Zwangsarbeit in Heim: Neun Betroffene meldeten sich

24. August 2012, 15:09
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Sprecher des Soziallandesrats: Opfer gaben an, unzureichend oder gar nicht entlohnt worden zu sein

Innsbruck - Nach dem Bekanntwerden von Kinderarbeit in der Tiroler Landeserziehungsanstalt St. Martin in Schwaz für heimische Unternehmen haben sich bisher neun Betroffene bei der vom Land Tirol eingerichteten Opferanlaufstelle gemeldet. "Sie geben an, entweder unzureichend oder gar nicht entlohnt worden zu sein", sagte ein Sprecher von Soziallandesrat Gerhard Reheis am Freitag.

Das Land Tirol hatte in der vergangenen Woche eine eigene "Einsatzgruppe" unter dem Titel "Arbeit in Tiroler Heimen" ins Leben gerufen. Die eingesetzte Kommission sei jedenfalls dabei, "Unterlagen zu sichten" und die historische Aufarbeitung zu vertiefen. Eine erste, wahllose Sichtung der noch vorhandenen Akten habe ergeben, dass die Löhne für Arbeitsleistungen der Jugendlichen mit hoher Wahrscheinlichkeit in Form von Taschengeld und Sparbüchern weitergegeben worden seien. Ob dies allerdings in allen Fällen und in vollem Umfang so gewesen sei, könne derzeit nicht seriös beantwortet werden, hieß es zudem in einer Aussendung. Im Zuge der aktuellen Diskussion um die Arbeitsleistungen sei auch von einzelnen sexuellen Übergriffen berichtet worden. Diese Fälle seien gesondert zu behandeln.

Eglo sprach mit Betroffener

Der Kristallkonzern Swarovski teilte unterdessen mit, dass die angekündigten Maßnahmen zur vollständigen Aufklärung "umgehend in Gang gesetzt" worden seien. Es seien bereits "persönliche Gespräche mit ehemaligen Heimkindern", in denen die damaligen Vorkommnisse klarer werden sollen, zustande gekommen. Die Zusammenarbeit mit dem Land Tirol sei ebenfalls voll angelaufen, hieß es aus der Konzernzentrale in Wattens.

Der Gesellschafter des Leuchtenherstellers Eglo mit Sitz in Pill im Bezirk Schwaz, Ludwig Obwieser, erklärte, dass man mit einer Frau gesprochen habe, die als Jugendliche in den Jahren 1980 und 1981 acht Monate für das Unternehmen arbeitete. Aufgrund interner Informationen wisse man zudem, dass eine weitere Frau infrage komme, die nur für wenige Wochen bei Eglo beschäftigt gewesen sei, sich aber bisher noch nicht gemeldet habe. Obwieser betonte einmal mehr, im Besitz von Belegen zu sein, die die Zahlungsflüsse nachweisen würden. "Es hat einen Vertrag gegeben, das Unternehmen hat vertragskonform gehandelt. Wir haben das Geld überwiesen und somit alles beglichen", meinte der Gesellschafter. Daher sehe er auch keine Notwendigkeit, den Lohn, wie von der Firma Darbo praktiziert, noch einmal zu bezahlen. Sollte sich aber im Zuge der Recherchen wider Erwarten noch herausstellen, dass nicht alles beglichen worden sei, wird das Unternehmen laut Obwieser "hundertprozentig" zu seiner Verantwortung stehen.

Löhne von Darbo noch einmal bezahlt

Darbo-Vorstandsvorsitzender Martin Darbo hatte am Donnerstag erklärt, den Lohn für die damals geleistete Arbeit nach 30 Jahren ein zweites Mal und dem heutigen Lohnniveau entsprechend zu überweisen. Die Lohnzahlungen an damalige Mitarbeiterinnen seien offensichtlich von der damaligen Heimleitung einbehalten worden. "Wir werden die doppelt bezahlten Löhne von denjenigen zurückfordern, die das Geld damals pflichtwidrig einbehalten haben", betonte der Vorstandsvorsitzende.

Den Stein haben ehemalige Zöglinge aus dem Heim St. Martin ins Rollen gebracht. Sie hatten vor mehr als einer Woche darüber berichtet, für Swarovski, Darbo und Eglo in den 60er Jahren Arbeiten verrichtet zu haben, ohne von der Heimleitung entsprechend entlohnt worden zu sein. (APA, 24.8.2012)

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