Anti-arabischer Extremismus kommt nicht von irgendwo

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  • Israelis demonstrieren in Tel Aviv gegen eine Arabisch-Jüdische Veranstaltung.
    foto: andreas hackl

    Israelis demonstrieren in Tel Aviv gegen eine Arabisch-Jüdische Veranstaltung.

Israel müsste in eine multikulturelle Gesellschaft investieren, anstatt rigide Trennung zu fördern

Dass eine Gruppe Jugendlicher vor kurzem einen Araber in Jerusalem bewusstlos geschlagen hat, schockierte nicht nur die arabische Minderheit in Israel, sondern hat auch einige Fragen aufgeworfen. Woher bekommen 15-jährige einen derart extremen Hass auf Angehörige einer nationalen Minderheit? "Ginge es nach mir, er hätte sterben sollen. Er ist ja nur ein Araber", sagte einer der jugendlichen Angeklagten im jüngsten Vorfall.

Dabei schien das Zusammenleben in Jerusalem am Wochenende nach der Schlägerei blendend zu laufen, als hunderte Palästinenser zum Ramadan-Fest anstatt in der überfüllten Altstadt lieber durch die Fußgängerzone in Westjerusalem spazierten. Arabisch war dabei genauso oft zu hören wie Hebräisch. Das schien niemanden zu stören. Auch anderswo ging das Leben harmonisch weiter. In einem seltenen Nebeneinander haben jüdische und palästinensische Familien in der Wiese eines Stadtparks Grillfeiern abgehalten. Und der Spielplatz im Park kochte von der wilden Feiertagsenergie arabischer und jüdischer Kinder.

Wo es normalen Kontakt gibt, scheint er auch zu funktionieren. Doch davon gibt es in Israel leider zu wenig. Die Trennung zwischen der jüdischen und arabischen Bevölkerung ist seit Staatsgründung Teil des israelischen Selbstverständnisses. Und das macht rassistisch motivierte Gewalt um einiges wahrscheinlicher. Denn Feinbilder und Vorurteile sind immer anerzogen. Bekämpft werden sie am besten durch zwischenmenschliche Erfahrung.

Getrennte Welt

Doch an einer wirklichen Integration zwischen Arabern und Juden hatte die israelische Politik in den Jahrzehnten nach der Staatsgründung wie auch heute wenig Interesse. Dass arabische und jüdische Staatsbürger bis auf wenige Ausnahmen in getrennte Schulen gehen, dürfte über die Jahrzehnte nicht zum gegenseitigen Verständnis beigetragen haben. Immerhin leben die meisten ohnehin schon in getrennten Städten oder Stadtvierteln. Während das jüdische Schulsystem stets versucht hat, die Verbindung zur israelischen Nation zu stärken, versuchte der Staat den Nationalismus bei Arabern zu unterdrücken. Als Palästinenser durften sie sich nicht sehen, aber Juden waren sie auch keine. Zur Trennung beigetragen hat über die Jahre bestimmt auch, dass Araber in Israel keinen Militärdienst leisten. Der bildet bei vielen jungen Männern und Frauen erst das zentrale Element des nationalen Zusammenhalts. Doch gleichzeitig schafft er bei vielen auch ein großes nationalistisches Ego, in dem Araber keinen Platz haben. Letztlich werden Minderheit und Mehrheit auch getrennt, weil es in Israel weiterhin keine standesamtliche Eheschließung gibt, sondern stattdessen nur die religiöse.

Die Trennung von jüdischen und nicht-jüdischen Staatsbürgern schafft indirekt auch Voraussetzungen für Vorurteile und Segregation. Das Dogma der Trennung wird dann von extremistischen Organisationen ausgenutzt und letztlich zum Rassismus missbraucht. So hat der Übergriff auf die arabischen Jugendlichen von letzter Woche - der begonnen hatte, nachdem sich ein jüdisches Mädchen bei Freunden über Belästigung durch einen Araber beschwert hatte - die rechte Gruppierung "Lehava" dazu gebracht, folgendes Flugblatt in Umlauf zu bringen: "Lieber Araber. Wir wollen nicht, dass du verletzt wirst. Unsere Töchter sind uns wichtig. So wie du nicht willst, dass Juden mit deiner Schwester ausgehen, werden wir auch nicht akzeptieren, dass Araber mit den Mädchen unserer Nation ausgehen."

Irgun Lehava setzt sich "gegen Assimilierung" ein und versucht zu verhindern, dass jüdische Frauen mit arabischen Männern Kontakt haben. "Letzte Woche dachte ein Araber, er könne ein jüdisches Mädchen finden, und wurde verletzt. Wir wollen dir nicht auch noch weh tun", heißt es im Flugblatt weiter. Lehava verbreitet auch Karten des Jerusalemer Mahane Yahuda Marktes, auf denen alle Geschäfte eingezeichnet sind, in denen Araber arbeiten. Man solle dort nicht einkaufen, sondern lieber in Geschäften shoppen, in denen nur Juden arbeiten. Die Organisation hat immerhin 1200 "likes" auf Facebook.
"Der israelische Staat toleriert keinen Rassismus, oder die Kombination von Rassismus und Gewalt", erklärte Premierminister Benjamin Netanyahu zu der jüngsten Gewalttat jüdischer Jugendlicher. Präsident Shimon Peres wurde deutlicher: "Kindern sollten Werte beigebracht werden, diese werden in Israel aber nicht genug betont. Es stimmt, dass das Land für uns alle heilig und wichtig ist. Aber Menschenleben sind nicht weniger wichtig."

Wenn sie ihre Worte über Werte und Bildung ernst meinen, kann der erste Schritt nur sein, Organisationen wie Lehava scharf zu verurteilen, und in eine multikulturelle Gesellschaft zu investieren, anstatt rigide Trennung zwischen Mehrheit und Minderheit zu fördern. Israel hat ein Interesse daran die jüdische Mehrheit im Staat am Leben zu erhalten. Doch das schließt wahre Integration nicht aus. Laut einer Studie der deutschen Friedrich-Ebert Stiftung (FES) vom letzten Jahr seien arabische Jugendliche viel überraschen stark am Zusammenleben zwischen Juden und Arabern interessiert. Das sollte als Chance, und nicht als Bedrohung gesehen werden.

Die FES-Studie hat aber auch gezeigt, wohin sich der Trend weiterbewegt, wenn nichts getan wird: rund 25 Prozent der befragten jüdisch-israelischen Jugendlichen meinten, dass der Gedanke an Araber bei ihnen "Hass" auslöst.

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