Christine Nöstlinger: "Waschkörbeweise Post der Empörten"

Interview24. August 2012, 18:17
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Die Kinderbuchautorin und Journalistin Christine Nöstlinger über Unveränderbares im Zusammenleben von Mann, Frau und Kind

STANDARD: Das neue Buch versammelt Glossen aus den 1990er-Jahren. Erstaunlich, wie heutig sich diese Texte lesen: Hat sich wirklich so wenig geändert im Zusammenleben zwischen Mann, Frau und Kind?

Christine Nöstlinger: Anscheinend. Wenn es um Liebe oder Liebe zu Kindern geht: Da verändert sich doch nicht so viel. Und jene Mütter, die ihre depperten Kinder für hochbegabt halten, die gab's vor zwanzig Jahren, und die gibt's heute genauso.

STANDARD: Die Frage ist: Werden fragliche Mütter mehr?

Nöstlinger: Ich glaube, sie werden nicht mehr, aber inzwischen wurde ihnen ein Wort gegeben: Vor 25 Jahren kannte man den Ausdruck "hochbegabt" noch nicht, oder zumindest hatte es sich noch nicht bis zum Profil- oder Kurier-Leser herumgesprochen, dass Kinder in der Schule schlecht waren, weil sie in Wahrheit zu den "Hochbegabten" zu zählen waren, was zur Folge hatte, dass die Mamas nicht darauf zurückgreifen konnten. Aber jetzt lesen sie es überall, und was liegt also näher, als diesen Schluss zu ziehen?

STANDARD: 1990, das war die Zeit von "halbe-halbe", einer Kampa gne der damaligen Frauenministerin Helga Konrad ...

Nöstlinger: Der Mops im Paletot, ich erinnere mich. Das war ein Kinderspruch in den Poesiealben: "Sei so fröhlich, sei so froh, wie der Mops im Paletot." Konrad hatte ein Mopsgesicht, und sie trug konsequent knielange Röcke, was damals überhaupt nicht modern war, und darüber eine Jacke, die zehn Zentimeter kürzer als der Rock war.

STANDARD: Jedenfalls sorgte "halbe-halbe" für große Irritation. Wie haben Sie das erlebt?

Nöstlinger: Wie viele Frauen: Ich hielt die Idee für gut und richtig. In meinem Privatleben hielt ich mich aber überhaupt nicht daran und erledigte immer alles alleine. Konrad war bei uns kein Feindbild, wir lachten über sie. Theoretisch waren wir ja viel weiter. In der Praxis sah es anders aus. Ich hatte um mich herum keine Ehe, wo irgendein Mann "halbe-halbe" gemacht hätte. Und ich darf sagen, dass ich auch heute kaum Verbindungen kenne, in denen das so ist. Gut, der Ehemann meiner Tochter ist wirklich ein Halbe-halbe-Mensch, vielleicht sogar etwas mehr. Aber ich gestehe, dass mir das anfangs komisch vorkam und ich mich vom Hirn her zur Ordnung rufen musste. Ein Mann, der in der Küche herumwuselt und mit kleinen Kindern besser zurechtkommt - irgendwie hat mich das nicht enflammiert.

STANDARD: Sie waren mit diesen Glossen eine der wenigen, die sich um die ganz banalen Alltagssorgen von Hausfrauen und Müttern schrei berisch kümmerten. Wie waren die Reaktionen?

Nöstlinger: In der Zeit beim Kurier erinnere ich mich an Texte, die so harmlos waren, und trotzdem kam waschkörbeweise Post der Empörten, und ich hielt es gar nicht für möglich, dass sich Chefredakteure so nach dem Dreck richten, der da von Lesern kommt, und mir tatsächlich vorschlagen, ich möge doch mit dieser und jener Schreiberin reden. Zum Beispiel trug ich sehr simpel vor, dass im There sianum Mädchen aufgenommen werden sollten. Es gab eine Front von Mamas, die drauf geschaut haben, dass ihre Buben unter sich bleiben.

STANDARD: Trotzdem galten Sie in der Öffentlichkeit nie als böse Emanze. Weil man sich sagte, die schreibt Kinderbücher, also kann sie keine völlige Bissgurn sein?

Nöstlinger: Weil ich, wie ich hoffe, doch ein bissel witziger war und weil ich keine wirkliche Feministin war. Theorie und Praxis waren damals nicht kompatibel, oft genug auch aus Gründen der Bequemlichkeit. Ich fand nie, ich müsse irgendetwas durchkämpfen, wenn klar war, andersherum geht's einfacher.

STANDARD: Wurden Sie von Feministinnen angefeindet?

Nöstlinger: Vielleicht verachteten sie mich, aber ich glaube eigentlich gar nicht. So viele gab's auch wieder nicht, die lila Latzhosenfraktion. Ich kannte von vielen den Lebensweg, und die hatten derartige Schwierigkeiten mit Männern, dass ich immer dachte, na ja, bei diesen Erfahrungen, die die mit Männern gemacht haben - das ist wirklich eine ganz private, persönliche Wut. Und ich habe Männer immer geliebt. Ich war das Papakind und konnte nie einen Grant auf Männer haben.

STANDARD: Auf Frauen?

Nöstlinger: Ich habe mich mit Frauen lange Zeit eher schwergetan. Aber das ist lange her. Wie lange, kann man sogar an meinen Kinderbüchern ersehen. Die ersten 15 bis 20 Jahre habe ich ganz fürchterliche Weiber als Mamas. Sie werden im Laufe der Jahre milder, einsichtiger.

STANDARD: Heute stellt man eine gewisse Kolumnenflut und Kommentierungswut fest. Wie sehen Sie den Zwang zur Äußerung?

Nöstlinger: Es ist für Journalisten bequem. Kolumnen zu schreiben ist gar nicht so schwer.

STANDARD: Wirklich?

Nöstlinger: Es braucht eine ge wisse Disziplin. Wenn du täglich um elf Uhr eine Glosse abgeben musst, erzeugt das schon einen gewissen Stress. Bei Täglich Alles träumte ich in der Nacht keine Bilder mehr, sondern Texte.

STANDARD: Wie gingen Sie mit dem Druck um?

Nöstlinger: Ich hatte diese Wahnsinnseinbildung, dass ich den Leuten etwas beibringen kann, wenn ich in einer depperten Zeitung etwas Vernünftiges schreibe. Das kann man nicht. Auf der Seite gegenüber dichtete Gerd Leitgeb. Und wenn mir ein Leserbriefschreiber schreibt, "Ihre und Herrn Leitgebs Artikel lese ich am liebsten" - was soll ich mir dabei denken? Ich habe etwas falsch gemacht, genau das dachte ich und ließ es wieder bleiben.

STANDARD: Mit Schreiben etwas bewirken: Geht das?

Nöstlinger: Ich denke, man kann flankierende Maßnahmen zur Bewusstseinsänderung setzen. Wenn mir Frauen heute erzählen, ich habe ihnen durch zwei Jugendjahre hinweggeholfen, und sie haben das Leben leichter ertragen, dann hat es etwas bewirkt.

STANDARD: In Zeiten des Internets sind Kinder heute so gefesselt von Ihren Büchern wie früher. Sie haben einen zeitlosen Ton gefunden?

Nöstlinger: Sprachwitz und Ironie gefallen Kindern ab einem gewissen Alter. Mich erstaunt, dass es Zwölfjährigen nicht auffällt, wenn sie alte Bücher von mir lesen, in denen Kinder kein Handy, kein Internet haben. Anscheinend lesen sie die Bücher nicht als historischen Roman.

STANDARD: Haben Kinderbücher in Zeiten von SMS, Facebook, Internet langfristig Chancen?

Nöstlinger: Verkauft werden sie immer noch. Ich glaube, auch nicht schlechter als früher. Autoren haben weniger Chancen. Den Verlagen geht es offenbar doch schlechter als früher, Spielraum für Experimente gestattet sich heute kaum mehr ein Verlag.

STANDARD: Sind Kinder gescheiter als früher, weil sie immer und überall nachschauen können?

Nöstlinger: Glaube ich nicht.

STANDARD: Sind sie dümmer?

Nöstlinger: Meine Töchter sind auf gewissen Gebieten gebildeter als ich. Was die klassische Bildung betrifft, haben sie Lücken. Aber Hirn haben sie mindestens so viel wie ich, vielleicht mehr. IQ-mäßig sind wir eine gute Mischung. (Doris Priesching, Album, DER STANDARD, 25./26.8.2012)

Christine Nöstlinger (76) schrieb mehr als 100 Bücher. 2003 wurde sie mit dem Lindgren-Preis geehrt. Bis 1998 schrieb sie Glossen in "Kurier", "Die ganze Woche" und "Täglich Alles". Eine Sammlung erscheint jetzt bei Residenz unter dem Titel "Liebe macht blind - manche bleiben es".

  • Christine Nöstlingers Schreibauftrag: "Flankierende Maßnahmen zur Bewusstseinsveränderung".
    foto: hendrich

    Christine Nöstlingers Schreibauftrag: "Flankierende Maßnahmen zur Bewusstseinsveränderung".

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