Denkmal Armstrong ist gestürzt

  • "Ich weiß, wer siebenmal die Tour gewonnen hat, meine Teamkollegen und 
alle, gegen die ich gefahren bin, wissen, wer die Tour siebenmal 
gewonnen hat", sagt Lance Armstrong.
    foto: apa/dpad/breloer

    "Ich weiß, wer siebenmal die Tour gewonnen hat, meine Teamkollegen und alle, gegen die ich gefahren bin, wissen, wer die Tour siebenmal gewonnen hat", sagt Lance Armstrong.

US-Anti-Doping Agentur sprach lebenslange Sperre aus und will aberkennung aller Ergebnisse seit 1998 - Sky-Direktor Steven de Jongh: Nach Armstrong-Streichung werden Tour-Siegerlisten auch nicht glaubwürdiger

Washington D.C. -  Kurz vor einem möglichen öffentlichen Verfahren verabschiedete sich Lance Armstrong in die Rolle des zu Unrecht Verfolgten und gab den Kampf gegen die immer wiederkehrenden Dopinganschuldigungen auf. "Es kommt ein Punkt im Leben jedes Menschen, an dem er sagen muss: 'Es reicht.' Für mich ist dieser Punkt jetzt gekommen", erklärte der 40-Jährige in einem ausführlichen schriftlichen Statement.

Daraufhin sperrte die US-Anti-Doping-Agentur USADA den ehemaligen Rad-Star lebenslang. Alle Ergebnisse seit dem 1. August 1998 sollen gestrichen werden, damit auch seine sieben Siege bei der Tour de France von 1999 bis 2005. Allerdings kann nur der Radsport-Weltverband UCI dem Amerikaner die Titel aberkennen. 

WADA-Chef: "Dopingbetrüger"

In der Radsport- und der Anti-Doping-Szene rief die Erklärung unterschiedliche Reaktionen hervor. Der Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA), Jahn Fahey, nannte Armstrong einen "Dopingbetrüger". Dessen Erfolge seien nichts mehr wert, betonte Fahey und verlangte weitere Schritte. "Wenn die Beweise auf einer Karriere gründen, die sieben Tour-de-France-Siege beinhaltet, wird all dies ausgelöscht."

Wenn Armstrong nun aus den Siegerlisten gestrichen würde, "werden sie auch nicht glaubwürdiger", meinte Ex-Radprofi Steven de Jongh, mittlerweile Direktor des britischen Teams Sky um Tour-Sieger und Zeitfahr-Olympiasieger Bradley Wiggins. Noch drastischer formulierte es angesichts der im Radsport scheinbar nie endenden Negativ-Schlagzeilen der deutsche Anti-Doping-Experte Fritz Sörgel. "Das wäre lächerlich. Die Top Ten dürften alle gedopt gewesen sein", gab der Professor zu Protokoll. Sein Vorschlag: "Ist doch nichts dabei, in den Annalen zu schreiben: 'Kein Sieger'."

Kein Geständnis

Hat Armstrong gedopt oder hat er nicht? Diese alles entscheidende Frage bleibt auch nach seinem Statement vom Donnerstag ungeklärt. Ein Dopinggeständnis legte er nicht ab. Ganz im Gegenteil: "Ich weiß, wer siebenmal die Tour gewonnen hat, meine Teamkollegen und alle, gegen die ich gefahren bin, wissen, wer die Tour siebenmal gewonnen hat", betonte der Texaner. "Es gab keine Abkürzungen, es gab keine speziellen Behandlungen. Dieselben Strecken, dieselben Regeln."

Mit dem Fall der einstigen Galionsfigur kommt der gesamte Profiradsport ins Wanken und der Dachverband UCI wieder in den Fokus. Der Radweltverband stärkte dem Texaner seit Jahren den Rücken. In den USADA-Anklagepunkten gegen Armstrong finden sich auch klare Verweise auf die UCI. Deren Präsident Pat McQuaid hat noch in London vehement gefordert, den Fall in seine Obhut zu bekommen und eigene Verstrickungen abgestritten. Unter McQuaid-Vorgänger Hein Verbruggen war die UCI sogar unter Verdacht geraten, eine positive Doping-Analyse Armstrongs aus der Tour de Suisse 2001 nicht veröffentlicht zu haben.

Mysteriöse Spenden

Danach erfolgten mysteriöse Spenden von Armstrong an die UCI in Gesamthöhe von 125.000 US-Dollar (99.944 Euro). Den Grund für die noble Gabe konnte die UCI bis heute nicht schlüssig erklären. Darüber hinaus blieb der Weltverband untätig, als Armstrong 2005 in nachträglichen Analysen EPO-Gebrauch bei seinem ersten Toursieg 1999 nachgewiesen worden war. "Die UCI hat positive Analysen niemals zurückgehalten", verteidigte sich McQuaid zuletzt bei den Olympischen Spielen in London. Nun will der Dachverband erstmal die Erklärung der USADA bekommen, solange werde es keinen Kommentar geben.

Armstrongs Gegenspieler ließ sich indes nicht lange bitten. "Das ist ein trauriger Tag für alle von uns, die den Sport und unsere Athleten-Helden lieben", teilte Travis Tygart in einem Schreiben der USADA in einer ersten Reaktion mit. Der USADA-Chef legte auch noch einmal nach: "Das ist ein Herzen brechendes Beispiel, wie diese Gewinnen-um-jeden-Preis-Kultur im Sport, wenn sie nicht mehr kontrolliert wird, von fairem, sicherem und ehrlichem Wettkampf Besitz ergreift."

Drohender Imageverlust

Armstrong konterte. An seinen Tour-Erfolgen könne sowieso niemand etwas ändern. "Schon gar nicht Travis Tygart", hatte er betont. Am meisten dürfte den Ex-Profi, der auch schon Ambitionen hatte, in die Politik zu wechseln, der immense Imageverlust zu schaffen machen. Was bliebe, wäre nicht mehr der erfolgreichste Tour-Teilnehmer aller Zeiten, ein geheilter Krebspatient mit einer ebenso unglaublichen wie filmreifen Erfolgsstory. Was bliebe, wäre die Hauptrolle im größtmöglichen Skandal des Radsports.

Die USADA hatte ihm keine Wahl gelassen: Entweder akzeptiert er die Anklage oder er stellt sich einem Prozess. Das wollte Armstrong auf keinen Fall, obwohl ihm Öffentlichkeit in dieser Causa weiter sicher ist. Denn sein mitangeklagter ehemaliger Teamchef und Mentor Johan Bruyneel hatte den USADA-Vorwürfen widersprochen. In der bevorstehenden Verhandlung gegen ihn wird es sich die US-Behörde nicht nehmen lassen, Armstrong selbstverständlich als Zeugen zu berufen.

Anschuldigungen ehemaliger Teamkollegen

Sein Denkmal bröckelte schon seit langem. Bereits im Juli 2004 erhoben zwei Journalisten schwere Dopingvorwürfe. Armstrongs einstige Teamkollegen und Edelhelfer Floyd Landis und Tyler Hamilton, beide wegen Dopings gesperrt, schlossen sich den Anschuldigungen 2010 und 2011 an. "Ich sah EPO in seinem Kühlschrank. Ich sah mehr als einmal, wie er es sich gespritzt hat", sagte Hamilton dem TV-Sender CBS.

Die Doping-Jäger werfen Armstrong jahrelanges Doping und Handel mit illegalen Substanzen vor. Er soll Teil einer regelrechten "Doping-Verschwörung" gewesen sein. Armstrong jedenfalls erklärte seinen Schritt damit, dass das gesamte Verfahren einen "zu hohen Preis" von ihm und seiner Familie gefordert habe. Wenn er eine Möglichkeit gesehen hätte, in einer fairen Umgebung die Vorwürfe widerlegen zu können, hätte er die Chance wahrgenommen: "Aber ich weigere mich, in einem einseitigen und unfairen Prozess mitzumachen." (APA/red; 24.8.2012)

Share if you care
Posting 1 bis 25 von 254
1 2 3 4 5 6

Ich finde es betrüblich mit welchen Mitteln sich die Sportjustiz in Szene setzt. Aber was man von den NADAs - und auch die USADA ist ein solche - halten kann steht eh im Namen ;-)

Der Kampf gegen Doping ist keiner der den Namen verdient - und ohne Doping bist Du nicht vorne dabei. Jetzt einzelne herauszugreifen und möglichst spektakulär aufzuhängen (und dann den nächsten zum Sieger zu erklären, der genauso gehandelt hat) hat mit einem fairen System und Gerichtsbarkeit wenig zu tun ...

Ist aber lustig.

Den Armstrong mag eh keiner. Jetzt ist er eben ein Dopingverbrecher...wie der Kohl Bubi.

Sportler sind doch eh nur zur Unterhaltung und Belustigung da. Die sind halt die Gladiatoren unserer Zeit.

Ich habe mir immer gedacht, dass solche Leistungen nicht ohne unerlaubte Mittel möglich sind. Ich meine, der spielt stundenlang Trompete, während ich selbst nicht einmal einen Ton aus dem Ding bekomme. Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen.

Eine jahrelange Farce ...

... es muss doch mittlerweile jedem, der die zahlreichen alljährlichen Doping-Überführungen mitverfolgt, klar sein, dass da im vorderen Klassement schon seit Jahrzehnten kein sauberer Fahrer mehr sein KANN. War doch immer nur eine frage von Räuber und Gendarm ... Und jetzt soll er plötzlich der Böse sein? Nur weil es annähernd amtlich ist?
Perverse Öffentlichkeit, der man alles vormachen kann ...

Toursieger

Ich glaube nicht das es viele Toursieger gibt die nur mit Spaghetti gewonnen haben. Er wurde nie erwischt und bleibt einer der Größten.

Jetzt haben sie ihn doch erwischt und er ist ein Dopingverlierer.

Ganz im Gegenteil

Sie haben ihn eben nicht erwischt, sondern sie sperren ihn, weil er nach acht Jahren, in denen er sich ständig gegen unbewiesene Vorwürfe verteidigen musste, nicht mehr bereit ist, sich von scheinheiligen Moralaposteln anschütten zu lassen

Und der Papst ist nicht katholisch.

das kommt drauf an wie man "katholisch" definiert

Gibt's im Fußball regelmäßige Doping-Tests?

Siehe U17-WM 2011

19 von 24 teilnehmenden Teams wurden erwischt.
Genau 109 von 208 Spielern. Soviel zum Fußball.

Ja gibts. Das grössere Problem dürften Schmerzmittel sein. Doping dagegen ist im Fussball eher risikoreicher , weil Fussballer stehen so im Fokus und sind medizinisch so durchgeprüft, da würden Leistungssteigerungen auffallen.

Die Frage ist nur, ab wann gedopt wird. Wenn das rechtzeitig beginnt fällt keine Leistungssteigerung auf ...

"würden Leistungssteigerungen auffallen"

ganz besonders in Ö, :-)

in der zivilisierten welt gab es verjaehrungsfristen, damals, vor hundert oder so jahren, damals, bevor moralisierende gut und bessermenschen die ordnung der dinge festgelegt haben.

genetische veranlagung und doping, der chinesische Goldregen 2008

http://www.sueddeutsche.de/sport/dop... b-1.200753

Golden Shower and the tower of Power!

...so wie die Kontrollen uns Strafen jetzt gehandhabt werden...

...schadet das dem Sport enorm. Aus meiner Sicht gibt es 2 Möglichkeiten:

a) Kontrolle nach dem neuesten Stand der Technik, danach Vernichtung der Proben, keine Nachtests und damit Eingeständnis, dass jene die zu diesem Zeitpunkt nicht erwischt wurden, clean waren oder geschickter als die anderen

b) Bei einmaligem Vergehen (auch wenn Jahre später nachgetestet) sofortige lebenslange Sperre, Aberkennung sämtlicher Ergebnisse (egal ob die Tests damals positiv oder negativ waren), Rückforderung sämtlicher Preisgelder plus zusätzliche Schadensersatzforderungen

Dieses "wasch mich, aber mach mich nicht nass" hat dem Radsport etwa umgebracht, ich schau jedenfalls nicht mehr zu, man weiss sowieso nicht mehr mehr gewonnen hat, daher langweilig.

Geh bitte. Dem Zuschauer ist das doch egal. Dem Sport hat es nicht geschadet, es wird immer noch Rad gefahren.
Ob sich die Leute das im TV anschauen ist auch egal.
Radfahren macht immer noch genau so viel Spaß.

Ohne Doping geht gar nix

Ich kenne einen Radsportler, der ausgestiegen ist, weil ohne Doping im Radsport nichts mehr gegangen ist. Das hat sich seither wohl sicher nicht zum Besseren verändert.

Insoferne ist das ganze wohl eine große Heuchelei.

Wäre ohnehin interessant, wie Sport ohne Doping aussehen würde

Leistung noch immer unglaublich, aber um ein Eitzerl schlechter. Radfahrer, die sich mit letzter Kraft auf den Berg schleppen. Warten auf den ersten Mann, der die 100 Meter unter zehn Sekunden läuft. Fußballer, die in der 70. Minute nicht mehr sprinten können. Ich glaube, die Wettkämpfe würden interessanter werden und die Spannung bliebe gleich.

Zu spät

Das Geld hat er schon auf seinem Konto, die Karriere ist schon beendet insofern wird er es verkraften.
Ich dachte immer, dass er vielleicht eine Aunsahmegenehmigung für irgendwelche Medikamente Aufgrund seiner Krankheit hatte.

goodbye lance anabolstrong

oder sollte man sagen längst legweak!

viel zu spät

prinzipiell ist es ja in ordnung, daß doping bestraft wird und auch armstrong noch drankommt. es wäre doch ungerecht, wenn ullrich, basso, pantani usw. alle abgestraft wurden und nur er aufgrund von packelei mit der UCI davonkommt.

aber wem soll es jetzt noch etwas bringen, ihn aus den siegerlisten zu streichen? in der EPO-zeit waren wohl alle klassement-fahrer gedopt.

schade ist nur, daß jetzt wieder auf den radsport hingehauen wird, während bei anderen sportarten kaum kontrolliert und auch nicht groß berichtet wird, wenn doch mal wer erwischt wird.

und alle träumer und populisten: es gibt keine alternative zu dopingkontrollen, auch wenn sie nicht perfekt sind. sonst gibt es eben tote, und außerdem hatten wir das ja schon.

... die epo-zeit war bei den siegen von l.a. schon so ziemlich vorbei. da war grad eigenblutdoping u.ä. grad hoch im kurs. epo war da schon zu leicht nachweisbar.

Posting 1 bis 25 von 254
1 2 3 4 5 6

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.