Gezeichneter Sozialismus der dummen Kerls

Kommentar der anderen24. August 2012, 18:57
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Mangels inhaltlicher Positionen kommen aus Straches Lager nicht nur abgekupferte Provokationen, die sich alter Klischees bedienen. Teil der Inszenierung ist auch das Erstaunen, wie man nur so missverstanden werden kann. Die wirklichen Probleme bleiben verschleiert

Wann ist eine Karikatur antisemitisch? Diese Frage ist gar nicht so leicht zu klären, denn die besten Witze über Juden stammen bekanntlich von Juden selbst.

So ist es auch bei Karikaturen: Der Humor fordert sein Recht ein, sich über tatsächliche oder vermeintliche Eigenheiten und Schwächen anderer lustig zu machen. Das ist freilich nicht immer und unter allen Umständen gerechtfertigt. Kontext und Subtext spielen beim Witz und bei der Karikatur die entscheidende Rolle. Die Einengung der Sichtweise durch nationalistische Ideologien zum Beispiel öffnete vor und nach dem Ersten Weltkrieg die Schleusen zu monokausalen Erklärungsmustern, in denen Witz und Humor in stupide Vorurteile und primitive Gehässigkeit umschlugen.

Dazu kamen die endlosen Probleme und die Elendserfahrung im Kontext der Nachkriegszeit, für die die antisemitischen Karikaturen eine einfache Botschaft parat hatten, mit dem Subtext "die Juden sind schuld".

Witzblätter wie der Wiener Kikeriki kannten in den 20er-Jahren nur noch diese Sprache und wurden so zu Wegbereitern der rassistischen Hetzpropaganda. In zig-tausenden Varianten wurde "der Jude" als Verursacher des Elends und aller Probleme gezeichnet, und man bediente sich - wie jeder Karikaturist - physiognomischer Merkmale, die das Stereotyp des Juden ausmachten und ihn vom "Nicht-Juden" unterscheiden sollten.

Das Klischee des reichen, dicken Juden als Bankier war eines der gängigsten Motive in diesem Panoptikum der Gehässigkeiten. " Antisemitismus ist", so ein Liebknecht zugeschriebenes Zitat, "der Sozialismus der dummen Kerls", indem er auf Fragen der sozialen Ungerechtigkeit rassistische Antworten gibt. Das war die simple Erfolgsformel der NS-Propaganda.

HC Straches auf Facebook gepostete Karikatur eines dicken jüdischen Bankiers, der von der Regierung gefüttert wird, während das magere Volk zuschaut, bedient sich dieses Musters.

Dass Strache (oder wer auch immer ihm die Zeichnung hat zukommen lassen) dabei die Vorlage eines kanadischen Karikaturisten genommen hat und diese unter klarer Verletzung des Urheberrechts noch so manipuliert hat, dass er dem Bankier die "jüdische Nase" und die Manschettenknöpfe in Form von Davidsternen verpasst, um den antisemitischen Charakter erst deutlich zu machen, kommt strafverschärfend hinzu. Man muss sich nur die Internetpostings dazu durchlesen und weiß, dass es nicht nur um die mediale Aufmerksamkeit geht, die Strache mit dem Anstreifen am rechten Rand mangels inhaltlicher Positionen wieder einmal erlangt. Es geht damit sehr wohl auch um das Anheizen eines antisemitischen Klimas im Kontext einer Finanzkrise, die ja gerade von dem Lager mitverursacht wurde, dem Strache selbst entstammt.

Die Hypo Alpe Adria etwa, die den Steuerzahler Milliarden gekostet hat und wohl noch weitere kosten wird, ist ein Bankenskandal, der sich im Wesentlichen dem Kärntner Biotop der Freiheitlichen verdankt. Um von dieser Mitverantwortung abzulenken, will Strache seine Anhänger für dumm verkaufen, indem er ihnen das plumpe Erklärungsmuster des jüdischen Bankiers andient. Aber vielleicht ist Strache ja auch selbst der "dumme Kerl", den er uns gerade vorspielt, indem er von alldem gar nichts weiß. (Severin Heinisch, DER STANDARD, 25.8.2012)

Severin Heinisch (52) war von 2000 bis 2005 künstlerischer Leiter des Karikaturmuseums Krems und arbeitet als Unternehmer und Autor in Wien.

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    "Bleib mir hübsch brav, lieber Michel, etwas lassen wir dir schon noch übrig": antisemitische Karikatur aus dem "Deutschen Witzblatt", 1921.

  • Immer eine Frage des Kontexts, meint Severin Heinisch.
    foto: standard/privat

    Immer eine Frage des Kontexts, meint Severin Heinisch.

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