Syrien: Immer mehr verlassen das sinkende Schiff

Analyse |

Als abgesprungen gemeldeter Vizepräsident Faruk al-Sharaa ist in Damaskus

Den Gerüchten, dass der syrische Vizepräsident Faruk al-Sharaa abgesprungen sei, wurde am Sonntag ein Ende bereitet, als Sharaa laut der Nachrichtenagentur AP dabei gesehen wurde, wie er vor seinem Büro in Damaskus aus seinem Auto stieg, um sich zu einem Treffen mit dem Chef des außen- und sicherheitspolitischen Ausschusses des iranischen Parlaments, Alaeddin Boroujerdi, zu begeben. Sharaa soll dabei den Journalisten aus dem Weg gegangen sein. Wie ein kräftiges Statement, dass er auf Linie sei, sah Sharaas Auftritt demnach nicht aus, aber immerhin, er ist noch in Damaskus, anders als die Free Syrian Army (FSA) vor gut einer Woche gemeldet hatte.

Wirkliche und angebliche Seitenwechsel sind ein wichtiges Propagandainstrument, um möglichst viele andere syrische Staatsdiener davon zu überzeugen, das sinkende Schiff zu verlassen. Als ab Sommer 2011 die Absprünge, zumeist von Militärs, die die Brutalität des Regimes nicht mehr mittragen wollten, langsam anliefen, hatte die syrische Opposition großes Interesse daran, die Position höher und die Bedeutung der Abgesprungenen größer darzustellen, als es der Wahrheit entspricht. Mittlerweile sind aber bereits einige wichtige Leute gegangen, deren Seitenwechsel zumindest von hoher symbolischer Bedeutung ist.

Da ist Manaf Tlass zu nennen, als General zu ersetzen - aber als Sohn von Langzeitverteidigungsminister Mustafa Tlass, der mit den Assads jahrzehntelang verbunden war, ein wichtiges Zeichen der Kontinuität für das Regime Bashar al-Assads. Mustafa Tlass spielte 2000 eine wichtige Rolle beim reibungslosen Übergang von Hafiz al-Assad auf seinen Sohn - jetzt ist die ganze Familie außerhalb Syriens. Oder Riyad Hijab, erst vor kurzem ernannter Premier: kein wichtiger Posten in einem System wie dem in Syrien, aber doch einer, der nur mit einem besetzt wird, dem man traut. Auch er ist weg - und sagte nach seinem Absprung, dass sich das Regime bereits auflöse.

Zahlen bestätigen das nicht. Ein Projekt von Google, Al-Jazeera und movements.org versucht nun in das Wirrwarr der Absprünge zumindest eine quantitative Ordnung zu bringen. Auf einer Grafik ist deutlich zu sehen, dass im Dezember 2011 sich die Kurve erstmals signifikant änderte, seit Sommer 2012 geht sie steil nach oben. Laut diesen Informationen wären bisher 26 höhere Militärs und Sicherheitsangehörige, drei Kabinettsmitglieder, vier Parlamentarier und neun Diplomaten geflohen.

Wobei jedoch einige Regimeangehörige auch tot sind: Zuletzt traf es den Geheimdienstchef der Luftwaffe, Jamil Hassan, der, so verlautete am Sonntag, in seinem Büro von einem FSA-Mitglied ermordet worden sein soll. Kann stimmen oder auch nicht. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 27.8.2012)

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23 Postings
negativ faszinierend ist

wie derartig stabil auch dir verkommensten Regime in der arab. Welt doch sind.
In jeder anderen Region der Welt wäre ein Assad schon nach wenigen Tagen vom Fenster richtiggehend weggefetzt worden, doch sein Regime sitzt trotz der gewaltigen Schicksalsschläge (hochrangige Amtsträger sind schon desertiert, international ist sein Regime geächtet etc.) noch immer fest im Sattel.
Ähnliche Erfahrungen hatten wir schon mit Libyen gemacht.
Das alles läßt auf die Demokratiefähigkeit der Araber zweifeln.

"verkommenes Regime", "arabische Welt", das klingt wie schlagwörter aus der heute.

der einzige grund warum sich DIE SYRISCHE REGIERUNG so lange hält ist weil russland und china dahinterstehen und keine westlichern barbaren in das land einfallen können.

und wenn du dich erinnerst. das ging nur schnell weil jede paar minuten bomber über das land geflogen sind und die gesamte zivilbevölkerung abgemetzelt haben.

überdenk mal dein denken. das ist zutiefst demütigend was du das äußerst

ich zweifle auch an einigem. jedoch hat dies meist mit der intelligenz von so manchem kommentar-schreiberlings zu tun.

es sei ihnen unbenommen

an der Demokratiefähigkeitder araber zu galuben.
DAnn warten sie ruhig auf Godot!

als ob der rest der welt so "demokratie-fähig" wäre.

wir im westen geilen uns ja an unserem system derartig auf, dass wir gar nicht auf den gedanken kommen würden, das es noch andere vorstellungen einer demokratie geben könnte.

"Demokratie: ein bei Wahlen immer wieder auftauchender Begriff."
Gerd Wollschon

"Syrien: Immer mehr verlassen das sinkende Schiff"

Das einzige Schiff, das hier am Sinken ist, ist das der sog. "Aktivisten". Das ist offensichtlich.

und ich find's auch einen echten Fortschritt

wenn unsere Medien sich die Argumente bei Al Jazz holen.
Damit koennen wir das Kapitel wohl abhaken, solche 'Ressortchefs' sind ja wirklich die Perle des Wissens.

Wird jetzt Al Jazeera die Kompetenz in der arabischsprachigen Welt abgesprochen? Oder ist das wieder das alte Spiel, wie voreingenommen Al Jazeera wäre? Was ja BBC und CNN so üüüberhaupt nicht sind.. jedes Mitglied der Medienlandschaft hat seine Biases. Pro-arabischer Bias? Möglich, und wäre auch nützlich, pro-westlichem und pro-israelischem Bias in einem hoffentlich ausgewogenere Gesamtbild ein wenig die Waage zu halten.

was ist denn nicht klar?

Wenn man sich die interaktive Grafik so ansieht, bekommt sieht das irgendwie mehr nach Militärputsch als nach Revolution aus.

Jö, 4 Parlamentarier sind Assad abhanden gekommen - mal beim Stronach nachfragen. Der hat sicher welche übrig :-)

liebe Frau Harrer

Auch er ist weg - und sagte nach seinem Absprung, dass sich das Regime bereits auflöse.

das ist der Sinn der Sache, die bekommen ziemlich viel Geld dafuer, damit sie den Wohnort wechseln und fuer eine Ueberbevoelkerung in Qatar sorgen und sich dann auch publizistisch verwerten lassen. Schon vergessen die ganzen Typen aus Libyen? Von denen wohnen jetzt auch ganz viele in Qatar, denn zurueck nach Libyen koennen sie nicht mehr, das wuerden sie nicht ueberleben.
Es ist richtig erfrischend zu sehen wie brav Sie den Medien dienen - 'kotz'

Zur Ehrenrettung von Frau Harrer muss ich daran erinnern, dass sie sehr schnell über Libyen nicht mehr berichtete (nicht mehr berichten durfte? - Blattlinie!)

Das Bild der abgesprungenen sagt eher aus das

das Regime noch immer recht stabil ist, das sind ein Teil der Sunniten die man in die Regierung eingebunden hat, ganz normal bei einem Bürgerkrieg mit ethnisch religiösen Hintergrund dass da einige abspringen. Weit weg von einem Zerfall und wie solen die Zerfallen die Christen und Alawiten haben keine andere Wahl als bis zum letzten Blutstropfen sich zu verteidigen.

das ist ein sinnloses Gemetzel das ewig andauern wird, siehe Libanon.

mit Geld von Saudi und Qatar läßt sich viel kaufen

Söldner, überlaufende Diplomaten und miltitärs.
Nur mit gekauften leute läßt sich kein Staat machen

Mit gekauften Leuten lässt sich kein Staat machen.

Ah, geht bei uns auch und wir bezeichnen uns als hochentwickelte Demokratie...

"Wobei jedoch einige Regimeangehörige auch tot sind: Zuletzt traf es den Geheimdienstchef der Luftwaffe, Jamil Hassan, der, so verlautete am Sonntag, in seinem Büro von einem FSA-Mitglied ermordet worden sein soll"

Wurde dementiert. Auch er soll noch am Leben sein.

Twitter-Meldung vom 20- August
"BREAKING | The high ranking military person who died in a Moscow hospital is of Jamil Hassan, Head of Air Force Intelligence Directorate."

Falschmeldungen über Falschmeldungen.,

Die Zahlen sprechen für sich, dennoch befinden sich die Desertationen (Prozentual) im eher niedrigen Bereich, wenn man einen Vergleich zu Libyen zieht.

Fakt des Tages:

Alleine im Jahr 2005 während des Irak-Krieges sind 8000 US-Amerikanische Soldaten desertiert.

Auch über tausend Briten sind desertiert
"In Großbritannien lag die Gesamtzahl der „illegal abwesenden“ Soldaten im Jahr 2001 bei 100, 2002 bei 150, 2003 bei 205 und im Jahr 2005 bei 530. Dabei dürfte die deutliche Zunahme mit der Teilnahme Großbritanniens am Irak-Krieg zusammenhängen."

Der hoechste Stand der AWOL war 4 698 SoldatenInnen.
Ihre andauernden Uebertreibungen kann man auch nur mehr als Luegen bezeichnen, nicht alles was in Wiki geschrieben wird, stimmt auch.
Wenn Sie schon Wiki benuetzen, lesen Sie auch immer die Englische, u Russische Version, und wenn Sie dann Informationen benuetzen, sagen Sie immer Wiki deutsch etc dazu!

Die Free Syrian Army ist weder frei noch syrisch

Ein Haufen bezahlter Söldner aus dem Ausland. Für deren Propaganda viel Geld aus Saudi Arabien fliesst und mit logistischer westlicher Unterstützung dem Assad Regime ein Ende bereiten.

Mag zum Teil stimmen - allerdings fließt für den Erhalt und die Bewaffnung des syrischen Regimes von jeher viel Unterstützung aus dem Iran und aus Russland. Propaganda- und Agententum ausländischer Mächte kann man dem Regime genauso vorwerfen wie der FSA. Was bleibt an Kritik an letzterer, wenn man alles wegnimmt, was man dem Regime ausgewogenerweise genauso - und oft in schlimmerem, längerem, intensiverem - Ausmass vorwerfen muss? Wahrscheinlich nur die Islamistenkarte. Zurecht, aber wie 1. nachhaltig, 2. gerecht ist ein auf massiver Gewalt gegen die eigene Bevölkerung bewahrter "Pluralismus"?

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