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Setzt in ihrem Debüt auf das Unzeitgemäße: Vea Kaiser.
Der Titel des Erstlings der 24-jährigen Vea Kaiser führt den Leser in die Irre: Blasmusik trifft das darin untersuchte Milieu recht genau, doch mit Popliteratur hat das Buch nichts zu tun. Ganz im Gegenteil: Statt um Markenware und Songtitel geht es hier um ein Namedropping antiker Autoren, von Homer bis Euripides.
Einer so jungen Debütantin muss man es hoch anrechnen, wenn sie auf das Unzeitgemäße setzt: ein abgelegenes Bergdorf namens St. Peter am Anger, dessen seit Jahrhunderten in "splendid isolation" verhaftete Bewohner, ein begabter Bub, den dort, abgesehen von seinem Großvater, keiner versteht und der sich ausgerechnet Herodot zum geistigen Schutz patron gewählt hat.
Darf man da so kleinlich sein, den Roman an Ryszard Kapuscinskis Reisen mit Herodot zu messen? Dessen existenziellen Ernst zu vermissen? Vermutlich nicht. Der Roman beginnt mit den ethnografischen Aufzeichnungen eines Johannes A. Irrwein, der sich als Enkel des Doktor Johannes Gerlitzen vorstellt - mit den Bergnamen hat es die Autorin, die Bewohner von St. Peter am Anger heißen Patscherkofel, Kaunergrat, Ötsch und Hochschwab.
Vea Kaiser erzählt uns, kapitelweise unterbrochen von den Chronikeintragungen über die "Bergbarbaren", Johannes Irrweins Biografie als Familiengeschichte, beginnend mit dem Auszug des Großvaters, eines Holzfällers, der eines Tages von einem Fischbandwurm befallen wird und, um der Sache auf den Grund zu gehen, in die Welt des Lesens eintritt: vom Bandwurm zum Bücherwurm.
Johannes Gerlitzen freut sich nicht über die Geburt seiner Tochter, weil sie seinem Nachbarn verdächtig ähnlich schaut, und kehrt St. Peter wie der Familie den Rücken, um "Doktor" zu werden. Als Parasitologe und Dorfarzt kehrt er Jahre später zurück und kümmert sich, noch später, um die Erziehung seines Enkels, der in seine Fußstapfen treten soll und zwar ein gewisses Forscherinteresse an seinem Kaninchen Schlappi aufbringt, sich aber für die Welt der Würmer nicht wirklich zu begeistern vermag. Nach dem Tod des Großvaters wird der kleine Stubenhocker vollends zum Außenseiter.
Seinen Eltern - der Vater ist wie der des Heilands Zimmermann - ist Johannes jun. gänzlich unbegreiflich, allein einem im Jaguar in St. Peter einreitenden, ebenso bildhübschen wie grundgütigen Benediktinerpater hat er es zu verdanken, dass er aufs Stiftsgymnasium darf. Dort gesteht er sich endlich ein, dass seine Liebe in Wahrheit der Historiografie gilt, und wird Mitglied eines fortschrittsfeindlichen, hellenophilen Schülergeheimbunds. Gottlob verzichtet Kaiser auf pädophile Schlüpfrigkeiten, das Feindbild ist nicht die Kirche, sondern der neue Direktor, der das humanistische Ideal dem merkantilen Interesse opfert. Bei der Matura fällt der Vorzugsschüler durch, weil er sich allzu temperamentvoll weigert, Herodots historische Zuverlässigkeit anzuzweifeln.
Die wahre Reife erlangt Johannes, als er im bis dato verhassten Heimatort ein nützliches Mitglied der Dorfgemeinschaft wird: indem er für seinen handfesten Fußballerfreund Peppi und den FC St. Peter ein spektakuläres Freundschaftsspiel mit dem FC St. Pauli organisiert. Und als geläuterter frühvergreister Hagestolz natürlich auch das weibliche Geschlecht für sich entdeckt: ein Bildungsroman mit Happyend.
So ist Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam Gymnasiastenprosa für Fortgeschrittene: erzählfreudig, detailverliebt, wissensgesättigt, bildungsbegeistert, mit klugen Überlegungen zur Authentizität von Geschichtsschreibung oder zur Prägung des Denkens durch die Sprache.
Dass die skurrile Alpenrepublik Österreich heißt, wird durch Hinweise auf Maria Theresia und Joseph II. klar. Vea Kaisers Faible für das Verschrobene wirkt allerdings so angestrengt wie anstrengend, vor allem der den Einheimischen in den Mund gelegte Kunstdialekt - "hiazn knie di nieda und frag, ob i di heiratn wüll". Andererseits: So sehen uns die Deutschen gern.
Im jugendlichen Überschwang sind der Autorin einige Sprach-Schnitzer passiert, so manches geht ihr dafür allzu glatt von der Hand (wie das vergnügt quietschende Kind).
Würde man diesem Buch nicht den Bonus der literarischen Unschuld zubilligen, müsste man sagen, dass sein Humor etwas Läppisches und Täppisches hat. Alles ist hier gleich putzig: der Bandwurm, das tote Kaninchen, ja sogar Johannes' Selbstmordversuch, der in den Ästen des Nussbaums endet, eine wahre Orgie der Harmlosigkeit. Vea Kaiser hat eine supersaubere alpine Versuchs station gebaut, eine literarische Märklinwelt, wie sie auf der Innenseite des Buchrückens abgebildet ist.
Ob man die hier kolportierten Streiche und Sprüche amüsant findet, mag eine Frage des persönlichen Humors sein. Kaisers Erzählung ist aber von einer mitunter schwer erträglichen Weitschweifigkeit; Unerhebliches wird akribisch ausgemalt, und wenn der Leser die ausgeheckte Intrige längst durchschaut hat, bekommt er noch eine Erklärung nachgeliefert.
Vea Kaiser weiß angeblich noch nicht, ob sie Gräzistin oder doch Schriftstellerin werden will. Man möchte ihr zum Zweiten raten und fürs nächste Mal eher Euripides statt Herodot ans Herz legen: mehr Schatten in die Legolandschaft! (Daniela Strigl, Album, DER STANDARD, 25./26.8.2012)
Vea Kaiser, "Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam". 20,50 / 489 Seiten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012
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"Den gr. Shooting-Star" (vom ORF gehypt) sehe ich in dieser Autorin nicht. Bei allen berechtigten Kritikpunkten, dir mir schon beim Anhören der kurzen Auszüge im ORF ebenfalls aufgefallen sind, sollte man trotzdem fair aburteilen und nicht beleidigen. Wenn der Verfasser (warum anonym?) schreibt, es sei Gymnasiastenprosa für Fortgeschrittene, ist das zwar ein markiges Fazit aber keine sachliche Kritik, sondern wiedermal das Ergebnis einer massentauglichen Verknappung eines untergriffigen Kritiker-Prozesses, bei dem selbst auferlegte Vorurteile (junges Alter= literarische Unerfahrenheit/Unbeholfenheit ) abgearbeitet werden müssen. Hier entpuppt sich die ansonsten schlüssige Kritik als eine Art Gymnasiallehrer-Rezension für Fortgeschritten.
ich fand es sehr unterhaltsam, liest sich ein wenig wie ein Comic, die Figuren und Situationen immer ein wenig überzeichnet, fast ein tilt-shift Buch. Mal was anderes, Mut zur Unterhaltung ohne dabei seicht zu sein. Eines meiner Lieblingsbücher der letzten Zeit - Ja, Leseempfehlung.
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