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Salzburg - Sanft betröpfelt der wahrscheinlich markenrechtlich geschützte Regen einen kühn im Halteverbot abgestellten, noch zwischen den Kriegen hergestellten Rolls-Royce. Im Café Tomaselli zieht die Kuchenmamsell leise ihre hüftgolderweiternden Kreise. Die Wiener Philharmoniker widersagen jeder Versuchung und streben der Vormittagsprobe zu.
Man möchte Rilke zitieren: "Herr, es ist Zeit, der Sommer war sehr groß." Die Fußball-EM ist vorbei, die Olympischen Spiele auch, nur in Salzburg, da spielt man noch. Der Circus maximus der sommerlichen Kulturproduktion lässt seine Aktivitäten sogar in den meteorologischen Herbst hin einlappen; als letzte Opernproduktion gibt es, nach den Soldaten, Händels von den Pfingstfestspielen übernommenen Giulio Cesare in Egitto zu erleben.
Vielleicht als Zeichen des Neubeginns nach den museal ge prägten Muti-Jahren hat die neu inthronisierte Pfingstregentin Cecilia Bartoli das Regieduo Moshe Leiser / Patrice Caurier einen schrägen, zwischen Drastik und Kinderzimmerlustigkeit pendelnden Giulio Cesare auf die Bühne des Hauses für Mozart stellen lassen. Die Tränen, die geweint werden, sind Krokodilstränen: Denn wer in dieser Welt seines Lebens müde ist, hat seinen Kopf in jenen eines Reptils zu stecken (konkret: die nobel singende Anne Sofie von Otter als Cornelia).
Abgesehen von Klamauk und Klamotte bleibt das Geschehen auf der Bühne (Christian Fenouillat) enttäuschend stimmungsschwach und statisch, Schnürboden und Drehbühne dämmern lange komatös vor sich hin. Im zweiten Akt quillt kurz barocke Aktionslust in Form von himmlischem Gewölk heran, und la Bartoli geht ab wie eine Rakete. Ein matter Schlussgag eröffnet den Blick auf den Toscaninihof sowie auf umstürzlerische Werkeinsichten.
Sosehr auch die Szene schwächelt: Auf musikalischem Gebiet wird hier ein Dauerfeuerwerk der Emotionen dargebracht, welches vermittels seiner Differenziertheit, Virtuosität und Überzeugungskraft die nachhaltige Erschütterungskraft großen Kunstschaffens als Folgewirkung hat. Selbst die kleinsten Partien sind - wie etwa Peter Kálmán als gewitzter Curio - herausragend besetzt. Ein bärenstarker Bassbariton à la Bryn Terfel, mitunter einen Tick zu brutal forcierend: Ruben Drole als Achilla. Verlässlich grinsen macht Altstar Jochen Kowalski in der Rockrolle der Nirena.
Vom Triumvirat der himmelsnahen Männerstimmen überwältigt Christophe Dumaux (Tolomeo) mit kampfeslustiger Attacke, Phillippe Jaroussky (Sesto) kann so klar, so rein, auf so natürliche Art und Weise weiblich singen, dass es gefangen nimmt. Etwas leichtgewichtig, harmlos-weich Andreas Scholl in der Titelpartie. Cecilia Bartoli bezirzt mit nuttennaher Kostümierung (Agostino Cavalca) sowie mit Pianissimi, Koloraturen und quirligem Schalk.
Der größte Star des Abends aber ist das Orchester: Il Giardino Armonico erblüht unter Giovanni Antoninis Leitung zum musikalischen Paradies. Die Vielfalt des Klanges ein Spiegel der Vielfalt der Gefühlswelten dieses Großwerks. Sonnenscheinhelle Bravos für die Musiker, heftige Schauer des Missfallens für die Regie. (Stefan Ender, DER STANDARD, 25./26.8.2012)
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