Erbitterte Schreiduelle am Tennisplatz

  • Hörenswert: Maria Scharapowa und Viktoria Asarenka.

  • Auch die Herren können es: Andy Roddick vs. Janko Tipsarevic.

  • Queen of Scream: die Portugiesin Michelle Larcher De Brito.

  • Auch Larry David hat sich in der US-Kultserie "Curb your enthusiasm" der Thematik angenommen.

Auf sie mit Gebrüll! Lange Zeit galt der Fluglärm über Flushing Meadows als störend, mittlerweile wird über schreiende Tennis-Damen heftiger diskutiert

New York - Auf Court 16 des USTA Billie Jean King National Tennis Center wurde es in der Qualifikation zu den US Open wohl ein bisschen lauter als üblich. Michelle Larcher De Brito musste sich in der zweiten Runde der Ukrainerin Elina Switolina in drei Sätzen geschlagen geben. Und wenn es eng wird, dann wird die 19-Jährige laut. Bei jedem Schlag. 109 Dezibel sollen bereits gemessen worden sein. Damit übertönt die Portugiesin einen brüllenden Löwen. Oder eine Kreissäge.

Mit ihrer Stimmkraft sägt Larcher De Brito mitunter an den Nerven ihrer Gegnerinnen. Die Französin Aravane Rezai beschwerte sich 2009 bei den French Open über ihre Kontrahentin. Es sei unmöglich, sich bei einer solchen Lautstärke auf das Spiel zu konzentrieren. Rezai warf ihrem Gegenüber vor, die Laute als taktisches Mittel einzusetzen. Ein Verdacht, dem De Brito vehement widerspricht: "Ich mache das nicht absichtlich, das gehört einfach zu meinem Spiel. Niemand kann mir vorschreiben, damit aufzuhören."

Seles als Vorbild

Der Teenager bringt auch spielerisches Talent mit, bis auf Platz 76 der Weltrangliste stieß Larcher De Brito bereits vor, derzeit steht sie auf Rang 118. Eines ihrer Vorbilder ist, und das kommt nicht überraschend, Monica Seles. Seles wird in Medien als "Godmother of Grunt" bezeichnet. Die ehemalige Topspielerin brachte die ungezügelten Schreie auf die Tour und damit manch Gegnerin auf die Palme. "Sie hat aus voller Lunge geschrien. Es war das Lauteste, was ich von ihr seit langer Zeit gehört habe. Ich glaube nicht, dass das notwendig ist", ließ Jennifer Capriati nach einer Niederlage 2001 wissen. Mit 93 Dezibel, also dem Lärm einer Autohupe, war Seles noch relativ zurückhaltend.

Seles wurde wie De Brito von Nick Bollettieri trainiert. Maria Scharapowa, die es auch ordentlich kann, detto. Beobachter vermuteten dahinter bereits System. Der US-amerikanische Coach will seinen Schülerinnen aber niemals Anweisungen in diese Richtung gegeben haben, er spricht sich sogar für Maßnahmen zur Regulierung aus. Und damit steht er nicht alleine. John McEnroe will ein Verbot, Martina Navratilova betrachtet das Brüllen als unsportliches Verhalten: "Es übertönt das Geräusch, wenn der Ball den Schläger trifft." Die dänische Spitzenspielerin Caroline Wozniacki sieht ein ähnliches Problem: "Wenn sie laut schreien, denkst du automatisch, dass der Ball schnell kommt."

"Das ist ziemlich nervig"

Der Kenner kann die diversen Schreie bereits auseinanderhalten. "Ah-hiii" lautete es einst bei Seles, "Ah-ufff" heißt es heute bei der Deutschen Andrea Petkovic. Wenn sich Maria Scharapowa ("Arrhhh") und Viktoria Asarenka ("Aaa-uhhh") matchen, gehen die Schreie nahtlos ineinander über. So gehört im Finale der Australian Open 2012. Agnieszka Radwańska, Nummer zwei der Welt, gab sich dazu in Melbourne undiplomatisch: "Das ist auf jeden Fall ziemlich nervig." Scharapowa konterte: "Ist sie nicht schon wieder zurück in Polen?" In Interviews erklärt die Russin: "Das Letzte, woran ich bei meinem Spiel denke, sind die Geräusche."

Auch bei den Herren geht es keineswegs lautlos zu. US-Legende Jimmy Connors stöhnte in den 70ern noch vergleichsweise leise, Thomas Muster ließ die Gegner seine Anstrengungen schon etwas deutlicher spüren, Nadal passt sich der Intensität des Spiels an. Über die stöhnenden Tennis-Herren wurde nie wirklich diskutiert, Medien und Publikum beschäftigen sich eher mit deren weiblichen Pendants. "Ich finde, das ist den Damen gegenüber etwas unfair", sagt WTA-Chefin Stacey Allaster und ortet das Problem bei der höheren Stimmlage der Damen. Andere Beobachter sehen wiederum eine sexistische Debatte. Frauen hätten graziös zu sein, während Männer sich ruhig animalisch benehmen dürfen.

Warten auf die nächste Generation?

Dass sich mittlerweile auch Fans an der Dauerbeschallung stören, ist Allaster nicht entgangen. Ein Lautstärkenmesser und Sanktionen sind ein Thema. Die Kanadierin will die gegenwärtige Generation der Tennis-Damen jedoch nicht in ihrem Spielfluss beeinträchtigen, also plädiert sie für den Einfluss der Trainer im Jugendbereich. Dort sollen lautlose Atemtechniken forciert werden. Für Martina Navratilova klingt das nach einer halbherzigen Lösung. Die Tennis-Ikone ärgerte sich schon als Aktive und schlägt in einem Interview mit ESPN eine einjährige Übergangsfrist vor: "Champions können sich anpassen." (Philip Bauer, derStandard.at, 27.8.2012)

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