Der Wecker wird nun abgestellt

Kim Clijsters spielt noch einmal die US Open, dann ist mit dem Tennis Schluss. Die 29-jährige Belgierin hat eine aufregende Karriere hinter sich. Sie trat zurück, wurde Mutter, gab ein Comeback, gewann in New York. Weil es ihr verstorbener Vater wohl so wollte

New York - Kim Clijsters zögerte keine Sekunde. Auf die Frage nach dem Warum antwortete sie mit einem einzigen Wort. "Hier", sagte die einst weltbeste Tennisspielerin und klopfte sich mit der rechten Faust fest auf die linke Seite des Brustkorbs. Das Herz hat gesprochen.

Aus dem tiefsten Inneren kommt die unwiderrufliche Entscheidung der Belgierin, ihre 15-jährige Profikarriere nach den am Montag beginnenden US Open zu beenden. Dass sich Clijsters ausgerechnet New York als große Bühne für ihren Abgang ausgesucht hat, ist logisch. "Dieser Ort besitzt eine Magie für mich. Ich habe hier so viele wunderschöne Erinnerungen", sagte die 29-Jährige, die derzeit die Nummer 26 im Ranking ist. 2005 siegte sie hier zum ersten Mal.

Im Big Apple hatte "Kim Possi ble" vor drei Jahren eines der aufsehenerregendsten Comebacks der Sportgeschichte perfekt gemacht. Als Mutter und Kämpferin, die den Tod ihres Vaters Lei auf ihre Weise verarbeitete. Nach 27-monatiger Pause und ihrem ersten Rücktritt war Clijsters damals erst vier Wochen vor dem Grand-Slam-Turnier in Flushing Meadows auf die Tour zurückgekehrt. Und sie verließ NYC als erste Wildcard-Starterin, die eines der vier Major-Turniere gewann.

Süße Konkurrenz

Schon bei der Siegerehrung im größten Tennisstadion der Welt wurde deutlich sichtbar, dass die Liebe zu ihrem Sport in Person von Tochter Jada Konkurrenz bekommen hatte. Die damals Eineinhalbjährige tanzte nach Mamas Heldentat auf dem Court und testete im Blitzlichtgewitter die Stabilität des Pokals. "Es ist das schönste Gefühl, Mutter zu sein", sagte Clijsters in ihrer Siegesrede: "Das ist meine Priorität."

Clijsters, die 2010 ihren US-Open-Coup wiederholte und 2011 die Australian Open gewann, wurde auch deshalb zum Vorbild. Sie ist seitdem das beste Beispiel dafür, dass man Profisport und Familie erfolgreich unter einen Hut bringen kann. "Kim hat ein gutes Werteverständnis. Das schätze ich an ihr", sagt die Russin Maria Scharapowa über die verletzungsgeplagte Konkurrentin, die von US-Olympiasiegerin Serena Williams schlicht "Super-Mom" genannt wird.

Als erste und einzige Mutter stand die mit dem US-amerikanischen Ex-Basketballer Brian Lynch verheiratete Clijsters an der Spitze des 1978 eingeführten WTA-Rankings. Dabei hatte Clijsters, die insgesamt 25 Millionen Dollar Preisgeld kassierte und 41 Titel sammelte, im März 2007 ihre Laufbahn wegen chronischer Lustlosigkeit auf den Wanderzirkus schon beendet.

Was folgte, waren die Hochzeit und die Geburt von Jada im Fe bruar 2008. Das scheinbar perfekte Glück wurde knapp ein Jahr später erschüttert, als ihr Vater und Förderer Lei, ein ehemaliger Profifußballer, mit 52 Jahren an Krebs starb. Clijsters spürte urplötzlich den Wunsch, ihre Karriere fortzusetzen. Wohl wissend, dass der Papa über sie wacht. "Ich spüre jeden Tag seine Präsenz", sagte die aus Bilzen Stammende über Ereignisse, "die kein Zufall sein können". Oft hatte sie mit ihrem Vater über das Gefühl gesprochen, die Nummer eins zu sein. Vor ihrem Triumph in New York 2009 wachte sie nachts im Hotelbett auf und schaute auf die digitale Anzeige des Weckers. Es war elf Minuten nach eins: 1:11 Uhr.

Wenige Tage später lief es im Viertelfinale gegen Venus Williams nicht wirklich rund. Clijsters: "Ich gucke nach meinem Aufschlag sonst nie auf die Geschwindigkeitsanzeige. Aber diesmal habe ich es gemacht. Und da stand die 111. Das hat mich ungemein beruhigt." Sie gewann das Match.

Am Montag wartet im Arthur-Ashe-Stadion die erst 16-jährige Victoria Duval aus den USA als Erstrunden-Gegnerin. Vielleicht wird die um 13 Jahre Ältere dem Teenie nach dem Match erzählen, wie sie sich damals als Neueinsteigerin auf der Tour fühlte: "Es war wie in Disneyland." Zwei, drei oder vier Runden würde sie gerne überstehen. Serena Williams solle gewinnen. Roger Federer drücke sie fest die Daumen. "Obwohl er es nicht braucht. Er ist der Allergrößte, sie ist die Allergrößte. Ich durfte beide kennenlernen." Die amtierenden Champions Samantha Stosur und Novak Djokovic sind ihr selbstverständlich auch bekannt. (sid, red, DER STANDARD, 27.8.2012) 

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8 Postings

Roger Federer - Tennisgott

Naja, reden wir nach dem Finale weiter.

Makro 24/7 und meinereiner - Tenniskompott?

(C;

Ich bin auch kein Morgenmensch

Alles, was vor 10 Uhr in meiner nähreren Umgebung passiert, bleibt unbemerkt - unabhängig davon, ob ich wach bin oder schlafe. Zu Schulzeiten hat mir diese Eigenheit viele Probleme bereitet, wie ihr euch wahrscheinlich denken könnt.

großer Respekt

unglaublicher Mensch und Sportlerin!
(;))

Das hat mein Turnlehrer in unserer letzten Turnstunde auch zu mir gesagt.

Leider musste er noch im gleichen Atemzug eine mysteriöse Abwesenheitsserie meinerseits an den Freitagen (1. + 2. Stunde war Turnunterricht) bemängeln.

großer Respekt

unglaublicher Mensch und Sportlerin!

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