Turnusarzt: Zum Spritzenschani degradiert

31. August 2012, 11:33
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Nach dem absolvierten Turnus sollen Allgemeinmediziner selbständig arbeiten können - Im Klinikalltag fungieren Turnusärzte aber oft als Systemerhalter

Wer in einem österreichischen Spital das Bett hüten muss, wird dort auch außerhalb der Visite vermehrt junge Ärzte in Ausbildung zu Gesicht bekommen, die regelmäßig Blut abnehmen oder Infusionen anhängen. Zwar sind dies unbestritten wichtige Aufgaben in der Patientenbetreuung - problematisch kann es aber dann werden, wenn medizinische Kernkompetenzen in der praktischen Ausbildung der Ärzte in den Hintergrund treten. Schließlich müssen die jungen Mediziner nach ihrer Turnuszeit in Eigenverantwortung über Menschenleben entscheiden.

In Österreich dauert der Turnus mindestens drei Jahre und wird im Rotationsprinzip in den Fächern Allgemeinmedizin, Chirurgie, Frauenheilkunde und Geburtshilfe, HNO, Dermatologie, Innere Medizin , Kinderheilkunde, Neurologie und Psychiatrie durchlaufen. Der Turnus endet nach bestandener Prüfung zum Arzt für Allgemeinmedizin mit der Berechtigung zur selbständigen Berufsausübung, dem Ius Practicandi. Eine anschließende Ausbildung zum Facharzt, nimmt je nach Fach und Verfügbarkeit einer Stelle durchschnittlich fünf Jahre in Anspruch.

"Sechs Jahre Mindeststudienzeit eingerechnet, dauert es gut und gerne 14 Jahre, bis ein Facharzt seine Ausbildung geschafft hat - manchmal auch länger", rechnet Karlheinz Kornhäusl vor, seit Juni dieses Jahres Obmann der Bundessektion Turnusärzte in der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK). Mit Stand März 2012 arbeiteten in Österreich insgesamt 6.968 Turnusärzte, die meisten (2.276) davon in Wien. In Oberösterreich oder Vorarlberg etwa, gäbe es wiederum viele freie Turnusstellen, aber kaum Interessenten. Das wird vor allem auf die Rahmenbedingungen des Turnus zurückgeführt.

Turnus als Glücksrad

Auch Kornhäusl befindet sich derzeit in Turnusausbildung zum Allgemeinmediziner. Wie wohl er, wie Kornhäusl selbst sagt, die Schattenseiten persönlich kennt, habe er doch großteils Glück gehabt und in Abteilungen gearbeitet, wo ihm viel gezeigt und beigebracht worden sei. Der Regelfall scheint das allerdings nicht zu sein. Denn entgegen den allgemein geltenden Richtlinien in Österreich differiert die Qualität der Turnusausbildung je nach Institution und Bundesland. Die letztgültige gesetzliche Grundlage für die Turnusausbildung ist das Ärztegesetz aus dem Jahr 1998, das neben den zu durchlaufenden Fachbereichen festlegt, in welchen Einrichtungen der Turnus zu absolvieren ist und wer die Abschlussprüfung organisiert und durchführt - dies wiederum obliegt der ÖÄK.

Die Ärztekammer ist es auch, die darüber hinaus ein Tätigkeitsprofil für Turnusärzte erarbeitet hat. Die Ausbildungsordnung enthält die prioritären medizinischen Kenntnisse und Fertigkeiten, die an die jungen Ärzte zu vermitteln sind. Dazu zählen etwa das Assistieren bei Operationen, die Erstbeurteilung bei Notfällen und das Erkennen der für die jeweiligen Fachrichtungen typischen Krankheitsbilder - die nötigen diagnostischen und therapeutischen Schritte eingeschlossen. Aufgaben wie Blutdruckmessen, EKG-Schreiben oder rein administrative Arbeiten etwa, gehören nicht zu den Agenden der Turnusärzte. Ärztliche Tätigkeiten, wie die Verabreichung subkutaner bzw. intramuskulären Injektionen oder das Legen von Dauerkathetern und peripherer venöser Zugänge, können auf das Krankenpflegepersonal übertragen werden. Die einzelnen Fachrichtungen sind vom Turnusazt ohne Unterbrechung zu absolvieren. Eine Supervision ist als fixer Bestandteil ebenso vorgeschrieben. 

Soll und Haben

Die Ergebnisse einer ÖÄK-Erhebung, die zu Jahresbeginn 2012 mit einem Sample von knapp 3.800 Turnusärzten in Österreich durchgeführt wurde, zeigen jedoch die Kluft zwischen den Anforderungen auf dem Papier und den Bedingungen in der Praxis deutlich auf: Die Qualität der Ausbildung wurde von einem hohen Anteil der befragten Turnusärzte als "nicht genügend" bewertet. Mehr als 50 Prozent gaben zudem an, dass sie die vorgesehenen Abteilungen des Spitals nicht alle durchlaufen hätten. In der Ambulanz war ein Großteil der Befragten (mehr als 60 Prozent) selten bis nie tätig, auch nicht beobachtend, selbstständig schon gar nicht (mehr als 70 Prozent). Untersuchungen in Eigenregie und kleinchirurgische Eingriffe wie Wundversorgung wurden selten bis nie vorgenommen, abteilungsspezifische Untersuchungen wie Ultraschall noch seltener, Visiten ebenso wenig.

Auch das sogenannte „Teaching at the Bedside" (der Unterricht am Krankenbett, Anm. Red.) wird der Studie zufolge vernachlässigt. Sogar die wichtige Möglichkeit der Supervision bleibe manchen Turnusärzten verwehrt. Kritik gibt es nicht zuletzt in Bezug auf die Arbeitsbedingungen als solche: Vor allem häufige Nacht- oder Wochenenddienste empfinden die Turnusärzte als Belastung. Überstunden würden außerdem nicht zwangsläufig abgegolten. Ein gutes Zeugnis bekamen indessen die Stammbelegschaften der heimischen Spitäler ausgestellt: Diese seien bei Fragen zu einer Therapie oder einem Eingriff fast immer für den Medizinernachwuchs erreichbar gewesen (Österreich: 76 Prozent, Wien: 68 Prozent Zustimmung).

Turnus als Sprungbrett

Vor allem in kleineren Häusern müsse ein Arzt in Ausbildung ein breites Spektrum abdecken, könne dafür aber umso mehr lernen, schildert Stephan Traintinger, der seinen Turnus eineinhalb Jahre im Krankenhaus Oberndorf bei Salzburg absolviert hat, bevor er dort eine Stelle als Assistenzarzt für Chirurgie antreten konnte. "Ich war von Anfang an in das Team eingebunden, weil man einfach auch dringend gebraucht wird", so der 28-jährige Mediziner, der in Wien studiert hat und dann nach Salzburg gewechselt ist. Traintinger findet eine praktische Grundausbildung nach dem Studium prinzipiell wichtig und verfolgt selbst vor allem einen pragmatischen Ansatz: „Wenn man in einem Haus als Turnusarzt arbeitet und die Leute erst einmal wissen, was man drauf hat, kann man sich ein Bild über die Rahmenbedingungen vor Ort machen und vielleicht die eigenen Chancen erhöhen, dort eine Assistenzarztstelle zu bekommen."

Eigenverantwortung gehöre natürlich genauso dazu, räumt Traintinger ein. Ein entscheidender Punkt ist seines Erachtens aber jedenfalls die generelle Einstellung zur Lehre und die fange ganz oben an: "Die Turnusärzte sind einfach davon abhängig, dass ihnen der zuständige Oberarzt oder die Abteilung in der sie arbeiten, auch effektiv etwas beibringen wollen - so wie das glücklicherweise bei mir war." In diesem Fall könne man massiv profitieren und dann sei es „auch nicht so schlimm, nebenbei ein paar Infusionsflaschen anzuhängen". Andernfalls könne das aber sehr ernüchternd sein.

Lehrpraxen statt leere Praxen

Was muss sich also verbessern? In seiner Funktion als Sprecher der jungen Ärzte in Ausbildung erneuert Karlheinz Kornhäusl die Forderung der Ärztekammer, attraktive und akzeptable Ausbildungsverhältnisse für den aus seiner Sicht nach wie vor durchaus motivierten Medizinernachwuchs zu schaffen. Voraussetzungen dafür seien unter anderen eine Entlastung in der Bürokratie mittels Administrationsassistenzen, eine entsprechende Work-Life-Balance zu gewährleisten sowie moderne Arbeitszeitmodelle einzuführen. "Die Turnusärzte sind kein jammernder Haufen", betont Kornhäusl, "aber gegen die überlangen Dienste, die überbordende Verwaltung und die Degradierung zu Systemerhaltern und Spritzenschanis muss dringend etwas unternommen werden, um einem chronischen selektiven Ärztemangel in Österreich vorzubeugen. "

Abgesehen von der verbesserungswürdigen Situation in den Spitälern gelte es vor allem auch bei den Lehrpraxen anzusetzen. Die Lehrpraxis wird als Teil der Ausbildung bei einem niedergelassenen Allgemeinmediziner absolviert. Zwar gibt es in Österreich derzeit theoretisch 2.129 dieser kleineren Ausbildungsstätten, in der Praxis fehle jedoch schlichtweg das Geld für die Lehre in den Ordinationen, welche Turnusärztesprecher Kornhäusl aber verpflichtend in der Ausbildung zum Allgemeinmediziner verankert sehen will. Dies sei ein Grund dafür, „dass speziell am Land viele junge  Ärzte lieber im Spital bleiben und schon jetzt einige Ordinationen nicht mehr nachbesetzt werden können". Laut Berechnungen der ÖÄK wären für die Finanzierung der Lehrpraxen rund elf Millionen Euro jährlich zusätzlich notwendig - dem gegenüber stünden derzeit rund eine Million Euro Budgetmittel des Bundes. Die Politik müsse nun endlich reagieren, schließt Kornhäusl. (Gudrun Wolfschluckner, derStandard.at, 31.8.2012)

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    Ein wichtiges Werkzeug für jeden Turnusarzt: Das Stetoskop

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