Pilzvergiftung: Gesunde Erkenntnis vor dem Essen

  • Klarer Fall von nicht essbar: Grüner Knollenblätterpilz, Amanita phalloides.
    foto: apa/stefan sauer

    Klarer Fall von nicht essbar: Grüner Knollenblätterpilz, Amanita phalloides.

Unwissen über Pilze kann tödliche Folgen haben. Ein paar Regeln zur Identifizierung verhindern Erbrechen und den Anruf beim Notarzt

Spätsommer, irgendwo in Österreich: In den vergangenen Tagen hat es öfter kräftig geregnet, jetzt allerdings zeigt sich wieder die Sonne. Eine Frau und ein Mann stapfen vergnügt durch den Wald. Sie hatten Erfolg, ihr Korb ist voller Pilze. Große und kleine Schwammerln liegen darin, ein buntes Allerlei. Das wird ein schönes Essen.

Am nächsten Tag jedoch wird das Paar in einer Klinik vorstellig. Die beiden plagen schlimme Durchfälle sowie Brechattacken. Der diensthabende Notarzt schüttelt besorgt den Kopf. Er befürchtet eine gravierende Pilzvergiftung. Man nimmt Blutproben. Die Leberwerte untermauern die Erstdiagnose. Es sieht nicht gut aus.

Allen Warnungen und Informationsmaßnahmen zum Trotz vergiften sich immer wieder Menschen ungewollt mit einer Pilzmahlzeit. "Im Universitätsspital Wien sehen wir pro Jahr ein bis drei schwere, mitunter sogar tödliche Fälle", berichtet Chefarzt Wolfgang Schreiber vom Österreichischen Roten Kreuz im Gespräch mit dem STANDARD. Keine große, aber dennoch eine unnötig hohe Zahl.

Pilzvergiftungen sind fast immer eine Folge von Unwissenheit, erklärt Schreiber. "Der am meisten gefährdete Teil der Bevölkerung, das sind die Gelegenheitssammler." Sie gehen bei der richtigen Witterung wandern, stoßen dann plötzlich auf jede Menge Pilze und fühlen sich angespornt, eine Tüte voll mitzunehmen. Ohne fundierte Kenntnisse kann das ein fataler Fehler sein.

Der gefährlichste einheimische Giftpilz ist Amanita phalloides, der Grüne Knollenblätterpilz. Hierzulande sind geschätzte 90 Prozent der schweren Vergiftungsfälle auf ihn zurückzuführen. Laien verwechseln A. phalloides vor allem mit Wiesenchampignons oder Parasolen, warnt Wolfgang Schreiber. Für Experten besteht dieses Risiko kaum, denn es gibt mehrere gute Erkennungsmerkmale, wodurch sich die todbringenden Grünhüte und die nah verwandte, ebenfalls sehr giftige Spezies von essbaren Arten unterscheiden lassen. Doch im Zweifelsfall sollte man nie zugreifen.

Gefährliche Doppelgänger

Ein großes Problem können regional unterschiedliche Vorkommen sein. Manchmal wächst in einem Gebiet etwas, was andernorts dem als guter Speisepilz beliebten Schwammerl ähnlich sieht. So nannte man zum Beispiel im Norden der ehemaligen DDR den giftigen Pantherpilz (Amanita pantherina) im Volksmund auch "Sachsenpilz". Der Hintergrund: Sächsische Urlauber verwechselten A. pantherina regelmäßig mit dem in ihrer Heimat häufigen und genießbaren Perlpilz, Amanita rubescens. Sein gefährlicher Quasi-Doppelgänger enthält starke Nervengifte. Sie können eine Person in Berserker-Rage versetzen. Überliefert ist der Fall einer Familie, die nach Pantherpilz-Verzehr so aggressiv wurde, dass sie von einem ganzen Kommando Volkspolizisten gebändigt werden musste. Am wütendsten soll sich die betagte Großmutter gewehrt haben.

Schwere Vergiftungen sind zum Glück selten, aber Pilzkonsum kann auch auf andere Weise Ungemach bereiten. "Das sogenannte gastrointestinale Pilzsyndrom verursacht am allerhäufigsten Probleme", erklärt Karl Hruby, Leiter der Vergiftungsinformationszentrale Wien (VIZ). Diese Magen-Darm-Krankheit, meint der Toxikologe, wird vor allem durch bakteriell zersetzte Pilzproteine ausgelöst. Schwammerln sind schließlich leicht verderblich. Die Betroffenen leiden unter Übelkeit, Erbrechen und Durchfall. Während der Pilzsaison gehen bei der VIZ täglich bis zu 15 Anrufe solcher Patienten ein. Wegen der anfangs ähnlichen Symptome ist das meist harmlose gastrointestinale Pilzsyndrom allerdings schwer von potenziell lebensgefährlichen Vergiftungen zu unterscheiden. Man sollte deshalb unbedingt einen Arzt aufsuchen, betont Hruby. 

Auf der sicheren Seite

Die Risiken des Pilzverzehrs lassen sich relativ einfach verringern. Wer nur bestimmte, eindeutig identifizierbare Sorten sucht und eine einwandfreie Küchenhygiene betreibt, ist weitestgehend auf der sicheren Seite. Die wirklich gefährlichen Arten gehören alle zu den Lamellenpilzen. Röhrlinge oder Leistlinge wie der Pfifferling (Cantharellus cibarius) enthalten nie tödliche Gifte. "Nur Eierschwammerln und Steinpilze sammeln und ansonsten die Finger davon lassen", empfiehlt Wolfgang Schreiber dementsprechend.

Karl Hruby dagegen rät generell vom Schwammerlsuchen ab. "Es gibt wohl keine Speise auf der Welt, die so viele Probleme verursacht wie Pilze." Abgesehen davon ist ihr Nährwert gering, meint der Facharzt. "Man sollte sie im Wald den Tieren überlassen." (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, 27.8.2012)

Wissen:

Von Atemnot bis Nierenversagen

Amatoxine kommen nicht nur in Knollenblätterpilzen der Gattung Amanita vor, sie treten auch in Schirmling-Arten (Lepiota brunneoincarnata und L. josserandii) und dem Nadelholzhäubling, Galerina marginata, auf, wenn auch in geringeren Konzentrationen.

Weitere potenziell tödliche Giftpilze sind die Rauköpfe Cortinarius orellanus und C. rubellus.

Beide Spezies enthalten die hochgiftigen Orellanine, welche innerhalb von zwei bis 20 Tagen Nierenversagen auslösen können.

Der berühmte Fliegenpilz (Amanita muscaria) ist eine etwas weniger gefährliche Art. Er verfügt über ein Gemisch aus neuronal wirksamen Substanzen und verursacht unter anderem Halluzinationen. Von Experimenten zur Berauschung wird strengstens abgeraten!

Aus medizinischer Sicht hochinteressant ist das Pilzgift Coprin.

Dieser Stoff verändert sich beim Garen und stört dann im Körper den Abbau von Alkohol.

Es entsteht Acetaldehyd. Kopfschmerzen, Hautrötungen und manchmal Atemnot sind die Folgen. Mitunter kann diese Wirkung bei Alkoholgenuss auch noch Tage später eintreten.

Coprin findet sich in Tintlingen der Gattung Coprinus, aber auch im Netzstieligen Hexenröhrling (Boletus luridus).

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