Liebesflausen aus der Mottenkiste

Dominik Kamalzadeh
27. August 2012, 17:04
  • In Rom setzen sich die Gefühle gern gegen die Vernunft durch: Jesse 
Eisenberg und Ellen Page als kurz  füreinander bestimmtes Pärchen in 
Woody Allens Komödie "To Rome With Love".
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    In Rom setzen sich die Gefühle gern gegen die Vernunft durch: Jesse Eisenberg und Ellen Page als kurz füreinander bestimmtes Pärchen in Woody Allens Komödie "To Rome With Love".

Episodisches aus der Ewigen Stadt: Woody Allens Filmkomödie "To Rome With Love" ringt erfolglos damit, Klischees von italienischen Verhältnissen in der Liebe neuen Schwung zu verleihen

Wien - Woody Allens Spätwerk kennzeichnet eine besondere Form von Entwurzelung. Es gibt wohl kaum einen anderen Regisseur, der so stark mit einer Stadt, ja einem Stadtteil (New York, Upper West Side) assoziiert wurde und dann mit vergleichbarer Vehemenz seinen Wirkkreis gewechselt hat. Zwar haben sich auch schon Filmemacher wie Wim Wenders oder Wong Kar-wei in einem globalen Nebelland verlaufen, doch bei Allen liegt der Fall noch einmal anders: Seine europäischen Filme verhalten sich ja zu einem konkreten Ort und dessen Mythologie, beziehen daraus aber vor allem Klischeewerte.

Die besseren Arbeiten sind darunter jene, die aus diesen Bildern auf offensive Weise Gewinn schlagen. Der in London gedrehte "Match Point" baut seine Thrillererzählung auf für Großbritannien charakteristischen Klassengefällen auf; "Vicky, Cristina, Barcelona" spielt verschmitzt mit den Stereotypen des Latin Lovers und seiner heißblütigen Muse, und "Midnight in Paris", Allens kommerziell erfolgreichster Film, nostalgisch mit den Wiedergängern einer kunstgesättigten Metropole.

Stets sind es Amerikaner, die dabei als Identifikationsfiguren dienen und deren Blick und Handeln die Klischees erst weckt und bestätigt. Der Witz liegt nicht zuletzt darin, dass niemand ernsthaft erwartet, so sehr in seinen Vorstellungen - allzu oft sind es Wunschvorstellungen - bestätigt zu werden. Der jüngste Fall, "To Rome With Love", weicht davon nicht ab, vielmehr arbeitet er als Ensemblefilm gleich mit mehreren solchen Konstellationen:

Da ist die US-Studentin Phyllis (Alison Pill), die sich in einen jungen Römer verliebt und von ihren New Yorker Eltern (Judy Davis und Allen selbst) Besuch bekommt; und da ist der namhafte US-Architekt (Alec Baldwin), der sich in den Gassen von Trastevere verläuft und auf sein jüngeres Alter Ego (Jesse Eisenberg) trifft, das sich nicht so recht zwischen zwei Frauen (Greta Gerwig und Ellen Page) entscheiden kann. Ergänzt werden sie von zwei rein italienischen Paaren, filmischen Archetypen aus der Mottenkiste, die Allen gegen die italienische Celebrity-Kultur in Stellung bringt: Roberto Benigni als biederer Jedermann, der plötzlich als TV-Berühmtheit gilt und von allen erkannt wird, und ein junges Ehepaar vom Land, das in der Hauptstadt liebestechnisch ein wenig herumexperimentiert.

Den Fremdenverkehr freut's

Die Episoden erwecken allerdings den Eindruck von "bits and pieces", Kleinteiligem, das Allen wohl irgendwann auf seinen gelben Post-its als Gag notiert hat und nun eher grob zu einem Ganzen aneinanderreiht. Ärgerlich zudem die Art und Weise, wie sich Darius Khondjis Kamera an der Ewigen Stadt in satten Orangetönen ergötzt. Die ständigen Selbstversicherungen der Figuren, an einem außergewöhnlichen Ort zu sein, lassen To Rome With Love dann stellenweise wie einen "Fremdenverkehrswerbefilm" erscheinen.

Die scharfzüngigeren Dialogzeilen hat sich Allen noch für seinen eigenen Part als unempfänglichen Italienbesucher aufgehoben. Beispielhaft für den Film ist aber auch hier, wie eine Pointe über Gebühr strapaziert wird. Allen spielt einen Musikregisseur im Ruhestand, der das Stimmtalent des Vaters seines künftigen Schwiegersohnes (verkörpert vom Tenor Fabio Armiliato) entdeckt. Dummerweise entfaltet es sich nur unter der Dusche.

Andere Gags, etwa Penélope Cruz' Auftritt als Claudia-Cardinale-ähnliche Prostituierte, die sich im Zimmer irrt, schwächeln schon in der altbackenen Grundaufstellung. Auch Benigni entwickelt als felliniesk Verfolgter nicht die gewohnte Dynamik. Am überzeugendsten ist noch der Part von Alec Baldwin, der die Liebesflausen seines jüngeren Ichs mit Sarkasmus kommentiert. Was sagt er, als Ellen Page zu Hochstapeleien ansetzt? "Oh, here comes the bullshit!" - das denkt man sich auch selbst so einige Male. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 28.8.2012)

Ab Freitag

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war mir lieber als midnight in paris, bei dem ich den charakteren am liebsten an die gurgel gesprungen wäre, sobald sie den mund aufmachten.

das spiel mit klischees

ehebruch auf italienisch, daneben ehebruch auf amerikanisch, amerikanische frauen die absichtlich total unsexy ausschauen, d-promi-starrummel und berlusconi-italien-auswüchse die aufs korn genommen werden, frauenbild (madonna, hure, mamma), die obligate oper, die unter einem irrwitzigen blickwinkel erscheint - ach, das darf man nciht so ernst nehmen, allen nimmt sich auch nicht ernst. im original witzig.

bin schon gespannt in welcher stadt er als nächstes drehen wird. seine frau sei gerne im ausland, deswegen mache er das. ist doch clever. er dreht, sie shoppt.

Ich kann diese dämlichen Ami-Studenten Pupperln nicht mehr sehen! Der letzte wirklich amüsante WA Film war imho "Whatever works"...

Die Europareise wird langsam fad.

hab mich sehr amüsiert und gelacht..

..kein meisterwerk und öfter mal haperts ein bisschen/ unrund aber durchaus unterhaltend.

(sowieso nur im orignial ertragbar, aber das sollte klar sein.. nur weil ich grad den deutschen trailer gehört habe^^)

Die letzte Schlacht

" denn als freie Männer/Frauen seid ihr gekommen um zu kämpfen
und freie Männer/Frauen seid ihr alle...

http://www.youtube.com/watch?v=rjVxzVNKnFg

Im Grunde mag ich Allens Klischeeverliebtheit, damit wird meiner Meinung nach viel zu wenig auf erträglichem Niveau gespielt. In dem Punkt mag ich auch den völlig unverkrampften Zugang unserer östlichen/südöstlichen Nachbarn zu Kitsch und Bombast. Die hierzulande viel zu weit verbreitete hochnäsige Blasiertheit dem Klischee gegenüber, läst uns allzu oft zwanghaft im teilweise völlig überkonstrueirten Dreck grundeln. Das merkt man auch bei Kunst und Design - alles muss, auf Teufel komm raus, ernst und seriös sein - in seitenlangen Ressetexten wird klagestellt dass Jux, Spass und Spielerei auf keinen Fall etwas mit dem Werk zu tun hat.

Ich gebe Ihnen unumwunden recht, aber

dieser spezielle Film ist einfach nur sehr seicht.
Praktisch nur vorhersehbare Pointen und eine Kulisse die so sehr in den Vordergrund gestellt wird, dass man tatsächlich denkt man würde einen Werbefilm sehen.

Für mich war das wie 2 Stunden Sitcom am Stück.

Schön auf den Punkt gebracht.

Wie weiter unten bereits geschrieben:

Zeit seines Lebens hat Allen in Europa mehr Ansehen gehabt, als in den USA. Seine Filme waren hier immer besser und erfolgreicher, als dort. Ein logischer Schritt, dass er sich dann eben dorthin begibt, wo die Leute ihn wollen. Und der nächste logische Schritt ist, dass er die Drehorte in gutem Licht darstellt. Die zahlen ja auch dafür.

Lieber D.K.: Weiters dürfte Ihnen bekannt sein, dass fast jeder Film heute Werbung ist. Apple, Cola, Starbucks, die US Army zahlen ja eine Menge dafür.

woody ist ja selber etwas enttäuscht von der umsetzung seiner idee

so ist das eben: als künstler gibt es nicht nur "erste Sahne" sondern auch anderes. Nur allzu menschlich. Es gibt einige Filme, für die ich Woody Allen verehre. Dieser Film war eine leichte Sommerkomödie, die das Herz erfreut samt ein paar Seitenhieben. Fein. Die ganze restliche Hollywood-Menagerie ist dazu nicht im Stande. Mag Woody uns noch so einige tolle Stunden bescheren...

warum nur einige?
;-)

In Gegensatz zu Clint Eastwoods

Alterswerk ("Gran Torino", "Million Dollar Baby") sind Allens letzte Filme einfach nur Ramsch.

C.E.-Filme kann ich mir leider nicht ansehen.

Nachdem ich weiß, wes Geistes Kind diese alternde Hollywood-Ikone ist, halte ich seine Filme noch weniger aus als seine Schauspielerei davor.

Im Gegensatz zu den meisten Kinofilmen dzt sind sogar

die schlechteren W.A. noch die besseren.

dafür hat Allen Filme gemacht an die Eastwood nicht ran kommt

Million Dollar Baby ist schon ein wenig zu schmalzig

Stimmt. Aber die Zeiten

von "Manhattan" oder "Zelig" sind lang vorbei. Gemessen an "Scoop" oder "Midnight in Paris" erscheint selbst "Bullets over Broadway" schon fast wie ein Kunstwerk.

"Match Point" war Woody Allen untypisch aber unerwartet gut.

Gute, niveauvolle Unterhaltung.

Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

gibts eh kaum mehr

die Komödien werden alle zu romantischen Liebeskomödien, überall wo es nur geht muss etwas reingequetscht werden um möglichst viele Leute anzusprechen, bestes Beispiel Pearl Harbour, größte Schnulze plus riesiges Budget für Aktion.

Filme wie Täglich grüßt das Murmeltier gibt es nicht mehr, im lustigen Unterhaltungsbereich gibt es nichts mehr.

Dieses Genre

hat sich heute eher in den Indie - Bereich verschoben. Ich denke dabei an so unterschiedliche Filme wie "Happy Go Lucky", "Broken Flowers", "About Schmidt" oder "Willkommen bei den Sch'tis.".

Also "About Schmidt" war genial aber als Komödie würde ich ihn nicht wirklich bezeichnen.

Okay, keine lupenreine Komödie, aber

der Film hat als Grundton einen bösen, schwarzen Humor. Muss man mögen (oder auch nicht).

Mag ich sehr diese Art von Humor. Unter typischer Komödie stelle ich mir halt etwas anderes vor.
Hätte aber auch keinen besseren anderen Genrenamen.

Ungewöhnlich, dass der "Böse" im Film durchkommt.

Die Filmplots passen sich langsam an die Realität an.

Allen for Vienna!

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