"Wollen nicht wie Tiere behandelt werden"

Reportage | Martina Schwikowski aus Marikana
26. August 2012, 12:00

44 Menschen starben bei blutigen Unruhen nahe dem bestreikten Bergwerk Marikana in Südafrika. Wer sind die Arbeiter, die für einen Hungerlohn schuften?

Dumpfer Gesang hallt über das weite, trockene Feld. Bewohner der Wellblechhütten des Nkaneng Townships bei Marikana pilgern unter einem Meer von bunten Regenschirmen zur Gedächtnisfeier für ihre toten Nachbarn: Die Hitze ist erbarmungslos. Ausgetrocknete gelbe Grasnarben sind mit Plastikmüll übersät. Ziegen fressen den verstreuten Hausmüll der verarmten Gemeinde.

Am Horizont steigt Rauch aus dem Schornstein des Lonmin-Bergwerks, weltweit drittgrößter Produzent von Platin. Felsen türmen sich unweit des weißen Trauerzeltes auf. Dort starben vergangenen Woche 44 Menschen in blutigen Auseinandersetzungen mit der Polizei. Das Trauma über das tragische Ende eines illegalen Streiks der Bergwerkkumpels von Lonmin sitzt tief.

In Schwarz gekleidete Frauen legen Blumen am Fuß des Hügels nieder. Von Trauer überwältigt, sinken sie weinend zusammen. Im Zelt spenden traditionelle Heiler, Kirchenführer und Regierungspolitiker Trost. Nosisa Qwasheles Augen füllen sich mit Tränen. "Alles ist so schmerzlich", sagt die junge Frau.

Ihr Mann war mit den 3000 Kumpels zum Hügel gezogen. Er ist Maschinist, und die Familie hat mit rund 4000 Rand (ca. 400 Euro) drei Kinder zu ernähren. Sie sah, was am vergangenen Donnerstag am Hügel passierte: "Die Polizei schoss auf die Bergleute, und die Männer rannten davon, verfolgt von Hubschraubern. Sie kreisten über unseren Hütten - es war furchtbar." Ihr Mann sitze noch im Schock zu Hause. Südafrika reagiert erschüttert. Denn die brutale Gewalt, mit dem die Polizei gegen die streikenden Arbeiter des Bergwerks vorging, weckt traurige Erinnerungen an die Zeit der Anti-Apartheidkämpfe. Damals hingegen schossen Polizeieinheiten des weißen, unterdrückerischen Regimes auf schwarze Aufständler in den Townships.

Die meisten Arbeiter in Marikana stammen aus der ärmsten Region Südafrikas, dem Ostkap. Sie arbeiten in den Minen tief unter Tage, bohren in engen Tunnels mit einem Meter Durchmesser liegend das Gestein auf. Aber sie verdienen das wenigste Geld, es reicht oft nicht für ein menschenwürdiges Dasein.

Besseres Leben und keine Gewalt

"Wir wollen ein besseres Leben, keine Gewalt", sagt Bethuel Mahleke. Der 35-Jährige arbeitet seit vielen Jahren bei der benachbarten Impala-Platin-Mine als Gesteinsbohrer. Seit dem Streik bei Impala, der bereits im Februar begonnen hat, verdient er 5000 statt 4000 Rand. "Es reicht nicht. Ich habe vier Kinder. Wir werden wieder streiken müssen."

Die sozialen Bedingungen der armen Schichten in Südafrika haben sich unter der schwarzen, demokratischen Regierung nicht verändert und bieten immer häufiger Potenzial für gewaltsame Konflikte. In Marikana agieren zwei Gewerkschaften, die sich gegenseitig Mitglieder abringen.

Die vom Lonmin-Werk anerkannte Gewerkschaft NUM bildet als Mitglied im Gewerkschaftsbund Südafrikas eine Allianz mit der Regierungspartei. Gegenüber steht die neue, unabhängige AMCU. Sie findet starken Zulauf bei den Bergleuten, denn sie fühlen sich bei AMCU besser repräsentiert.

"Wir Arbeiter sind nicht gegeneinander", sagt Phantu Phiri. Der 49-jährige Bergmann arbeitet bei Lonmin und ist wie viele Kumpels frustriert. "Das Problem begann, als die Gewerkschaft NUM unsere Forderungen von 12.500 Rand Lohn pro Monat nicht anhörte. Und das Lonmin-Management spricht nicht mit uns." Aber AMCU hat sich den Sorgen angenommen, und der illegale Streik hat begonnen. Phiri saß auch mit seinen Kollegen vergangenen Donnerstag auf dem Hügel, bewaffnet mit einem langen Holzstock. Er meint, die Bergleute hätten nicht auf die angerückten Polizisten geschossen. "Die Polizei eröffnete das Feuer, und ich sah neben mir Körper fallen. Wir rannten, aber sie schossen den Menschen in den Rücken." Die Trauerfeier sei unnütz, schüttelt er den Kopf. Präsident Jacob Zuma soll abdanken.

Zuma hat die Untersuchung der Ereignisse in Marikana eröffnet. "Sie wird die Wahrheit ans Licht bringen", sagt Collins Chabane, Minister im Präsidentenbüro. Er steht zwischen den schwarzen Luxuswagen der Politiker beim Zelt: "Das Geschehene ist eine große Lehre für uns. Aber wenn das Gesetz beachtet worden wäre, hätte das Drama verhindert werden können." Viele verärgerte Bergmänner wollen nun 2014 nicht zur Präsidentschaftswahl gehen, sagen sie. "Es ist ein Heilungsprozess", meint der Minister dazu. Die Regierung arbeite daran, das negative Image Südafrikas zu überwinden. Und Lonmin müsse mit den Arbeitern einen Kompromiss finden. Das gehe nur im Dialog, nicht mit Waffen.

Im Zelt unterbrechen AMCU-Anhänger in grünen T-Shirts mit schwarzer Trauerschleife die Reden der Politiker und fordern mehr Lohn. "Wir wollen nicht wie Tiere behandelt werden, sondern wie menschliche Wesen." Die unerwünschten Minister verlassen stumm das Zelt. (Martina Schwikowski, DER STANDARD; 25./26.8.2012)

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der postermob ist entgeistert!

afrikanische arbeiter, die nicht bereit sind, die kosten der krise des kapitals zu übernehmen. und dann auch noch ungehorsame arbeiter, die sich nicht einfach dem kapital unterordnen, die illegal (!!!) streiken (!!!!!) und unabhängige gewerkschaften bevorzugen als sich von vereinen verarschen zu lassen, die vom unternehmen dafür bezahlt werden, die arbeiter ruhigzustellen. da gerät der sozialpartnerschaftsgeschädigte mob in wallung, schieres entsetzen breitet sich aus und man empfindet grosses verständnis für die polizisten, die einfach das feuer auf streikende arbeiter eröffnen.

Mehr noch, es wird insinuiert, dass die 400€/M. vergleichsweise hohen Lohn bedeuten, s.u.

Dem "gemeinen" Österreicher scheint es wirklich viel zu gut zu gehen, sonst würde er nicht so bereitwillig aufs Eis tanzen gehen.

die hitze is nicht erbarmungslos

es waren nur 35 grad im schatten

Hungerlohn?

Ich kenn das Land, und mir erscheinen 4000 Rand nicht als Hungerlohn! Weis Fr. Schwi. überhaupt, wovon sie spricht? Durchschnittsgehalt in diesen Ländern beträgt 2000 Rand!

In der EU gibt es auch Schwerarbeiter die für weniger als €400 p.M arbeiten

Kapitalistischer Normalvollzug, der im Zuge der zunehmend autoritären Krisenverwaltung immer mehr in unseren bisher elitisierten Breitengraden Einzug halten wird. Und der Staat als Vollzieher des Wollens der wirtschaftlichen Verhältnisse, dafür ist er vorgesehen, wie sich auch Funktionärsgewerkschaften für diesen Zweck hergeben. Die Verhältnisse dienen aber nicht den Menschen, deren Bedürfnissen und deren Überleben (bzw schon gar nicht deren 'guten Leben'), sondern einzig dem Zweck aus-Geld-mehr-Geld-machen, der Verwertung von Menschen und Natur.

traurig

Ist auch dass wir in europa auch nicht anders sind, eine duenne schicht wohlstand verhindert viel, aber es gibt viele loecher die immer groesser werden.
Ist der wohlstand mal weg ists ein kurzer weg bis zu solchen zustaenden und man kann richtig fuehlen was gier angst und ausweglosigkeit machen.

Und dem herrn kritiker sei gesagt dass kinder auch hier arm machen koennen - und weniger kinder machen aber auch kein land reich sondern tot.

Schuld sind immer die Anderen!

Merken die Leute nicht dass Sie selbst an Ihrer Misere Schuld sind. Wie kann man 4 Kinder in die Welt setzen, wenn man genau weiß dass man nicht genug Geld hat um diese zu Ernähren ?

Kinder sind dort eine Altersabsicherung,die einen im hohen Alter versorgen.Nicht überall in der Welt ist man Sozial abgesichert.
Würden sie wissen,wenn sie ihren eng gesteckten horizont erweitern würden.

Die Industrienationen

wollen billige Rohstoffe, weil der Konsument für PC, Handy usw. nicht zu viel ausgeben möchte. Darum müssen die Kosten gedrückt werden. Und wo kann man am besten sparen? Bei den Löhnen.

Ist bei uns auch nicht viel anders, nur wird in Europa wenigstens keiner erschossen, wenn er mehr Geld haben möchte....°°

Naja wenn Du mit Macheten auf der Demo erscheinst und auf die Polizisten damit losgehts, dann wär ich mir da nicht mehr so sicher !

Bei den Arbeitsbedingungen, die sort herrschen, ist die Verzweiflung natürlich übergroß. Aber du hast recht, Macheten sind abzulehnen.

Butterlohn?

Die Leute arbeiten entweder für ein Butterbrot oder für einen Hungerlohn. Schlimm genug.

der artikel tauht auch nicht nur hier auf:
http://bit.ly/RcWB9 4

Pervers

Es werden Menschen erschossen und ihr diskutiert über Butter und Brot. Ich frage mich was dass für ein Konzern ist, die so Mächtig ist und über die Staatsgewalt verfügt.
Es ist auch zu hinterfragen ob Europäische Banken an diesem Konzern Beteiligungen haben, und was machen unsere Politiker in solchen Situationen. Werden die Regierungen mit Waffennachschub beliefert, oder mit Gewerkschaftsfeindlichen Ideologen?

was soll die phrasendrescherei? Sie würden sicher in aller Ruhe mit einer Einladung zum teekränzchen reagieren, wenn ein derartiger gewalttätiger mob mit allem möglichen bewaffnet auf Sie zustürmt. Nicht? Insbesonders, wenn Ihnen bewusst ist, dass zuvor von schon kollegen von den arbeitern umgebracht worden sind...

wenn sich die beiden gewerkschaften gegenseitig die schädel einhauen,kann der konzern halt auch relativ wenig dafür...

ich möcht auch gar nicht den konzern verteidigen-aber man sollte sich in der konkreten sache schon auch anschauen,wie es dort zur gewalt gekommen ist und sich vielleicht auch noch mal den faz artikel durchlesen der hier verlinkt worden ist,um etwas besser zu verstehen,warum es in südafrika immer wieder zu solchen gewaltexzessen kommt

wenn

man sich in der konkreten sache schon auch anschauen soll, wie es dort zur gewalt gekommen ist, warum soll man dann ausgerechnet auf die propaganda der faz zurückgreifen?

so gut wie alle medienberichte bestätigen,daß es vor dem polizeieinsatz zu gewalttätigen auseinenandersettzungen zwischen den beiden gewerkschaften gekommen ist bei denen es tote gegeben hat...

du schlaumeier...

was wenn der konzern mit einem der gewerkschaften gemeinsame sache macht...denk mal nach...aber solche szenarien haltet ihr ja nicht für möglich...aber es findet statt...

Richtig!- Braucht man nur nach Tirol zur Tyrolean schauen ...

selbst wenn der konzern das tut was sie sagen,kann mord und totschlag wohl nicht die zivilisierte reaktion darauf sein,oder ?

wer behauptet das africa zivilisiert ist...lol

mach mal ne tour...in den game lodges bist noch am sichersten...

falsche spur

Der sehr gute Artikel in der FAZ klaert etwas auf.
Siehe kampf verschiedener Gewerkschaften um gute Posten, Korrupter EX ANC Politiker versucht sich zu profilieren, masslos gewalttaetige Grundeinstellung (wir bringen die Streikbrecher dann einfach um)

Ein verweis aufs reiche Europa greift zu kurz, (oder zu lang) und Waffenlieferungen in dem Zusammenhang sind leicht laecherlich.

"butterlohn"?

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