mit dem zweiten Klavierkonzert von Johannes Brahms. Als Spezialist für Schlachtrösser mit einer mächtigen Pranke gesegnet, ließ der US-Amerikaner usbekischer Herkunft aber auch in delikaten Passagen des Großwerks Wunder an Fili granität und Zartheit miterleben. Alte Schule, souverän und wundervoll. Würde höchstwahrscheinlich auch sehr gut mit den Wiener Philharmonikern harmonieren. (Stefan Ender, DER STANDARD, 28.8.2012)

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9 Postings
Herrlicher Lutoslawski - schöner Abend am Sonntag

(vielleicht ohne Dvorak)

Warum diese Zimmermann-Abwertung?

Das Wort "inflationär" im Rahmen der Kunst kennzeichnet die übermäßige Benutzung eines Stilmittels aus Gründen der Faulheit und/oder Ideenlosigkeit. Jedenfalls ist es eindeutig abwertend.

Zimmermanns "exzessive Klanggewalten" sind jedoch nicht "inflationär" - sonst hätte das Werk auch nicht diesen (künstlerischen) Stellenwert - sondern konsequent. Die Musik entspricht dem Werk - und in diesem ist Loslassen und Verschnaufen nicht vorgesehen. Eine Herausforderung für Künstler und Publikum ist das natürlich schon.

Es kann aber auch sein, dass es sich hier lediglich um ein massiv verunglücktes Sprachbild handelt. Wäre ja nun wirklich nicht das erste Mal...

Es war kein massiv verunglücktes Sprachbild. Ich bin mir bewusst, dass ich mit dieser Meinung ziemlich alleine dastehe, aber ich finde nicht, dass "Die Soldaten" ein Werk von Belang sind.

Danke für die Auskunft

Bleibt Ihnen natürlich unbenommen, das Werk nicht zu mögen und/oder für musikhistorisch irrelevant zu halten. Wobei man mit zweiterem Urteil (gerade als Kulturkritiker) im Eigeninteresse stets vorsichtig sein sollte.

Bemerkenswert finde ich allerdings doch, dass sie "Die Soldaten" für offenbar so überschätzt/unsinnig/belanglos halten, dass sie ihnen in einer Konzertkritik einen Tritt versetzen zu müssen glauben, für den sie vorher sich noch extra krampfhaft einen Zusammenhang basteln.
Aber wer's braucht....

Musikkritiker sind begabte Bastler, wenigstens das muss man ihnen lassen

Wenn einmal wer ein bisschen Humor der Hochkultur gewährt und den Besuchern des Festspielhauses ein Schmunzeln entlockt, dann ist das für die intellektuellen Kritiker natürlich "schrecklich"...
Gibt es denn irgendeinen besonderen Grund warum so gut wie alle Produktionen und Vorstellungen der diesjährigen Salzburger Festspiele vom Standard regelrecht fertig gemacht werden? Es würde mich wirklich interessieren!

Humor ist super, und gerade ich bin der generellen Humorverachtung wahrscheinlich unverdächtig. Glauben Sie mir, es hat einfach sowas von nicht gepasst. Wenn die Wiener nach Bruckners Neunter die Pizzicato-Polka oder den Donauwalzer als Zugabe gespielt hätten, wär's wahrscheinlich ähnlich ideal gewesen.

Auch wenn Ihre Antwort nicht ganz auf das Vorposting passt, Herr Ender

natürlich haben Sie recht, dieser Dvorak war absolut überflüssig und wird auf den weiteren Stationen der Konzertreise auch nicht mehr gespielt. Wurde aber für Salzburg verlangt, weil den Salzburgern neue Musik nur Häppchenweise serviert und angenehm garniert werden darf. Unter uns, das Beste im Sandwich ist ja immer das zwischen dem trockenen Brot...

Weil der Standard ...

Markus Hinterhäuser nachtrauert und an Alexander Pereira daher alles schlecht geredet werden muss. Das hat weder der eine, noch der andere verdient.

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