Chirurgie: Ein einziger Schnitt im Bauch genügt

  • Bei der minimalinvasiven OP-Technik werden die Instrumente durch einen einzigen Kanal geführt.
    foto: michael bührke/www.pixelio.de

    Bei der minimalinvasiven OP-Technik werden die Instrumente durch einen einzigen Kanal geführt.

Weniger Narben, längere OPs: Die Gallenblase lässt sich seit kurzem durch einen einzigen Schnitt im Bauchnabel entfernen

Äußern sich Gallensteine durch Schmerzen im Bauch, Völlegefühl, Übelkeit und Schweißausbrüche, kommen die meisten Patienten um eine Operation nicht herum. Heute operiert der Chirurg das standardmäßig laparo sko pisch. Dabei führt er Kamera und Instrumente über einen kleinen Schnitt im Nabel und zwei bis drei weitere im Oberbauch ein und zieht die Gallenblase über das Nabelloch heraus. Minimalinvasiv wird die Technik genannt, weil es den Patienten weniger belastet, er früher entlassen werden kann und nur wenige Zentimeter lange Narben zurückbleiben. Nun soll es noch "minimaler" werden: Seit kurzem bieten einige Chirurgen die "Single-Site-Operation" an. Dabei entfernen sie die Gallenblase durch einen einzigen Schnitt im Nabel. Auf den Nabel platzieren sie ein Kunststoffgerät, durch das sie Kamera und Instrumente gemeinsam einführen (siehe Grafik). Philippe Morel, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Chirurgie, ist begeistert: "Die Patienten haben nicht nur weniger Narben, sondern wir senken das Risiko von Blutungen, Narbenbrüchen und anderen Komplikationen." Außerdem würden sich die Kranken schneller erholen.

Schwieriger Vergleich

Das haben Studien allerdings noch nicht belegt. Chirurgen von der Magna-Graecia-Uni im italienischen Catanzaro nahmen kürzlich die bisherigen Studien mit insgesamt 3902 Patienten unter die Lupe. Sie fanden nur eine einzige randomisierte Studie, bei der nach dem Zufallsprinzip sowohl mit der neuen als auch mit der herkömmlichen Methode operiert wurde. Dies erlaubt es, die Ergebnisse direkt gegenüberzustellen. Bei den übrigen 28 Studien wurde jeweils nur eine Methode angewendet, was keinen direkten Vergleich zulässt. Bei der neuen Methode dauerte die Operation durchschnittlich 20 Minuten länger. In 4,4 Prozent der Fälle mussten doch noch Instrumente über drei weitere Löcher eingeführt werden. Bei beiden Techniken traten wenige Komplikationen auf, beim Einzelzugang etwas häufiger. Im Krankenhaus blieben die Patienten jeweils meist einen Tag. Inzwischen gibt es noch weitere randomisierte Studien, aber auch die haben nur einen kosmetischen Vorteil gezeigt.

"Der Einzelzugang macht aus der eigentlich einfachen Operation ein kompliziertes Verfahren ohne nachgewiesene Vorteile", sagt Beat Müller, Sektionsleiter Minimalinvasive Chirurgie an der Uni Heidelberg. "Der Nabelschnitt ist meist größer als bei der herkömmlichen Operation - das kann das Risiko für einen Narbenbruch erhöhen." Außerdem seien die Narben auch beim klassischen Zugang dank neuer Instrumente kaum noch sichtbar. "Und günstiger ist der allemal." Ganz gegen die Single-Site-Operation ist er aber nicht. "Bei anderen Operationen könnte der Zugang durchaus Vorteile haben, zum Beispiel wenn man einen Teil des Dickdarmes herausnehmen muss."

Fraglicher Fortschritt

Bei der Gallenblase rät auch Johannes Zacherl, Leiter der Allgemeinchirurgie am Herz-Jesu-Krankenhaus in Wien, von der Single-Site-Technik ab. "Solange nicht bewiesen ist, dass die Patienten dadurch weniger Schmerzen und weniger Komplikationen haben, halte ich es für falsch verstandenen Fortschritt, diese Methode zum Standard zu machen." Nur wenn das kosmetische Ergebnis besonders wichtig sei, etwa bei Fotomodels, könne man das überlegen. Es sollten aber nur die Chirurgen machen, die es wirklich können. "Man braucht bei laparoskopischen Eingriffen und speziell bei der Single-Site-Technik viel mehr Übung, um die Methode perfekt zu beherrschen", sagt Zacherl. Das können Chirurgen an Modellen lernen. "Leider gibt es zu wenige Möglichkeiten zum Trainieren - entweder bekommen die Ärzte dafür zu wenige Fortbildungstage, oder es ist zu teuer." Zacherl plädiert für mehr Trainings, idealerweise in Simulationszentren wie für Piloten. "Das kostet zwar, aber die Chirurgen operieren dadurch nachweislich besser", sagt Zacherl, "und davon profitiert nicht nur der Patient, sondern auch das Gesundheitssystem, weil man Folgekosten für Komplikationen spart." (Felicitas Witte, DER STANDARD, 27.8.2012)

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