"Wollen nicht wie Tiere behandelt werden"

Reportage |

44 Menschen starben bei blutigen Unruhen nahe dem bestreikten Bergwerk Marikana in Südafrika. Wer sind die Arbeiter, die für einen Hungerlohn schuften?

Dumpfer Gesang hallt über das weite, trockene Feld. Bewohner der Wellblechhütten des Nkaneng Townships bei Marikana pilgern unter einem Meer von bunten Regenschirmen zur Gedächtnisfeier für ihre toten Nachbarn: Die Hitze ist erbarmungslos. Ausgetrocknete gelbe Grasnarben sind mit Plastikmüll übersät. Ziegen fressen den verstreuten Hausmüll der verarmten Gemeinde.

Am Horizont steigt Rauch aus dem Schornstein des Lonmin-Bergwerks, weltweit drittgrößter Produzent von Platin. Felsen türmen sich unweit des weißen Trauerzeltes auf. Dort starben vergangenen Woche 44 Menschen in blutigen Auseinandersetzungen mit der Polizei. Das Trauma über das tragische Ende eines illegalen Streiks der Bergwerkkumpels von Lonmin sitzt tief.

In Schwarz gekleidete Frauen legen Blumen am Fuß des Hügels nieder. Von Trauer überwältigt, sinken sie weinend zusammen. Im Zelt spenden traditionelle Heiler, Kirchenführer und Regierungspolitiker Trost. Nosisa Qwasheles Augen füllen sich mit Tränen. "Alles ist so schmerzlich", sagt die junge Frau.

Ihr Mann war mit den 3000 Kumpels zum Hügel gezogen. Er ist Maschinist, und die Familie hat mit rund 4000 Rand (ca. 400 Euro) drei Kinder zu ernähren. Sie sah, was am vergangenen Donnerstag am Hügel passierte: "Die Polizei schoss auf die Bergleute, und die Männer rannten davon, verfolgt von Hubschraubern. Sie kreisten über unseren Hütten - es war furchtbar." Ihr Mann sitze noch im Schock zu Hause. Südafrika reagiert erschüttert. Denn die brutale Gewalt, mit dem die Polizei gegen die streikenden Arbeiter des Bergwerks vorging, weckt traurige Erinnerungen an die Zeit der Anti-Apartheidkämpfe. Damals hingegen schossen Polizeieinheiten des weißen, unterdrückerischen Regimes auf schwarze Aufständler in den Townships.

Die meisten Arbeiter in Marikana stammen aus der ärmsten Region Südafrikas, dem Ostkap. Sie arbeiten in den Minen tief unter Tage, bohren in engen Tunnels mit einem Meter Durchmesser liegend das Gestein auf. Aber sie verdienen das wenigste Geld, es reicht oft nicht für ein menschenwürdiges Dasein.

Besseres Leben und keine Gewalt

"Wir wollen ein besseres Leben, keine Gewalt", sagt Bethuel Mahleke. Der 35-Jährige arbeitet seit vielen Jahren bei der benachbarten Impala-Platin-Mine als Gesteinsbohrer. Seit dem Streik bei Impala, der bereits im Februar begonnen hat, verdient er 5000 statt 4000 Rand. "Es reicht nicht. Ich habe vier Kinder. Wir werden wieder streiken müssen."

Die sozialen Bedingungen der armen Schichten in Südafrika haben sich unter der schwarzen, demokratischen Regierung nicht verändert und bieten immer häufiger Potenzial für gewaltsame Konflikte. In Marikana agieren zwei Gewerkschaften, die sich gegenseitig Mitglieder abringen.

Die vom Lonmin-Werk anerkannte Gewerkschaft NUM bildet als Mitglied im Gewerkschaftsbund Südafrikas eine Allianz mit der Regierungspartei. Gegenüber steht die neue, unabhängige AMCU. Sie findet starken Zulauf bei den Bergleuten, denn sie fühlen sich bei AMCU besser repräsentiert.

"Wir Arbeiter sind nicht gegeneinander", sagt Phantu Phiri. Der 49-jährige Bergmann arbeitet bei Lonmin und ist wie viele Kumpels frustriert. "Das Problem begann, als die Gewerkschaft NUM unsere Forderungen von 12.500 Rand Lohn pro Monat nicht anhörte. Und das Lonmin-Management spricht nicht mit uns." Aber AMCU hat sich den Sorgen angenommen, und der illegale Streik hat begonnen. Phiri saß auch mit seinen Kollegen vergangenen Donnerstag auf dem Hügel, bewaffnet mit einem langen Holzstock. Er meint, die Bergleute hätten nicht auf die angerückten Polizisten geschossen. "Die Polizei eröffnete das Feuer, und ich sah neben mir Körper fallen. Wir rannten, aber sie schossen den Menschen in den Rücken." Die Trauerfeier sei unnütz, schüttelt er den Kopf. Präsident Jacob Zuma soll abdanken.

Zuma hat die Untersuchung der Ereignisse in Marikana eröffnet. "Sie wird die Wahrheit ans Licht bringen", sagt Collins Chabane, Minister im Präsidentenbüro. Er steht zwischen den schwarzen Luxuswagen der Politiker beim Zelt: "Das Geschehene ist eine große Lehre für uns. Aber wenn das Gesetz beachtet worden wäre, hätte das Drama verhindert werden können." Viele verärgerte Bergmänner wollen nun 2014 nicht zur Präsidentschaftswahl gehen, sagen sie. "Es ist ein Heilungsprozess", meint der Minister dazu. Die Regierung arbeite daran, das negative Image Südafrikas zu überwinden. Und Lonmin müsse mit den Arbeitern einen Kompromiss finden. Das gehe nur im Dialog, nicht mit Waffen.

Im Zelt unterbrechen AMCU-Anhänger in grünen T-Shirts mit schwarzer Trauerschleife die Reden der Politiker und fordern mehr Lohn. "Wir wollen nicht wie Tiere behandelt werden, sondern wie menschliche Wesen." Die unerwünschten Minister verlassen stumm das Zelt. (Martina Schwikowski, DER STANDARD; 25./26.8.2012)

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