Auf dem Balkan wie im Backofen

Seit zwei Monaten herrscht auf dem Balkan eine extreme Hitzewelle, die für die Landwirtschaft verheerende Ernteeinbußen bringt. Die Gesundheitsbehörden warnen davor, auf die Straße zu gehen

"Pffft". Mit einem zarten "Pffft" wird man einmal in der Minute mit einer Brise Wasser bespritzt, die ähnlich erlösend wirkt wie die Eiswürfel, die sich mancher zwischen die Zehen steckt. In Bukarest haben viele Straßencafés Sprühanlagen. Besprüht wird man auch auf manchen Gehsteigen, wo so etwas wie Duschen aufgestellt wurden, unter denen man durchgehen kann. In Belgrad versorgen riesige Tanklaster die Bürger mit Wasser. Das kroatische Gesundheitsministerium rät dazu, sich öfter am Tag zu duschen.

Auf dem Balkan dauert die Hitzewelle nun schon seit Wochen an, in den vergangenen Tagen galt alles unter 35 Grad als erholsam. Seit vierzig Jahren soll es hier nicht mehr eine so lange, trockene und heiße Periode gegeben haben. Die Gesundheitsbehörden warnen davor, zwischen elf am Vormittag und vier am Nachmittag überhaupt nach draußen zu gehen. Wer sich nicht unter den Häuserschatten vor der Sonne wegduckt, versteckt sich auch schon mal unter einem Regenschirm, um der UV-Strahlung zu trotzen, oder flüchtet in ein klimatisiertes Einkaufszentrum. Selbst im höher gelegenen und kühleren Sarajevo sprechen die Leute von einem Gefühl wie im "Dampfgartopf" oder "Balkan-Backofen".

An die Alarmstufen Orange und Rot der meteorologischen Instituten hat man sich bereits gewöhnt. In Bosnien-Herzegowina sprach man am Freitag von "lebensgefährlicher" Hitze. Tatsächlich gab es bereits im Juli in Kroatien einige Hitzetote, vier Menschen starben in Mazedonien.

In Mazedonien hat Arbeitsminister Spiro Ristovski bereits im Juli verkündet, dass man keine Firmen tolerieren werde, die Bauarbeiter der extremen Sonne aussetzen. Beamte sollen nur zwischen sieben und 15 Uhr arbeiten.

Die Trockenheit hat nicht nur zahlreiche Waldbrände mit sich gebracht, die hunderte Hektar Wald vernichteten. Auch Mais-striezel sind an den Spitzen braunverbrannt, Gemüse und Weizen verdorren. Serbien, das viel Getreide exportiert, wird laut dem Landwirtschaftsministerium nur halb so viel produzieren können wie im Vorjahr. Der Schaden geht in die hunderte Millionen Euro.

70 Prozent Ernteverlust

In Bosnien-Herzegowina, wo 20 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft arbeiten, rechnet man mit bis zu 70 Prozent Ernteverlust und daraus folgender Armut. Es gibt viel zu wenige Bewässerungsanlagen. Dies ist auch eine Folge des Zusammenbruchs der landwirtschaftlichen Infrastruktur nach dem Zerfall Jugoslawiens. In Rumänien ist die Situation ähnlich. "Sogar unter Ceausescu hat das besser funktioniert", sagt der Ökonom Daniel Daianu.

Durch die Trockenheit mangelt es aber auch einfach an Wasser. Manche Flüsse sind ausgetrocknet, Wasserkraftwerke mussten zurückgeschaltet werden. Selbst eine der Lieblingsbeschäftigungen der Männer, das Autowaschen, wurde eingeschränkt.

"Wer sich vor der Sonne versteckt, den soll es gar nicht geben", lautet ein Sprichwort auf dem Balkan, das zur Tapferkeit aufruft. In diesen Tagen ist es nicht zu hören. "Das hat es früher in Zagreb nicht gegeben, die Sahara ist zu uns gekommen", sagt stattdessen die 69-jährige Vanja P., die ihre Locken zurechtzupft. "Der einzige Ort, wo man es heutzutage aushalten kann, ist im Biergarten."(Adelheid Wölfl, DER STANDARD, 25./26.8.2012)

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