Pränataltests: Menschliches Leben achten und fördern

Gastkommentar27. August 2012, 09:07
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Über die ethischen Konsequenzen vorgeburtlicher Tests und deren positiver Befunde sollten wir intensiver nachdenken

Am 20. August 2012 verkündete die Konstanzer Biotech-Firma LifeCodexx mit einem gewissen Stolz, ab sofort sei der neue "PraenaTest" in Deutschland, Österreich, Liechtenstein und in der Schweiz verfügbar. Es handelt sich um einen nicht-invasiven molekulargenetischen Bluttest, der aus mütterlichem Blut eine Trisomie 21 des ungeborenen Kindes mit hoher Sicherheit bestimmen kann.

Entscheidungshilfe?

Damit werde - so die Firma - ab der zwölften Schwangerschaftswoche eine Ergänzung zu anderen vorgeburtlichen diagnostischen Untersuchungen sowie eine Entscheidungshilfe für oder gegen eine invasive Diagnostik (wie die Fruchtwasserpunktion) angeboten. Bei Frauen mit erhöhtem Risiko für Trisomie 21 ("Down-Syndrom") beim ungeborenen Kind könne dieser Test "die Zahl der eingriffsbedingten Fehlgeburten deutlich reduzieren und allein in Deutschland bis zu 700 Kindern das Leben retten, die jährlich durch Komplikationen bei invasiven Untersuchungen sterben" würden.

Wenn dies alles so positiv ist, warum dann die Aufregung von Behindertenorganisationen, Selbsthilfegruppen, Lebensschutzverbänden und kirchlichen Vertretern?

"Hohe" Wahrscheinlichkeit der Testergebnisse fordert Entscheidungen

Das Problem liegt darin, dass nach der Anwendung dieses Tests gemäß einer Logik der Selektion, wie sie auch sonst bei vielen pränatalen Untersuchungen wirksam ist, im Falle eines "positiven" Befunds, d.h. der Feststellung der hohen Wahrscheinlichkeit eines Kindes mit Down-Syndrom, fast zwangsläufig die vorgeburtliche Tötung des betroffenen Kindes durch Abtreibung folgt. Die angeführte Zahl möglicherweise geretteter Kinder betrifft ungeborene Kinder, denen aufgrund des nicht-positiven Ergebnisses des Tests eine invasive Untersuchung und damit das Risiko einer Fehlgeburt erspart bleiben.

Der Test als solches hat jedoch gerade das Ziel, das Vorhandensein von Trisomie-21 zuverlässig auszuschließen oder zu bestätigen. Da eine pränatale Therapiemöglichkeit für Trisomie-21 nicht gegeben ist, ist die faktische Konsequenz für die meisten positiv befundeten Kinder deren vorgeburtliche Tötung durch Abtreibung.

Enormer Druck lastet auf Frauen

Wollen wir behinderten und kranken Menschen von vornherein das Recht auf ihr Leben absprechen? Sind in unserer Gesellschaft künftig nur mehr jene erwünscht, die unseren eigenen Vorstellungen von Normalität entsprechen? Wer nimmt den Druck von schwangeren Frauen, dass sie sich im Falle eines positiven Befundes pränataler Diagnose fast zwangsläufig gegen ihr ungeborenes Kind zu entscheiden haben?

Es ist wünschenswert, wenn eine Diskussion über diese und andere Fragen in Gang kommt und die Rahmenbedingungen pränataler Diagnostik insgesamt hinterfragt werden. Auf keinen Fall darf es dazu kommen, dass im Rahmen pränataler Diagnostik ein verpflichtendes Screening nach Trägern bestimmter Krankheitsdispositionen oder unerwünschter Merkmale eingeführt wird.

Das Recht auf das Leben eines jeden Menschen gilt es bedingungslos anzuerkennen - im Sinne eines "Kultur des Lebens" und nicht einer "Zivilisation des Todes". Unser aller menschliche Zukunft setzt eben diese Garantie voraus! (Josef Spindelböck, derStandard.at, 27.8.2012)

Josef Spindelböck ist Priester der Diözese St. Pölten. Er lehrt als Ethiker und Moraltheologe an der Phil.-Theol. Hochschule St. Pölten und am International Theological Institute in Trumau. Außerdem ist er Mitglied der Niederösterreichischen Ethikkommission.

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