Nächste Haltestelle: Tarifdschungel

24. August 2012, 18:05
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Wer ohne Auto reist, muss sich mit Verkehrsverbünden, Ermäßigungs- und Tarifsystemen herumschlagen. Der Traum von einer Karte für alle Öffis ist bisher außer Reichweite - außer für Schüler in Ostösterreich, für die es ab Herbst ein Ticket für drei Länder gibt

Wien / St. Pölten - Purkersdorf-Sanatorium ist ein ziemlich unscheinbarer Bahnhof. Die allermeisten Züge, die auf der Westbahnstrecke fahren, brettern einfach durch. Wer eine Jahreskarte der Wiener Linien hat, für den markiert der Bahnhof dennoch einen neuralgischen Punkt: Bis dorthin reicht die Kernzone 100 im Wiener Nahverkehr. Wer sein ÖBB-Ticket gen Westen ab Purkersdorf-Sanatorium kauft statt ab dem Westbahnhof, kann sich etwa bei einem normalpreisigen Fahrschein für die Strecke Wien-Linz 3,40 Euro sparen.

Eine Jahreskarte für den Nahverkehr, eine Vorteilscard für die Bahn, vielleicht noch eine Car sharing-Mitgliedschaft - wer sich ohne eigenes Auto durch Österreich bewegt, der muss sich mit vielen verschiedenen Anbietern herumschlagen. Da kann man schon einmal neidisch auf die Schweiz schielen, wo eine kleine Karte für alle Öffis gilt. In Österreich wurden entsprechende Vorstöße immer wieder abgeblockt.

Auch für den Verkehrsclub Österreich (VCÖ) ist das Österreich-Ticket momentan nicht in Reichweite: zu viele Player in den Ländern und Regionen, zu komplizierte Abrechnungsmodalitäten. Schon realistischer scheint da das E-Ticketing, also die Möglichkeit, alle Verkehrsmittel mit einer Karte oder mit dem Handy bezahlen zu können. VCÖ-Experte Markus Gansterer nennt die Londoner Oyster Card als Vorbild: Auf dieser wird pro Fahrt abgebucht - aber nie mehr, als etwa eine Tages- oder Wochenkarte kosten würde. Technisch, meint Gansterer, sei vieles denkbar - "es ist eine Frage des politischen Willens".

Heikle Verhandlungen

Im Osten Österreichs ist es ab diesem Herbst immerhin Schülern und Lehrlingen möglich, um 60 Euro einen Ausweis zu erwerben, der für alle Öffis der drei Bundesländer Wien, Niederösterreich und Burgenland gilt. Da damit die bürokratisch aufwändige Beantragung der Schülerfreifahrt, die nur für die auf dem Schulweg benötigten Linien galt, wegfällt, soll das Angebot die Länder nicht mehr kosten als die bisher gültige Vereinbarung.

Der niederösterreichische Verkehrslandesrat Karl Wilfing (ÖVP) hat die Lösung mit dem Verkehrsverbund Ostregion (VOR) ausverhandelt. Die Länder springen mit maximal 3,6 Millionen Euro ein, wenn weniger als 60 Prozent der Schüler und Lehrlinge das "Top-Ticket" kaufen. Diesen Schlüssel auszuverhandeln sei das Schwierigste an dem Ganzen gewesen, sagt Wilfing. Ihm schwebt auch eine Ausweitung für Studenten (zu noch unklarem Preis) ab dem Wintersemester 2013/14 vor. Außerdem ist Wilfing der Meinung, dass das Modell der Ost region sich spätestens in drei Jahren auf ganz Österreich ausgebreitet haben wird. Die Idee für ein Ticket für alle Öffis und ausnahmslos alle Nutzer sei aber bisher nicht angesprochen worden. (Andrea Heigl, Gudrun Springer, DER STANDARD, 25./26.8.2012)

  • DER STANDARD-Schwerpunktausgabe "Die Zukunft der Mobilität"

    DER STANDARD-Schwerpunktausgabe "Die Zukunft der Mobilität"

  • Viele unterschiedliche Anbieter statt eines Tickets für alle Öffis in Österreich.
    foto: derstandard.at/lechner

    Viele unterschiedliche Anbieter statt eines Tickets für alle Öffis in Österreich.

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